Erde, wo Du wandelst, und denket Dein.
Die letzte Scheidewand fällt! O lass uns noch einmal miteinander beten, beten wie unsterbliche Geister, wie Kinder des alliebenden Gottes:
Heilig, Gott, ist Deine Welt, das Werk Deiner
Allmacht! Licht der Lichter, Kraft der Kräfte, Du
Geist der Reinheit, Dein Wesen ist wie eine lautere
Flamme! Nur die Reinen kommen zu Dir! Nimm
uns auf, Deine Kinder! Nimm uns auf an Deinen
Busen!
Phaeton, Phaeton, wir sehen uns drüben! Meine Seele füllen unendliche gesicht.
Wir werden schweben in Deinem Morgenrot, o Gott, und uns baden in seinen wallenden Wogen wie milchweisse Schwäne, auf- und untertauchen in den glühenden Wellen voll Licht und Wärme, dahinfliegen durchs All, Arm in Arm, zwei selige Geister! Unsere Häupter umwallt die ewige Schöne Gottes. Auf unserer Stirne schwebt der grosse Gedanke der unsterblichen Schöpfung. Unser Auge ist die göttliche Kraft des hellen befreiten Geistes, der das Wesen durchdringt seines liebenden Gottes! Auf unsern Wangen bebt die Liebe des Allerhalters, die er kundtut dem Menschen in allen Sonnen und Monden, Erden und Milchstrassen, in jedem saftigen Kraut, jedem flüsternden Blatte, jedem freundlichen Sonnenblick. Unsere Brust schwellt die Wonne der Unsterblichkeit, unsers freien göttlichen Wirkens und Webens in Gott. In ihr drängt sich zusammen die ganze überschwängliche Fülle des Guten und Schönen, das im Weltall keimt und reift!
Schon fühl' ich mich freier; schaue die Bahn, auf der ich wandle zum Schöpfer, wandle so schnell wie der Gedanke entgegen der ewigen Wonne, dem ewigen reineren Sein, entgegen der heranwallenden Schöne Gottes.
Phaeton, willst Du Deine Braut auf Erden noch an Deine Brust drücken, so eile, so eile! Ein Bote war gekommen und hatte den Brief gebracht. Zugleich erzählte er auch das Nähere von Atalantas Krankheit.
Teodor wusste sich kaum zu fassen. Er war entschlossen, Phaeton dahin zu begleiten.
Er weckte ihn aus seiner Betäubung, wollte sprechen und konnte es nicht vor Weinen. Phaeton bekam von neuem Zuckungen. Teodor musste ihm mit Gewalt die arme halten. Der Unglückliche sprach nichts. Nur einmal stiess er mit einem fürchterlichen Seufzer die Worte aus: Nur die Reinen kommen zu Gott!
Teodor bestellte den Augenblick ein paar Reitpferde und hielt selbst beim Fürsten an. Er bekam die Erlaubnis.
Sie ritten ab. Tag und Nacht brausten sie fort.
In drittalb Tagen ritten sie zum Schlosstor hinein. Ein Brief von Teodor, den er an einen seiner Freunde schrieb, meldet folgendes:
Teodor an Mör[ike]
Es ist entschieden mit unserm Freunde! Es ist fürchterlich entschieden!
Der Phaeton, der einst jene grosse Welt im Busen trug, der einst das geliebteste Kind der liebenden natur war, der einst so kühn unter uns allen stand wie ein gewaltiger in die Wolken gestreckter Riesenberg unter niedern Hügeln, der Phaeton ist – wahnsinnig!
Weine mit mir! Beweine den Armen! O, was hab ich gelitten in diesen Tagen!
Noch bin ich wie betäubt, zittre, schaudre in allen Nerven.
Wir ritten Tag und Nacht. Am andern Morgen wechselten wir die Pferde.
Phaeton sprach kein Wort. Mit fliegenden, vom Wind gewirbelten Haaren rannte er besinnungslos die Strasse dahin.
Zwei Nächte durch schliefen wir nicht.
Am dritten Tag waren wir in der Nähe des Schlosses. Phaeton sprang vom Pferde, stürzte mir wütend um den Hals und presste mich riesenmässig an seine
Da stand ich einst! rief er fürchterlich weinend. Gott! Gott! Verlass mich nicht! Seine Lippen schäumten. Es war das letzte vernünftige Wort, das ich von ihm hörte.
Wir stürmten durchs Schlosstor hinein. Es war ein heiterer schöner Abend. Der Westen brannte von wallendem Golde.
Ein Diener lief uns entgegen. Seid Ihr da? rief er schluchzend. Sie stirbt, sie stirbt!
Wir rannten die Treppen hinauf. Phaeton riss eine Tür auf. O Gott! Ich muss aufhören; die Worte schwimmen vor meinen Augen.
Freund, ich sah sie, die mir Phaeton einst mit solch trunkenen Worten geschildert! Ich sah sie in ihren letzten Augenblicken.
Höre und bete!
Ein hochgewölbtes Zimmer umfing uns, wo oben auf blauem grund die lieblichsten Engelsgestalten in tausendfachen Stellungen schwebten. Auf einem mit Purpur überwallten Bette lag sie:
Ein sterbender Engel!
Ihr blasses Haupt ruhte matt auf einem Kissen. Ihre dunkeln Locken lagen in langen Wallungen um sie her. Hellgrüne Akazien, glühende Rosen waren im Kranz um ihr Haupt geschlungen. Ein paar grosse dunkle Augen voll Himmel und Frieden blickten traurig und doch selig die Umstehenden an. So lag die Blasse, die Schöne.
An ihrem Bette kniete seine Cäcilie, wie in einen unaussprechlichen Körper hingegossen, ohne Seufzer, ohne Sprache. Ein hoher Mann stand am haupt der Sterbenden, der die Stirn mit seiner Hand verdeckte. Katon war's, ihr Vater.
Das Wort fasst dieses Bild nicht!
Phaeton lag vor ihr, bedeckte ihr bleiches Angesicht mit seinen wilden Locken, küsste sie wütend.
Er sprach kein verständliches Wort. Nur fürchterliche Seufzer stöhnte er aus.
Sie wand sich los mit schwachen Kräften und erhob sich etwas und neigte sich gegen den Knienden.
Gott, Du hast Menschen, die Dir gleichen!
Dieses Auge, ach dieses überschwängliche Auge, mit dem sie ihn ansah! So unendlichwunderbar schauernd! So voll Trauer; voll Milde! Halb verletzt und doch voll unaussprechlicher göttlicher Liebe.
Er aber glühte;