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ich mich noch so ewig fühlte, o da war ich wie ein Gott!

Auf das ewige Sehnen und Kämpfen, das Ringen und Treiben muss doch Ermattung folgen, und auf Ermattung?

Tod?

Eine Träne im Auge meines Mädchens, ein blick in ihre Seele, ein Kuss auf ihre reinen Wangen, ein stummer Druck ihrer Hand, machte mich das nicht unsterblich?

Das Leben ist ein ungeheures Meer, in dem wir schwimmen, bis seine Wogen uns verschlingen.

Es ist Gott wohl ein liebender Gott; aber ich fühle doch, wenn er mich an seinen Busen drückt, dass ich so klein bin gegen ihn.

O, sich ihm zu nähern und nicht zu Nichts zu werden! Vor ihm bleiben zu können, dazu muss man rein sein wie sie, wie sie!

Wir Menschen sind nur Wolken, die vorüberwandeln am Himmel und manchmal durchglüht werden von seinem Hochrot; aber sie verwehen wie Träume. Alles, was er noch in dieser Zeit zeichnete, trug den Stempel seiner Geistesverwirrung: himmelstürmende zurückgeschleuderte Riesen; Eichenstämme, samt den Wurzeln aus dem Boden gewirbelt und über wildes jähes Felsgeklippe taumelnd; engelschöne Mädchen, die hände betend zu Gott hebend; abgezehrte, die hände ringende, zu Boden liegende Jünglinge; Kirchhöfe, worin beim Mondlicht die Geister über den Gräbern schweben und einsame Menschen um ihre verstorbenen Geliebten trauern. Dann zeichnete er wieder Atalanta mit dünnem fliessendem Gewande, mit aufstrebenden Flügeln, auf Wolken schwebend, in den langen fliessenden Locken junge Blumen, mit zartem offenem Busen, die gott-trunknen Augen zu einem grossen Auge hebend, das über ihr aus wallendem Lichte quoll, womit er das Auge Gottes bezeichnen wollte. Das wiederholte er hundertmal und fügte zuletzt immer seltsamere Bilder und Zeichen hinzu. Er verschloss alles sorgfältig, was er gebildet.

Wenn er einen schönen weissen Knaben sah, drückte er ihn an den Busen, weinte, nannte ihn ein Kind der Sonne.

Gegen Erwachsene war er verschlossen und geheimnisvoll. Die Worte G o t t und N a t u r kamen nie auf seine Lippen.

Um diese Zeit erhielt er einen Brief von Atalanta, der sich schloss auf folgende Weise:

Atalanta an Phaeton

Ich stand am See. Der Mond schien ebenso hell auf die stille dämmernde Gegend wie einst, als wir miteinander in den Kahn traten. Blasses Gewölk küsste die verschwimmenden Bilder der Berge. Der Wind spielte wie ein liebender Geist in den Blättern. Überall war ein sanftes inniges Wogen der natur, in den silbernen zitternden Wellen, im wankenden Laub, in den Bildern der Bäume auf dem Wasserspiegel, in den Wolken des lautern Äters. Selbst der dunkle Himmel schien zu quillen und zu wogen wie ein seelenvolles lieberfülltes Auge. Und doch war's so eine heilige Stille, so ein überschwänglichsüsses Schweigen.

Ich schaukelte mich allein im Kahne. Mein Auge hob sich zum Mond und weinte seine Tränen hinauf und trank Ruhe, Demut und Frieden aus seinem Lichte. Immer stiller und stiller ward mein Gemüt und immer lauterer, voller. Ein unbegreiflich seliges Sehnen schwang mich fort. Dann verlor sich mein nasses Auge in Himmel und wasser, drang tiefer und immer tiefer, bis es schwamm in Licht und Dunkel.

Ich schlummerte ein im Kahne. Mir träumte, es wäre auch Mondnacht und ich triebe in der nämlichen Gegend auf dem See. An Dich dachte' ich. Vom Ufer herüber aus dem Laube schwebten unendlich zarte Töne, drangen durch mein Tiefinnerstes, voll Liebe, voll Innigkeit, voll reiner Seele. Mit einemmal hob sich der Kahn im Gewässer. Ich erschrak. Ein weisser zarter Knabe mit blonden Locken und duftenden Rosenkränzen lenkte mit rosenroten Banden ein paar blendendweisse Schwäne durch die Luft. Seine Nähe war wunderbar beseligend. Er schwebte zu mir in den Kahn und legte seine Händchen um meinen Hals und blickte mich so liebend an mit seinem blauen Auge und küsste meine Lippen. Dann zogen die Schwäne den Kahn durch die Luftwellen weiter und immer weiter. Es schwand das Dunkel. Mich umwogte das glänzendste reinste Licht. Da wachte ich auf. Der Kahn war wieder ans Ufer getrieben. Ich stieg aus; aber den Traum sagte ich weder dem Vater noch Cäcilien.

Die Guten sagen, ich sei blass geworden. Diese Tage fühlte ich körperliche Schmerzen. Vielleicht schwebe ich bald hinüber! Eine Ahnung sagt es mir.

Erschrick nicht, Du bange zerrüttete Seele! Ich bringe zu Gott einen Busen voll unsterblicher Liebe. Mit starrem Entsetzen legte Phaeton den Brief aus der Hand. Von nun an war alle Ruhe für ihn dahin. Er rang mit dem Wahnsinn.

Alles Mass verlor er in Genüssen. Der Fürst erfuhr davon und verwies es ihm nachdrücklich. Phaeton wurde trotzig, stolz und übermütig. Es war umsonst, dass ihn Freunde warnten. Er hielt sie für keine Freunde.

Eine Krankheit warf ihn nieder; aber seine natur war stark und hielt die Stürme aus.

Um diese Zeit kam unvermutet sein Teodor an, den er noch immer warm und treu liebte. Er erschrak über Phaetons Aussehen.

Er gab sich alle Mühe, die Gemütskrankheit des Freundes zu lindern oder gar zu heilen. Er hätte ihm eine Reise zu Atalanta vorgeschlagen, aber er kannte den Unglücklichen und wusste wohl, wie dann seine entflammten Lebensgeister vollends rasten, alles Mass verlören.

Phaeton war oft mürrisch, immer empfindlich, leicht zu beleidigen; und wenn er es war, so tobte er bald; bald weinte er wieder. Teodor gab ihm nach, fügte