1822_Waiblinger_103_44.txt

durch Liebe, durch unaussprechliche Liebe.

O Atalanta, was taten wir nicht füreinander!

Atalanta an Phaeton

Jüngling, hast Du kein Gefühl für mein Weinen um Dich?

Nicht so, Geliebter, kannst Du mich lieben! Nicht das ist die wahre innige Liebe. Du bist eine wilde lodernde Flamme, die prasselnd aufschlägt und schnell erlöschend sich selbst wie das Dasein Anderer verzehrt. Du nanntest mich Dein Mädchen, das Du liebst, und Du liebst mich so wenig, dass Du mich tötest?

Einst war unser Gefühl süsse innige keusche Blumenliebe. Glühende Wonne flocht sich in ewiger Jugend durch unsere Tage wie Rosen durch unser Haar.

Wenn Du vor mir standest und Dein blaues Auge glühte, voll Geist, voll gestillter sehnsucht, voll seliger Liebe, voll heiliger keuscher Neigung, so treu, so voll Glauben und Gott: Jüngling, wenn Du so vor mir standest und Deine dunkeln Locken von Deinen Schläfen wogten wie um das Haupt eines jugendlichen Gottes, da weinten auge' und Seele in mir, und allmächtig, in einem Wirbel, schlug mein Inneres wie eine wogende Weihrauchsäule nach oben! Nicht Mädchen, nicht Kind mehr, mit Gott mich vereinend in einem Kusse der Liebe, wie auferstanden als reiner geläuterter Geist aus dem grab, schwebend über der Erdenhülle wie die ewigjunge Morgensonne in ihrer wallenden Lichtfülle über der alten Erde!

Ich sah ja Gott in Dir. Er sprach aus Deinem Auge, wenn Du weintest oder mich anlächeltest, aus Deinen Lippen, wenn sie Worte der Liebe stammelten, wenn sie im Kuss an den meinigen brannten. Aus Deinem ganzen Wesen sprach der ewige liebende Gott!

Da fasste ich ihn wieder und drang durch sein keusches lauteres Himmelblau und erkannte ihn mit dem verklärten Auge meines Geistes. Und das quoll wieder zu Dir, hinüber und herüber, ewig erwiedert!

Du hattest mich gesehen! Das weisse Ross, das Du lenktest am Wagen, ward erfüllt mit tiefer Liebe. Das schwarze toste und schäumte schnaubend an den Zügeln und zog voll wilder Brunst den Wagen tobend mit sich fort. Ich war Dein Liebling geworden; aber vor Deinem geist schwebte die Erinnerung der echten Schöne und füllte Deinen Busen an mit keuscher heiliger Scheu. Denn die wahre Schönheit ist rein wie das weisse Silberlicht der Sonne und unberührbar wie die Unschuld der Jungfrau.

Du zogst die Zügel, und die Rosse stürzten.

Ich bebte.

Wir kamen uns nahe und immer näher. Die Liebe quoll wie ein Strom von Deinen Augen in die meinen, von meinen in die Deinen. Unsere Geister waren erfüllt von ihr.

Und nun?

Phaeton, warum hast Du Deinem wütenden Rosse die Zügel gelassen, dass es schnaubt und wiehert und die wallende Mähne schüttelt? Kennst Du nimmer den alldurchdringlichen Strahl der heiligen Liebe, die von Seele zu Seele zittert wie der Echoklang von Berg zu Berg? Ist die heilige Scheu, der ruhige, sich immer verstärkende Sinn, das heitere züchtige Gefühl gewichen aus Deinem Busen?

Jüngling, lenke Deine Rosse! Deine arme sind stark. Der Strahl der Gotteit in Deinem inneren ist warm und gross. Lenke Deine Rosse! Das Mädchen Deiner Liebe weint um Dich! O schone die Weiche, die erbebt vor dem Geschnaube Deiner zügellosen Rosse! Schone sie! Sie sinkt auf die Knie vor Dir und bittet Dich weinend: Liebender, schone die arme, die Dich liebt! Phaetons Zustand war schrecklich. Er rang und kämpfte sich wund.

Den Tag über arbeitete er. Man hörte ihn oft die halbe Nacht hindurch laut weinen. Keine Seele war um ihn, die ihn hätte trösten, seinen Schmerz hätte lindern können. Wenn er ein Buch zur Hand nahm, so warf er es gleich wieder auf die Seite.

Vor den Leuten presste er seinen Schmerz in die Brust; aber er sprach laut genug aus dem wilden Glühen der Augen, dem blassen eingefallenen gesicht.

Er schwelgte, stürzte sich in Genüsse aller Art. Seine Seele ward immer finstrer, wilder, verdorbener; immer schwerer wurde die Rettung.

Viele, die ihn kannten, wollte er nicht mehr kennen. In seinen Reden verlor er immer den Faden wieder, machte die wunderbarsten Kombinationen und schien oft das Vergangene vom Gegenwärtigen nicht mehr unterscheiden zu können. Immer aber sprach er von Reinheit. Er hatte lauter fixe Ideen, die ihm niemand berühren durfte.

Am liebsten lief er durch Wälder oder über Berge. Er glaubte seinem Schmerz zu entgehen; und wenn es nicht möglich war, so knirschte er in Anfällen von Verzweiflung.

An Teodor schrieb er nur abgebrochene Sätze wie folgende.

Phaeton an Teodor

Mit Gott zu kämpfen, war das nicht von jeher misslich? Die Riesen, die Gebirge türmten aufeinander und mit gewaltiger Kraft die wandellose Macht des Vaters der Götter und der Menschen stürzen wollten, die eichenstarken Männer, warf ewig unerschüttert, den Donner von der Höhe schmetternd, allmächtig der erzürnte Gott zu Boden.

Wie mir einst alles Leben war, ist mir alles nun Tod, wohin ich blicke.

Die Millionen Welten, die werden, sind und vergehen wie der Mensch, die aus dem Elemente sprangen wie Blasen und wachsen! Ich bin so garnichts gegen das unermessliche All!

Ewiges Sein! Ewiges Nichts! Wie fürchterliche Feinde sich gegenüberliegend, einander zerstörend und aufreibend, beide mir gleich verhasst! Mir wirbelt's!

Denke Dir das Nichts! Bruder! Das Nichts! Mensch!

Was ist auf Erden der Mensch? Was der Blumenstaub auf dem Blatte. Sie verwehen.

Als