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und Wünschen gestillt schien in meinen Armen!

Ihr Auge befruchtete die Keime meiner Seele. Sie schossen alle auf und standen alle in Blüte. Ihre Tränen waren der linde tränkende Tau. Ihre Seele floss von ihrem Busen, von ihrem Auge in das meine, unbegrenzt, endlos, ewig!

Nun ist auch sie allein! Es wandeln ja schwere ungeheure Sonnen durch die Räume des Alls ohne Erde.

Es schwimmen ja grenzenlose ungestaltete Flecken im Unermesslichen, die noch nicht gereift sind, die sich erst in Jahrtausenden zu Riesenwelten bilden.

Sie und das ganze All des unendlichen Gottes ist mir Eines. Es drücken beide mich nieder.

Phaeton an Teodor

Schicksal? O, das macht mich wahnsinnig: zu stehen am Abgrund, hinunter zu starren in seine Tiefen! Bruder, nur ein Sprung! Die Felsenrippen gähnen! Und die stimme aus dem inneren donnernd: Hinunter! Nachhallend durch meine tiefste Seele: Hinunter! Du musst! Magst du wollen oder nicht! Dich lenkt ein Gott! Nur Täuschung ist dein Wille! Hinunter!

O Fluch dem Gedanken!

Phaeton an Teodor

Mass zu halten bei solcher Fülle, das war sonst mein Höchstes. Ich kann's nicht mehr!

Auch jene süsse Bewegung des Herzens kenn' ich nicht mehr, wo es, so einig mit sich selbst, sich regt und wallt, wie die glühenden Feuerwellen des Meeres am Abend, so zart, so verschmolzen und doch so liebendeinig!

Ein kalter schauriger Frost durchwirbelt meine Seele, und wenn er einmal weicht, so ist's keine freundliche begeisternde Freude, die an seine Stelle tritt; es ist eine zuckende Wonne, ein verzehrendes Sehnen, das durch mein Inneres fährt und schnell verrauscht und der alten Nacht die Stelle wieder räumt.

Und beten? Warum kann ich nicht mehr beten? Sieh, da hatte' ich gestern meinen Knaben vor mir stehen, fasst ihn, hob ihn auf, drückt' ihn weinend an meinen Busen, küsste seine vollen unschuldigen Wangen und stammelte: Bete! Ach, und er betete, so klar, so innig, so harmlos, als kennt' er zu dem ihn, er betete; als fühlt' er seine Nähe! Und mich! Wie er mich ansah! Ich liess ihn sinken, als dürft' ich ihn nicht anhauchen, das reine gottbefreundete Wesen.

Teodor, wär' ich einmal frei, und hielte mich die Erde nicht an sich, die Erde, die ich nicht lieben kann, dann stürzt' ich in den leeren Raum, der sich ausdehnt zwischen den wandelnden Welten des Schöpfers; dann stürzt' ich ewig von einem Weltsystem ins andre, vorüber an allen Millionen Sonnen und Monden; begegnete den Kometen, die sich vor Jahrtausenden unsrer Erde näherten, die in Jahrtausenden noch kommen werden! Brüder, ewig, ewig würde' ich taumeln und fallen und kein Ufer, keinen Grund, keine Grenze finden. Immer tiefer und immer weiter und doch kein Ende! Jahrtausende stürzen durch das All, und doch kein Ende!

Phaeton an Atalanta

Atalanta, Du Liebe, Gute, lass mich zurückgehn in die Tage der Wonne!

Die Seelen aller Menschen haben einst das Heilige, das Wahre, das Wesentliche gesehen in seiner Göttlichkeit.

Auch wir schwebten einst mit der Gotteit in der Höhe; wir waren in ihr, eins mit ihr, lenkten mit ihr das unermessliche All.

Aber es schwanden uns die Flügel. Wir sanken tiefer und immer tiefer durch die Schöpfung, und fielen auf unsere Erde. Da wand sich der Körper um uns, die unsterblichen Seelen; eine kurze, bald welkende Hülle schloss sich um unser unvergängliches Wesen.

Atalanta, wir liebten einst das Schöne, das Gute, ganz wie es ist, göttlich und übermenschlich. Wie ein belebender Saft quoll es stärkend und kräftigend durch unser Innerstes und tränkte die wachsenden Flügelkeime. Aber wir liebten das Böse und fielen!

Ach, das eine Ross, das meine Seele lenkt an ihrem Wagen, will wohl hinan, will über den Kreis des himmels, will zur Anschauung der Gotteit; aber das andere hält mich schnaubend an der Erde. Ich ringe, kämpfe; aber die Schwungkraft meiner Flügel ist gelähmt.

Einst schwammen, webten und wirkten wir in Gott und sahen die Schönheit wie trunkne Eingeweihte, im Wogen und Wallen ihres lauteren Lichtes. Nun wandeln wir, in einen Körper gehüllt, wir göttlichen Wesen, getrennt von unserer Mutter, der Gotteit, ewig uns sehnend nach ihr, auf einem Wandersterne, den wir einst kaum kannten als bleichdämmerndes Lichtbild. So klein war er uns im Anschaun der Gotteit!

So kamen wir auf die Erde. Du wardst in Griechenland in einen Körper gehüllt, und ich im rauhern Norden. Wir kannten uns nicht, wenn wir schon einst zusammenwebten in Gott.

Wir sahen uns; wir küssten uns wie zwei bebende glühende Strahlen, entflossen aus einem Urlicht der Sonne.

Wir fühlten uns leichter und freier in unserer Körperhülle. Mächtiger und gewaltiger wuchsen die Federn aus ihren Wurzeln.

Wir sahen uns, strebten, glühten, uns zu einen, ganz ineinander zu fliessen. Dein Angesicht, Du Göttliche, war mir der reine seelenvolle Abdruck der körperlosen Schöne.

Gestillt war unser Schmachten, unser Sehnen. Wir liebten; wir hatten gefunden, was wir bewusstlos suchten. Die Urschönheit bebte wie klares quillendes Mondlicht durchs Nebeldunkel unsers inneren. Wie das verschwebende Säuseln der Linde klang die alte liebende stimme der Erinnerung.

Wir brachten einander näher der Gotteit