kaum noch eine matte Ahnung in düstern und unheimlichen Phänomenen zurückblieb. Diese schöpferische Herrlichkeit und Blütenfülle der beseelten natur war es, was die Griechen aus der Schönheit männlicher Jugend mit unwiderstehlicher Gewalt ansprach. Es war eine wunderbare anbetende Liebe.
Und ist die männliche Jugendschönheit im Glanze der Tatkraft und der Freiheit nicht mehr als die Pflanzennatur des Weibes, die grösstenteils doch nur das Bedürfnis mit ihren Reizen überkleidet?
Sieh den Dionysos an, den jugendlichen Gott der schaffenden natur! Wie eine Jungfrau senkt er schmachtend die üppigvollen Augen nieder; die zarten Glieder schwellen wie die Trauben, die seine reichen Locken kränzen, und rein und blühend ist die Schönheit über all sein Wesen wie ein einziger linder Hauch gegossen.
Das Leben der griechischen Jünglinge war wie ein ewiger Kuss. Begreifst Du, wie man einen Kuss von Chamoleos um zwei Talente bezahlte?
Mich dünkt, der Hippolytos des Euripides kläre darüber auch die dünnsten Köpfe auf. In diesem heiligen Gemüt spiegelt sich der Äter ab, der reine wolkenlose. Er ist schön wie der Mond und keusch wie seine Göttin. Ihr ist sein Busen nur geheiligt, und der Mädchen liebeschmachtendes Auge übersehend zieht er mit Genossen und Hunden jagend durch die Wälder. Er ist eine männliche Artemis.
Ist ja der Mann der Sohn der Sonne, aber das Weib die Tochter des Mondes.
Teodor, so etwas versteht man nicht mehr. Denn die Welt altert.
Phaeton an Teodor
Nicht wahr, nur in Griechenland war's möglich, dass eine Phryne vor den Augen aller Griechen ins Bad stieg und wie die süsse Göttin der Wollust und der Liebe aus den Wellen tauchte? Wo feiert ein Volk noch Wettspiele in der Schönheit?
Die jungfräulichen Leiber, die auf den Höhn des Eryx sich dem Dienst der Aphrodite weihten, hiessen heilig.
Und was gilt körperliche Stärke noch bei uns? Welcher Geist war göttlicher als der Geist des Platon? Und Platon rang in den heiligen Spielen des wellenumrauschten Istmos.
Aus der Gymnastik entsprang die erhabene Todesverachtung eines Harmodios und Aristogeiton, und Freiheit und Freundschaft erhoben sich aus ihr wie Blüten aus dem gesunden kräftigen Stamme. Wie ein Schleier umhüllte der gewandte schöne Körper den ewigjungen Geist. Weisheit und Tapferkeit waren wie Blumen, die aus e i n e m Stengel blühen. Wir fühlen nur halb des Lebens Kraft und Schöne; denn seine andere Hälfte, der Körper, ist für uns verloren. Wir staunen die Werke des Altertums an wie unglaubliche Riesenschöpfungen, aber die Quelle, woraus der Geist der Alten floss, bemerken wir nicht.
Der Geist des göttlichen Pindaros ruht wie eine unermessliche Eiche über den griechischen Kämpfern, in deren Schatten sie den Schweiss sich trocknen von der freien Heldenstirn. In seinen feuertrunknen Gesängen liegt das Geheimnis griechischer Erziehung. Kein Grieche spricht den Geist seines Volkes mehr aus in seiner Kraft und Fülle wie er. Alle Strahlen griechischer Vollkommenheiten sind in ihm gesammelt und wie zu e i n e r grossen Sonne geworden.
Meine seligsten Stunden bracht' ich im Antikensaale zu. Schon als ein kleiner Knabe, wo mich die Zukunft wie ein zarter Geist umsäuselte, wo ich mit kindlichheiterm Sinn nur nach dem nächsten griff, ach, wo mich all das, was ich jetzt erkannt, wie eine dunkle Ahnung noch umspielte, vergass ich lächelnd Gegenwart und Zukunft und kniete staunend in dem heiligen raum. Da hing an den weissen Gestalten der hohen Vorwelt mein trunknes Auge selig und begeistert. Der alte grosse Göttervater, dess majestätischhohe Stirne die Wellen des wildaufwallenden Gelocks umfliessen, in all seiner Herrschergrösse aus dem tiefen Auge blickend und doch so liebendväterlich, so würdigmild wie der Geist, der ernste alldurchblickende! Und wie das Gemüt ihm gegenüber der Liebe schmachtend süsse Göttin in ihrer üppigbescheidnen Schöne, mit ihrem holdlächelnden Auge, mit ihrem vollen gewölbten Nacken, mit ihren weichen schwellenden Gliedern, wie ins Morgenrot getaucht! Hier wie die aufquellende Kraft, des erhabenen Vaters ähnlichster Sohn, der jugendlichstarke Apollon, in stammender Anmut seines Zornes, und neben ihm seine Schwester, die schöne keusche Jägerin, leichtschwebend wie ein schlankes Reh, den Boden kaum mit ihrem Fuss betretend! Hier die kolossale Gestalt der höheren Atene, das tiefe Bild der ernsten Mässigung, mit jungfräulichem Ernst die grossen Augen auf die Erde kehrend, und neben ihr wie Ungestüm bei Weisheit der junge trotzig wilde Gott des Krieges, mit kühnem Selbstgefühl die hochgewölbte Brust geschwellt! – Teodor, ach da schwanden mir die Sinne, dem knieenden Knaben, und alles graute mir vor meinem blick, und grosse heilige Tränen schwammen mir im Auge, und schauernd fühlt' ich ihn wehen durch die stillen Gestalten, den Geist der Fülle, Mässigung und Schöne.
Phaeton an Teodor
Des Morgens bin ich gern im Freien. Da schliesst sich mein Busen wieder auf wie die Blumenglocken auf der Wiese. Mein ganzes Wesen ist so frisch wie das taubesprengte Gras. Ich lieg' oft stundenlang unter meiner Eiche auf dem Hügel und hör' all das geschäftig rege Treiben umher mit einer wunderbaren Wonne. Ach, und Du weisst nicht, was sich da für Gedanken regen, wenn ich hinüberseh' auf die vielen stillen Dörfer. Ich mein', ich müsse dort etwas suchen, und weiss doch nicht was. Dann ergreift mich ein nie gefühltes Sehnen. Hinüberdrängt's mich, hinüber! Und ich strecke meine arme aus, als wollt' ich eine Braut umfangen, und weine hinüber in die blauen dämmernden Fernen. Ach, sie lächeln mich so lieblich unschuldig an wie die Wangen