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erschrocken. Ihr Auge war überfüllt mit Tränen. Sie lag halb ohnmächtig an meiner Brust. Der Alte tröstete sie. Aber ihr schönes Auge blieb nass noch den ganzen Abend.

O, Katon! rief sie einmal, wie zerfliessend, matt an meinen Lippen bebend. Ich verstand sie; weinte mit ihr.

Mein innerer Kampf war fürchterlich.

Aber der Geist der Freiheit stieg vor meinem trunkenen Auge wie ein Riese aus der Erde. Ich hatte überwunden, presste die Geliebte noch einmal an meine Brust, drückte den letzten Kuss auf ihre nassen Wangen und eilte durch die Felsen.

Hilarion konnte nicht folgen. Die Nacht hindurch versammelten wir uns. Mit Anbruch des Tages nahm ich Abschied von Hilarion und eilte mit meinen Scharen gegen den Istmos.

Überall hatten die Griechen sich erhoben und ergriffen wütend die Waffen.

Am Istmos standen wir den Türken gegenüber.

Ich lag auf meinen Knien, wie die Sonne emporstieg, und flehte zum allbarmherzigen Gott, Richter zu sein des entscheidungsvollen Kampfes.

Wir stürzten in die Schlacht und wurden geschlagen.

Ich weinte blutige Tränen; aber noch verzweifelt' ich nicht. Der Seraskier war bis nach Messenien gedrungen. Ich eilte durch den Peloponnes. Neue Scharen kampflustiger Mainotten strömten zusammen.

Wir kämpften wie Rasende.

Umsonst. Die geschlagenen Brüder flohen auseinander und verloren sich in den Gebirgen des Pentedaktylon.

Da stand ich allein wieder auf der Erde, allein in meinem vaterland wie einst, als ich den Peloponnes durchwandelte!

Überall hört' ich vom Rauben und Morden der zügellosen Griechen. Ich eilt' auf ein Schiff; landete am Vorgebirge Tänaros. Mit Grauen sah ich die schwarzen schaurigen Felsen, auf deren jähen Gipfeln wie Adlernester die Dörfer der Kakovouniotten schweben. Die Ungeheuer, sagten die Schiffer, haben fürchterlich gehaust. Die Albanier haben in Misitra gewütet.

Mich fasste Schrecken. Ich eilte der Heimat zu; erreichte die Ufer des Basilipotamo, und der Alte sass auf derselben Stelle unter dem Lorbeer an der Felswand, wie ich ihn einst getroffen. Ich flog auf ihn zu. Er starrte mich an. Sein Angesicht war blass; das Feuer seiner Augen erloschen.

Er fragte dumpf: Jüngling, was suchst Du hier?

Trost! rief ich. Trost am Busen meines Weibes!

Er stand auf und führte mich zu den Felsen. Kein Wort kam über seine Lippen. Eine schreckliche Ahnung fuhr mir eiskalt durch die Seele.

Ein Grabhügel war vor der Hütte. Rosen, Akazien und Myrten schlangen sich um ihn.

Wo ist Teone? fragt' ich zitternd.

Der Alte sah mich an und sagte dumpf: Ihr Leib liegt unter diesem Hügel; ihre Seele ist bei Gott.

Ich stürzte besinnungslos über den Hügel. Der Alte hob mich auf und sprach finster: Du kommst vom grab Deines Vaterlandes und verzweifelst am grab Deines Weibes?

Ich verstand ihn; aber umsonst. Vaterland und Weib war mir Eines geworden.

Wo ist mein Kind? rief ich jetzt von neuem schaudernd. Es lebt, erwiderte Hilarion. Cäcilie trat aus dem haus; brachte mir mein Kind.

Ach, erlasst mir, zu erzählen, wie meine Teone starb! Albanier mordeten sie. Ich darf, ich kann nichts weiter sagen.

Den andern Morgen fand ich den Alten nicht im Bett. Ich eilt' ans Fenster. Er sass auf Teonens Grabhügel. Ich stürzt' auf ihn zu. Er hatte nur noch wenige Kräfte; sein Leben war wie die balderlöschende Lampe.

Ich sank zu seinen Füssen. Er sprach: Mein Leben ist zu Ende. Meiner Träume schönster war, frei zu sehen mein Vaterland. Aber wo nicht Einigkeit herrscht, wo sich nicht alle opfern für Eines, da wird nichts Grosses werden. Die Acht verfolgt Dich, mein Sohn. Flieh' aus Griechenland. Lebe garnicht darin, wenn Du nicht frei darin leben kannst! Wandre nach Deutschland!

Cäcilie eilt' aus dem Haus. Er ergriff ihre Hand. Auch sie sank weinend zu seinen Füssen. Katon, sprach der Greis, sei Du meiner Tochter Schutz! Nimm sie mit Dir nach Deutschland! In einem Gewölb unter dem haus findet Ihr Reichtümer genug, bis ans Ende des Lebens zu gelangen. Gebt Euch die Hand!

Dann brach er noch Rosen und Akazien von dem Grab und sagte, zum blauen Himmel hinaufblickend, mit einer Träne: Das Leben ist schön in Griechenland. Dank Dir, Gott, dass ich in ihm ward; in ihm sterbe! Dann blickt' er uns noch einmal liebend an und verschied.

Wir begruben ihn den andern Tag. Ich öffnete das Grab und den Sarg meiner Teone. Ich sah noch einmal ihren schönen Körper. Dann schloss ich ihn auf ewig. Des Nachts brachten wir unsere Schätze samt dem Sarg auf einen Wagen. Zu Kalamata schifften wir uns ein.

Mit heissen Tränen sah ich die schönen Ufer im

Meere verschwimmen, tröstete Cäcilien und hatte für mich keinen Trost.

Unsere Reise war glücklich. Wir wählten uns die

sen Platz und bauten unsere Häuser.

O Kinder, ich konnte nicht leben ohne Begeiste

rung und hatte doch nichts mehr, das mich begeisterte.

Mein Schmerz war unermesslich.

Cäciliens zarte Seele versteht ihn. Eine wunder

same Freundschaft schliesst unsere Herzen zusammen, seit wir unser Griechenland verliessen. In diesem Gewölbe betrauert' ich mein Vaterland und meine Teone. Ihre Hülle ruht im Sarkophag.

Du wuchsest auf, liebe Atalanta, und wusstest nicht,

dass ich Dein Vater bin und Griechenland Deine Heimat. Ich wollte Dir