1822_Waiblinger_103_49.txt

ja unsichtbar. Er habe längst schon keinen Körper mehr. Ich solle nur ruhig sein. Er wolle mir schon auch blaue Tremsen bringen. Gott liebe ja seine Menschen. Ob ich's denn nicht gesehen, wie der Mond sein Auge zugedrückt habe. Er sei sehr gern im Himmel; werde sich nächstens auch einen Regenbogen machen, und für das Übrige werde er schon sorgen.

Mit blutendem Herzen empfahl ich Katon noch einmal die sorge für den Armen, nahm Abschied von der kranken Cäcilie und schied.

Ach, Freund, das Viele, das mir begegnet, drängt sich so eng und mächtig vor meinen Sinnen zusammen, dass ich mich nicht mehr zu fassen weiss.

Du kanntest ihn ja, wie er war. Du würdest schaudern, wenn Du sähest, wie er ist.

Alles, alles hat er verloren, was er hatte, was ihn so gross machte, was ihn zu Gott hinanhob. Er hat alles verloren, sich selbst, die Welt und Gott.

Mensch, was bist Du in Deinem Stolze?

Ich will nichts weiter sagen. Es ist fürchterlich. Meine Sinne verwirren sich schon ob dem Gedanken.

Lebe wohl! Phaetons Raserei ging in einen stillen Wahnsinn über. Katon tat alles, was er konnte. Es half nichts.

Von allen seinen Freunden und Bekannten, von seinem ganzen vorigen Leben, selbst von Atalanta sprach er nie ein Wort. Alles, was er über die Lippen brachte, waren Worte, aus einer Menge fremder Sprachen untereinander gemischt, und tausend sonderbare Sätze voll Unsinn und Halbsinn.

Nur einmal lief er davon und ging in das Dorf, wo er einst gewohnt. Er wusste noch Johannes Haus; öffnete die tür. Der Gute sass am Fenster, sah die schreckliche Gestalt zur Tür hereinkommen; kannte sie nicht, erschrak. Phaeton legte sich über einen Tisch herein, blickte ihm starr ins Gesicht, sagte mit fürchterlicher stimme, durch den Bart murmelnd: Phaeton! und lief wieder zur tür hinaus. Er ging dann wieder dem schloss zu. Von da an besuchte ihn Johannes fast alle Tage. Der Wahnsinnige schien sich aber an nichts zu erinnern.

Wenn er Katon oder Cäcilie beleidigt hatte, kam er immer wieder zu ihnen, bat sie in lauter Worten ohne Sinn um Vergebung.

Er spielte viel auf dem Klavier, aber lauter verwirrte Phantasien. Schrecklich war's, den Wahnsinnigen spielen zu hören!

Des Nachts stand er meistens auf und wandelte durch den Garten oder durch die Gänge des Schlosses. Wenn er ein Kind sah, winkte er ihm freundlich, wollte es zu sich locken; aber die Kinder flohen ihn.

Alles, was er bekommen konnte von Papier, überschrieb er in dieser Zeit. Hier sind einige Blätter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemütes geben. In der Urschrift sind sie abgeteilt wie Verse nach pindarischer Weise.

Phaetons letzte Aufzeichnungen

In lieblicher Bläue blüht mit dem metallnen dach der Kirchturm. Den umschwebt Geschrei der Schwalben; den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne geht hoch darüber und färbt das Blech im Winde; aber oben stille kräht die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen; ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Waldes. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, dass man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal wie Reiche, haben diese Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: So will ich auch sein? Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die reine, dauert, misst nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gotteit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaube' ich eher. Des Menschen Mass ist's. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnt der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch; der heisst ein Bild der Gotteit. Gibt es auf Erden ein Mass? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blüht unter der Sonne. Es findet das Auge oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O, ich weiss das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muss rein bleiben; sonst reicht an das Mächtige auf Fittichen der Adler mit lobendem Gesange und der stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist's! Du schönes Bächlein, du scheinst rührend, indem du rollst so klar wie das Auge der Gotteit durch die Milchstrasse. Ich kenne dich wohl; aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben sehe ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhofe.