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das weiss ich, dass wir uns noch einmal am Busen lagen. O Lieber, wie sie weinte! Wie sie weinte!

Kaum war ich wieder auf meinem Zimmer, da traten Katon und Cäcilie herein. Der Vater meiner Atalanta drückte mich warm aber gefasst an seine Brust, zog mich ans Fenster und sagte voll wunderbarer Innigkeit: Freund, schone sie! Solch ein überschwängliches Gefühl wie das ihre zu Dir begreift in seiner Unaussprechlichkeit nicht ein Mensch auf Erden. Es ist nicht Liebe, was sie fühlt, wenn sie mit Geist, Seele, Gemüt in Dich verschwimmt. Nenne es, wie Du willst! Du findest keinen Namen. Ein Hinaufschauern zu Gott mit Dir ist all ihr Wesen. Dass ob dem geist nur der junge schöne Körper nicht leide! O, schone sie!

Ich verstand ihn. Sie war vor mir in ihrer ganzen Heiligkeit, in ihrer ganzen unendlich durchsichtigen Seele. Alles, alles Seele! Die Worte schwanden mir. Meine Tränen sprachen!

Nun sitz' ich allein beim Schein der Lampe an meinem Tische. Meine Seele ist zu voll. O, schone sie! Lebe wohl, Teodor! Mir ahnet, als ob ich Dir nie mehr schriebe von hier.

Phaeton an Teodor!

Von einem Dorf aus schreibe' ich Dir, mein Lieber, das zwei Tagereisen entfernt ist von Cäciliens schloss.

O ihr Träume, ihr seligen Träume von ewiger Wonne, die ihr mich umquollet wie der Kuss des Mondlichts, warum seid ihr entflohn wie wesenlose Dunstgebilde? Ach, warum so bald entflohn?

Man weckte mich. Ich kleidete mich an. O Gott, mit welcher Empfindung! Dann blickt' ich noch einmal die dunkeln Häuser an, wo die Geliebte schlummerte.

Es war so schaurig still umher. Jedes verwehende Ach! wäre hörbar gewesen.

Lebe wohl, Geliebte, lebe wohl! rief ich noch einmal in heissen Tränen, schwang mich aufs Pferd und flog zum Hoftor hinaus.

Nach und nach ward der Osten von dämmerndem Blassgelb umsäumt. Die Nacht war nicht mehr so grausig still. Ein Vogel sang hie und da sein Morgenlied auf einem Zweige.

Mit jedem Schritte ward's mir schwerer ums Herz. Eine namenlose Gewalt zog mich zurück. Vielleicht, dachte' ich, schlägt sie nun die Augen auf undweint!

Die Morgenglocken vom dorf klangen herüber mit ihren wohlbekannten Tönen durch die Stille.

Da ging die Sonne auf und schwebte wie ein glutroter Flammenball in ihrer ganzen unermesslichen Grösse hinter grauem am Horizont gelagertem Dufte. Der trübe dünngewobene Schleier des hüllenden Morgennebels verbarg die ferne Landschaft dem blick.

Ich war auf einem Hügel, wo auf dem einsam verlassenen Boden alte breitästige Eichen und einzelnstehende Tannen dunkelschattend in grossartigen Gruppen dem auge' entgegentraten.

Die dichten, mit Gezweig vermählten Bäume breiteten einen ernsten hellgrauen Schatten umher, und die Sonne goss durch die Äste zitternd mit mondähnlicher Beleuchtung einen ungewissen Lichtton über die saftgrünen Wiesengründe.

Durch die Eichenblätter flüsterte der wallende Windhauch wie Küsse der Liebe.

Ich stieg ab, blieb lange sitzen auf einem Stein und weinte wie ein Kind. Wohin ich komme, wusste ich nicht, aber woher, ach, das fühlte ich nur zu lebhaft!

Bruder, ich kann Dir dieses Gefühl nicht schildern. Die Welt war mir anders; ich hatte mich selbst verloren.

Der Morgennebel verschwand nach und nach, und die Sonne versilberte den verklärten Himmel mit milchweissen Feuerstrahlen. Es war, als ob der Herr durch das Silbermeer in edler stiller Majestät nach geöffneten Himmelstoren sich entüllte und mitteilte, und um ihn selige Geister und Engel schwebten wie ausfliessende Lichtstrahlen seiner grenzenlosen Herrlichkeit. Mein Schmerz aber blieb in meiner Brust.

O, wenn ich in die Zukunft blicke, da klingt's mir wie eine Ahnung. Das werde' ich nicht überleben! Mein heisses Herz wird sich verbluten.

Phaeton an Teodor

Schon seit einigen Tagen bin ich in der Stadt. Die Fürstin ist mir gestern gesessen. Es ist eine Frau von vieler Bildung aber wenig Innigkeit und warmem Gefühl.

Man zieht mich in vielfache Zerstreuungen. Aber es ist doch umsonst. Die Welle schlägt an den starren kalten Felsen, aber sie wogt ihn nicht dahin; ihr Andrang macht nur ein grausig Getöse.

Viele Menschen sind um mich, aber wenige, denen ich mich nähern mag. Da ist niemand, der mich verstünde, meinem Herzen in seinem Erguss entgegenkäme, von dem es wieder zurückklänge in mein Inneres.

Und doch hätt' ich so nötig, mir Trost zu saugen von eines Freundes Lippen! O, ich hätt' es so nötig!

Es erkrankt so nach und nach mein Herz und schwindet dahin in seiner eigenen Fülle.

Phaeton an Teodor

Es ist schrecklich, wie wenig die Menschen teilnehmen aneinander! glückliche und Unglückliche, Lachende und Weinende. Nirgends ein blick aus reinem uneigennützigem Herzen. Keine Tugend geliebt um ihrer selbst willen. Alles nur Eitelkeit und Selbstliebe. Jeder geht nur seinen eignen Weg, und nach dem Schmerz des Bruders fragt er wenig.

Und jene allwirkende Verbindung von Verstand und Gemüt, wie ist sie so selten! Das Herz, das warme jugendliche, muss sich um den Geist schlingen wie Rosen um die ernste Stirn eines Greisen, wie zarte junge Akazienblätter um graue unerschütterliche Mauern.

Der Verstand ohne Herzenswärme macht unerträgliche Pedanten; das Herz ohne den ernsten blick des Verstandes wird zur Schwachheit.

Mich halten sie für einen Schwärmer und Sonderling. Der eine lächelt; der andere spöttelt; und wieder einer rümpft bedächtlich