eines Kindes.
Oft überrascht mich mein Johannes – so heisst jener schöne Jüngling, von dem ich Dir geschrieben – und setzt sich zu mir und trauert mit mir. Ich sah's ein paarmal schon, dass sein Auge blinkte wie der Tau auf der Blume, und er sich zur Seite wandte und die Tränen sich abwischte. Er muss auch einen Kummer auf seinem Herzen haben.
Ach, wozu führt mich noch all das unbegreifliche, unaussprechliche Sehnen? Ein Etwas blickt mich oft an wie die bescheidenen Stahlen der Morgensonne und umweht mich wie der buhlende Wind. Da ist's mir, als ahnt' ich etwas Grosses, Heiliges, das da kommen wird. Teodor, denke Dir, was Du willst!
Phaeton an Teodor
Oft wenn ich erwache bei Nacht, da sehe' ich meinen Amor vom Mondlicht wie von einem zarten innigen Leben glühend, und es ist mir dann, als ob das stumme Bild mehr als toter Marmor wäre.
Warum will die Jugend immer nur das Grosse? In ungeheuren Schöpfungen will sie sich offenbaren; und was ist mehr, die Riesengestalten Ägyptens oder die stille gemässigte natürliche Schöne der Griechen?
Die Kunst der Griechen ist wie das wellenlose spiegelklare Meer. Sie ist immer heiter. Der schöne Himmel Griechenlands ist überall abgespiegelt. Aus allem lächelt das Leben, wie bei uns aus allem der Tod. Denn was ist es anders, das uns anhaucht in dunkeln Schauern aus den unendlich verzierten und verschnörkelten Strebepfeilern, Gewölben und Bögen, den hohen bemalten Fensterscheiben, den unzähligen Nischen und Spitzgebäudchen, den Kruzifixen, Blumen und Heiligenbildern des gotischen Domes als der Tod? Ich will es nicht tadeln; aber ist das heitere Spiel des Lebens und der Schönheit nicht mehr als der schaurige, ewig aus den gespensterartigen Formen hervortretende Geist des Grabes?
In allen Werken der Alten ist Ruhe, die Schwester der Grösse. Das Kolosseum wie die Siegesgesänge des Pindaros sind riesengross; aber ein ruhig stiller Geist spricht aus dem Bau der Steine wie der Strophen.
Mass in Fülle, und Fülle in Mass, das ist das Wesen der Griechen wie überhaupt das Wesen der Kunst.
Auf der Stirne des Zeus sträuben sich die Locken wie die Mähne eines Löwen und strudeln über die Schläfe hinunter; aber die Miene des Weltgebieters ist mild. Und schüttelt er nur die Locken, so zittert Himmel und Erde.
Ich kann Dirs nicht verbergen: auch mich ergreift noch das Gigantische, das Mass Überschreitende. Der verlassene, auf der Heide mit den empörten Elementen kämpfende Lear wär' ein Vorwurf für mich. Aber lass nur die Wogen sich bäumen! Dann besänftigt sich das Meer schon wieder.
Das ist eben das Grösste, dass bei den Griechen alle Werke e i n Geist beseelt.
Stelle Dich vor den Laokoon und erkenn' in ihm den tiefen Geist der Ruhe des Sophokles. Er hat den Knoten der begebenheiten wie der Schlangen geschlungen.
Wie der gewaltige Pheidias nur das Riesenmässige liebte, so geht auch Äschylos über das Gewöhnliche hinaus, und sein hoher mächtiger Geist regt sich wie im alten Reiche die Urgötter. Die Gestalten des Sophokles haben die Rundung des vatikanischen Apoll; aber sie sind noch keusch wie die Tochter Latonas. Im Euripides schweifen sie ins Weichliche, Üppige hinüber wie in den rundlich schwellenden Formen des Dionysos. Wenn der blick an den übermässigen Formen des Pheidias und Äschylos aufgehalten wurde, so gleitet er ruhig und selig über die liebliche Fülle des Sophokles und des Antinoos hin.
Es ist alles Einheit und Harmonie bei den Griechen.
Phaeton an Teodor
Ach Teodor, warum bin ich so allein?
Sieh, ich weiss oft nicht, wo's noch hinaus will mit mir, wenn ichs denke. Da klopft, da glüht mein Herz, und mein Klavier ist dann mein einziger, mein schmerzlich süsser Trost. O, es ist etwas Grosses, Göttliches, sein Inneres so ganz wiederklingen zu hören, wie's kaum von einer harmonischen Seele klingt.
Diese Fülle in meinem Busen und all das Sehnen! O Teodor, mein Herz blutet!
Wäre nur erst die Kunst meine Braut und die Welt die Rosenlaube, worin ich sie umarme! Aber ach, ich fühle mich noch so gering, und viele, die mich kennen, verstehen mich nicht.
Nach Taten dürst' ich wie nach dem stärkenden Labequell der erhitzte Wanderer.
Und was soll ich auch tun? Das Land, wo ich am liebsten wandeln möchte, steht da wie eine verlassene Welt.
Kein Ahorn umschattet mehr am Ilyssos die heiligen Bilder der Nymphen und des Acheloos, und keinen schönen Jüngling bezaubert Sokrates, der göttliche, mehr an den grünen Ufern durch seine erhabenen Lehren. Artemis, die Keusche, spielt nimmer mit den Nymphen am lorbeerumwehten Eurotas. Wo sind die Tauben in Dodonas uralten Eichenwäldern und ihre wunderbaren Säulen? Die Götter flohen, und halbzerbrochne Säulenschäfte, verwitterte Marmorblöcke unterm Schatten der Platanen deuten allein noch schaurig auf die alten Tempel.
O, hinanrennen hätt' ich mögen das Olympische Stadion und siegen, Teodor, dass der Ölzweig meine Stirne kränzte wie ein Abendwölkchen die goldnen Bergesscheitel.
Warum erinnert mich auch alles daran, dass ich allein bin auf der Welt?
Vor einigen Tagen kam Johannes zu mir. Seine Miene war ungewöhnlich heiter; seine Gebärden hastig und munter. Mir fiel es auf. Es war ein schöner Morgen, und wir gingen ins Freie. Johannes ward immer reger und fast wild. Wir setzten uns endlich auf einem Hügel nieder. Lange waren