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die Nase.

Und ich möchte doch alle umfassen, alle lieben!

Ich stand gestern so vor einem Menschen, der redlich und brav vom Morgen zum Abend arbeitet und sich erstaunlich viel zu machen weiss aus dem bisschen Gelehrsamkeit, das er mit Mühe zusammenscharrt. Ich wusste von ihm, er habe noch nie geliebt, undlächle nur! – ich sah den Menschen an mit einer seltsamen Bewegung. Ich wunderte mich, dass der arme nur stehen könne ohne Liebe; und er glaubte gar, er sei vergnügt.

Das lerne ich einsehn: es kann keine Allgemeinheit mehr geben in unserer Zeit; jeder Versuch ist vergebens. Darum ist es das Klügste, den Schmerz in die Brust zu pressen und zu wirken für sich und andere so viel als möglich.

Lieber, es gibt Dinge, die das innigste Heiligtum unserer Seele sind und Wert und Gehalt verlieren, wenn man sie ausspricht. Drum lass mich schweigen! Nur das!

Länger kann's doch nicht mehr so dauern. Ich glaube, unsere Zeit ringt mit einer schweren grossen Geburt. Es werden unsere Umstände sich umgestalten und neue Bahnen einer angemessenern Wirksamkeit eröffnen den Vielen, die jetzt nicht wissen, wo ein noch aus.

Phaeton an Teodor

Sieh, das Sehnen, das unaussprechliche Sehnen in meiner Brust kannst Du nicht begreifen! Auf dem Gipfel eines hohen berges lieg' ich halbe Tage lang. Unter mir die Erde mit ihren Wäldern, Wegen, Bergen und Dörfern, so rein, so keusch, die ewig junge liebende! Der blaue Himmel über mir. Die fernen Berge so wunderzart in blassen Duft gehaucht. Die Vergangenheit wie ein weinender Engel, mit ihrem lieben mund mir die Wangen küssend. All ihre Bilder und Farben! Die Zukunft im Spiegel meiner Ahnung wie ein Regenbogen in den sonnenhellen Tränen meiner Wehmut glänzend ...

Da lieg' ich, nur so ein kleines Männchen, und doch meine Wünsche, meinen wundgeweinten blick von den ragenden Höhen hinüberstreckend in die ungeheuern Fernen, wo sie lebt, die Liebe, Gute! Ahnend, durchschauert von Schmerz und Wonne, mich fühlend als das wunderbare Kind der natur, so ganz zerfliessend in Eins, in ein Sehnen nach ihr ...

O Teodor, Teodor, ich gehe zu grund!

Phaeton an Teodor

Ich bin so empfindlich, so verletzbar! Das macht mich unglücklich unter den Menschen. Wohin ich mich bewege, stoss' ich an, und das schmerzt und wird nach und nach zu einer grossen, vielleicht unheilbaren Wunde.

Ich weiss nicht, ist's meine Schuld oder der Menschen? Jeder nimmt mich nur teilweise, nimmt mich nicht ganz. Darum bin ich jedem ein anderer und keinem der wahre, der ganze.

Ich würde verzweifeln in dieser Zeit; aber ein unendlich seltsames Etwas fühl' ich quillen aus dem Tiefinnersten, aus dem geist selbst, aus dem Mittelpunkte meines Wesens, und gründen und bilden aus all der Fülle eine selige Einheit, schaffen und ordnen darin und erzeugen ein volles jugendlichstrebendes Bewusstsein.

Ich blicke dann in mich selbst zurück, verschwimme trunken in meiner eigenen Tiefe, fühl' aus der ersten Quelle mein Ich, mein Sein; fühl' es im Anschaun einer selbstgeschaffenen Welt im Busen. Das, Bruder, das ist so etwas Riesenhaftes, dieses in sich Schauen, dieses in sich Verschwimmen. Das muss die Wonne der Gotteit sein!

Ich kann's nicht leugnen, ich bin stolz. Ich fühle lebhaft in mir etwas Ursprüngliches, Ungeschaffenes, Unzerstörbares, etwas Unabhängiges, das sich genug ist in seiner eigenen Fülle, waltet und herrscht, etwas, das ewig anstrebt, voll Kraft und innerer Stärke, etwasGöttliches.

Das fühlen alle die Vielen nicht, die sich wegwerfen und krümmen, sei es vor Gott oder Menschen.

Ich lass' alle Kräfte meines inneren wogen und walten, sich anstrengen und erneuern. Aber ich gesteh' es mir selbst, ich halte sie nicht in Zucht, im Gleichmass.

Meine Seele hat Freiheit, kann wählen nach Gefallen und richten, unmittelbar, aus eigner Quelle über Sein und Nichtsein. Das ist das Göttliche in mir, der unveränderliche Wille zu wählen zwischen Gutem und Bösem. Das ist die hohe ewig lebendige Liebe. Ich fühle: ich bin, bin Mensch!

Überall ist Leben und Wärme. Ich gebe Leben und nehme Leben. Wie unendlich viel Schönes und Gutes um mich; wie viel tausend zum Genuss einladende Dinge! Und ich kann es doch nicht mehr recht geniessen. Einst hab' ich alles gewagt, alles gepflegt und genossen; ich hab' auch geduldet, o überschwänglich viel geduldet. Nun ist es aus! Aus, Bruder! Durch alle meine Nerven, meine Muskeln klang es einst: Lebe! Geniesse! Die stimme schweigt. Ich harre vergebens auf sie. Ich sehne mich nach ihr, weine nach ihr; aber sieschweigt.

Die Blumen meiner Kindheit sind wohl noch; blühen immer noch; aber ich kann, ich darf sie nicht pflücken. Ich sog einst meinen Mut, Glauben und Vertrauen aus ihren Kelchen. Mir fehlt nun der Sinn für ihren Geruch.

O sieh, nicht das Untergehen fürcht' ich, aber jenes Dahinschwinden, jene allmähliche Auflösung, jenes Verdorren und Vertrocknen. So mit einemmal aus den Wurzeln gerissen zu werden, mit einemmal, – das möchte' ich lieber!

Die Menschen sind mir viel zu altklug; haben viel zu wenig Kindersinn. Das Frische, Jugendliche