nicht sein ohne diese Einigung des Geistigen und Sinnlichen. Das Geistige muss auf der Form beruhen wie befruchtender Tau auf der Blume.
Die Schönheit der Form ohne den beseelenden Hauch des Geistes kann zwar dem Auge, das nicht eingeweiht ist, die wahre Schönheit zu erkennen, als eine wahre erscheinen; aber sie ist es nicht.
Wenn sich aber beides eint wie mit einem weichen Kuss der Liebe, dann entzückt es sowohl die Sinne wie den Geist. Er öffnet sich dann in seiner Fülle wie die aufgehende Morgenrose.
Die höchste Eigenschaft dieser Schönheit ist Reinheit. Sie ist wie eine weisse gestaltete Lichtflamme. Auch ist sie mässig bei aller Fülle. Ihr Auge ist die unergründbare Tiefe der Seele, das innigste wärmste Leben des Gemüts, das Empfindung aus sich sendet wie Lichtstrahlen die Sonne. Der Mund ist das Geheimnis der Einung durch den Kuss, und die Strahlen, die durch das Auge flossen, quillen aus ihm in dem Augenblick, wo die sehnsucht gestillt wird. Aus dieser Einung aber wird ein drittes erzeugt, und der schwellende Busen ist die Fülle der Fruchtbarkeit.
Das helle Sonnenlicht drang durch die Fenster. Atalanta stand vor mir. Ich folgte der natur in der Bildung ihrer Schönheit und ahmte sie nach in ihren fliessenden Formen, in ihren Wellenlinien, in ihren zartgehauchten Rundungen, in ihren wallenden Wölbungen. Wie der Schleier vom seligsten tiefsten Geheimnis war die letzte Hülle gefallen, und ihr Busen quoll wie zarte Milch aus dem dunkeln Gewande. Ihn deckte halb die Hand, und das Auge ruhte jungfräulich verschämt auf ihm.
Mein Auge zitterte wie das Auge des Jüngers, wenn der Schleier sich lüftet vom Allergeheimsten und er mit heiliger Scheu sich angereiht sieht an die Eingeweihten.
Phaeton an Teodor
Heute kommt ein Brief. Ich erbrech' ihn. Er ist von meinem Fürsten. Er ruft mich zurück. Ich soll die Büste seiner Gemahlin ausarbeiten. Ich soll ... O, ich muss, muss fort!
Am Anfang konnte' ich's nicht überdenken. Es war wie ein betäubender Schlag, wo die Besinnung schwindet und die Seele sich bewusstlos in ein dumpfes Starren verliert.
Dann wacht' ich auf, stürzte zu Atalanta, fiel ihr weinend um den Hals.
Sie erschrak. Ich gab ihr den Brief. Ihr grosses Auge füllte sich mit Tränen. Schmerzlichliebend sah sie mich an, ergriff meine Hand, stammelte: Phaeton!
Ich sah's, wie sie sich halten, wie sie mir ihren Schmerz verbergen wollte. Durch ihr Auge sprach's in zärtlichen wunderbaren Schauern. O, die Meine, die Gute!
Bruder! Sie sank mir mit lautem Weinen an mein Herz.
Wir konnten nichts sprechen. Ein dunkel gewobener Schleier dehnte sich um unser klares Bewusstsein.
Katon und Cäcilie traten herein. Sie lasen den Brief. Cäcilie drückte Atalanten an die Brust, tröstete sie; aber das Mädchen weint' immer heftiger.
Katon sah mich traurig an, drückte dann meine Hand und sagte: Lieber Freund, wir haben uns lieb. Du wirst wiederkehren. Sie bleibt ja die Deine.
Phaeton an Teodor
Noch bin ich wie von Sinnen. Es kam zu unerwartet. Ich sass die halbe Nacht hindurch bei den drei Säulen. Fürchterliche Ahnungen stiegen aus den Schatten.
Sie zu verlassen, Gott, das ist zuviel für mich! Wenn ich des Morgens aufstehe, lächeln mir ihre Wangen zum Kusse wie die frische Morgenröte; eh ich des Abends zu Bette gehe, drück' ich sie noch einmal an meine Brust und blicke mit ihr zu den Sternen und danke dem Schöpfer für unser Glück, für unsere Wonne. O, ich war wieder zum Kind geworden, zum liebenden geliebten kind, das sein göttliches Dasein kaum fühlte vor seiner Trunkenheit, seiner lautern innigen Begeisterung!
Und das alles nun vorüber! Ich werde unter fremden Menschen wandeln, die mich nicht lieben, die ich nicht lieben kann. Kein blick aus ihrem Auge stärkt mich mehr. Kein Händedruck, kein Kuss.
O Teodor, nicht beten, nicht weinen mehr mit ihr!
Bruder, die Blätter fallen schon vom Baume. Der Wanderer tritt über sie. Auch mein Herbst ist da, aber ich ernte keine Früchte; ich sehe nur dem Winter ins bleiche verglommene Auge.
Ich will nicht weiterschreiben. Du fassest doch nicht, wie mir ist.
Phaeton an Teodor
Übermorgen ist meine Abreise bestimmt. Mir ist fürchterlich bange darauf.
Atalanta ist wie ein andres Wesen. Ihr Angesicht ist blass wie der Mond. Sie weint fast immer und spricht wenig. Aber in ihrem Auge schwimmt der ganze Schmerz der Seele. Sie scheint ihn mit Gewalt zu unterdrücken. Nur manchmal bricht er hervor in heissen Tränen, wenn ich zu wild bin und die Bebende ans Herz presse. Katon ist wenig um mich.
Alles zu verlassen! Das alte Mausoleum, das Schlösschen, die drei Säulen, den Tempel des Eros, den heitern See, meine Polyxena, Katon, Cäcilie und sie, sie! Ach, Teodor, das kann ich nicht denken! Auch sie, mein Leben, meinen Himmel!
Menschen, die mich nicht kennen, nicht lieben, nicht verstehen! O, da steh' ich stille!
Das Wörtchen T o d war für mich Unsinn! Aber nun? O!
Reisse mich los von Gott wie von ihr, dann bin ich – tot!
Phaeton an Teodor
Die Sonne ging auf. heute ist der Abschiedstag. Morgen vor Tagesanbruch reit' ich vom