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ach, ich werde keinen finden. Die Spartaner liegen im grab.

Jüngling, Du hast einen gefunden, rief der Greis mit Entzücken und sprang empor und schloss mich in die arme.

Ehrwürdiger Vater, erwidert' ich, aus seinen Armen mich befreiend, Deine Haare sind grau. Bald wirst Du ins Grab steigen wie Deine Väter. Es braucht Jugend und Kraft, die Ketten zu lösen von unsern Brüdern.

Fahre Du fort, wo ich begonnen, rief er aus, und pflege Du, was ich gepflanzt! Du wirst Dich um mich schlingen wie der junge Efeu um den alten Eichenstamm, und wir wollen Arm in Arm dahinschweben über die land wie Engel des Weltgerichts, dass die Völker sich emporheben wie frische Akazien über den Gräbern und die Heldenbrust schwellen fühlen vom Donnerworte: Freiheit!

Ich staunte ob der Begeisterung des Alten. Ich glaubte, es sei ein Geist, der wieder heraufgestiegen, die Nachwelt zu erwecken, zu befeuern.

Sein Auge blickte sinnend hinüber auf die Inseln und ihre Rosen und Myrten im Gewässer des Eurotas und wandelte dann über das Pentedaktylon und den waldigen Tornika.

Ich wusste nicht, was er wollte mit diesem blick, als er sagte: Ist ja doch das Land noch schön wie vor drei Jahrtausenden, als an den lorbeerbeschatteten Ufern man die Blumen pflückte zum Brautkranz für die schöne Helena und auf dem Taygetos die Opferflammen brannten dem gefeierten Gotte!

Dann ward er wieder ein wenig still und sagte endlich: Folge mir in meine wohnung! Ich folgte schweigend.

Unterwegs erzählt' ich mein früheres Leben. Der Alte ward immer heiterer, fiel mir wieder in die arme und rief: Du musst bei mir bleiben!

Wir wandelten so unsern Weg. Unvermerkt stand ich unter hohen Felswänden, die ein finstrer Geist in regellosem Wurf gestaltet zu haben schien. Aus verwobenem Myrtengesträuch sprudelt' ein frischer Quell und wandelte mit melodischem Murmeln durch die Felsen.

Im Schatten hoher Zypressen und Lorbeerbäume stand ein freundlich Häuschen, auf dem der beruhigte blick sich erholte von den wilden Gestalten der Felsklippen.

Es ist mein Haus! sagte der Alte. Es ist auch das Deine.

Wir traten hinein. Ein gewölbtes Zimmer umgab mich. Ich musste mich niedersetzen. Der Alte sass mir gegenüber.

Wir sprachen noch eine Zeitlang, als er rief: Teone!

Bald ging die Tür auf, und ein Mädchen trat herein, weiss wie die Schwäne des Eurotas, mit langen braunen Locken und einem Auge voll Unschuld und Frieden. Lächelnd und unbefangen grüsste sie mich und den Alten. Ihr Anblick machte einen wunderbaren Eindruck auf mein Herz. Ich fühlte etwas quillen in meinem inneren, das ich noch nie gefühlt.

Bring' uns das Abendbrot, Teone! rief freundlich der Greis, und das Mädchen flog wieder durch die tür.

Es ist meine Tochter, sagt' er zu mir, wie sie draussen war.

Bald war sie wieder da und stellte einen Korb voll frischer Früchte und einen grossen steinernen Krug voll Wein auf den Tisch. Dann entfernte sie sich wieder.

Wir sprachen noch einige Stunden. Dann wies mir der Greis ein Zimmer an, drückte mir herzlich die Hand und schied. Ich setzte mich ans Fenster. Der Mond blickt' in seinem blassen Licht zwischen zwei Felsen, die ihre Riesenschatten weit über die Fläche warfen. Unerklärbare Schauer zogen durch meine Brust. Der wunderbare Greis mit seinem Feuer und das Gefühl meiner Bestimmung lag feierlich vor meiner Seele wie die schlummernde natur. Das Bild des zarten Mädchens umschwebte mich wie eine stille lindernde Ahnung und spielte mir heiter wie das Mondlicht um die gekühlten Wangen. So schlummert' ich ein.

Kaum war die Sonne aufgegangen, da stand Hilarionso hiess der Altean meinem Lager und sagte: Wir wollen nach Sparta wandeln!

Wir gingen. Unterwegs sagte Hilarion: Aus dem Kampfspiel holten unsre Väter ihre Stärke. Aus ihm entsprang jene Vollkraft, jene erhabene Gesinnung, jene Grösse und Fülle des Lebens, jene Harmonie des Geistes und Körpers. Da galt kein Stand, kein Rang; die angeborene Stärke siegte. Da waren sie Menschen im vollen Sinne, Kinder der allbeseelten natur, frei wie der Vogel in den Lüften und lebenskräftig wie die frischbetaute Blume. Da entstand jener Gemeingeist, der alle beseelte. Das ist der Fehler unserer Zeit, dass der Einzelne sich trennt vom Einzelnen und darum nie ein Ganzes waltet. Würde jeder sich selbst vergessen und alle zusammenwirken zu e i n e m Zwecke, da würde ein Volk entstehen, gross wie das untergegangene und stark genug, den Erbfeind zu vernichten. Darum sollen sich unsere Jünglinge üben in jenen Spielen, die Geist und Körper stärken; und das wird der Keim sein, aus dem der ewigkräftige Heldensinn entsprosst, jenes Zusammenweben aller für Eines.

Unterdessen waren wir nach Misitra gelangt. Lasst uns vorher zu meiner Tochter gehen! sagte Hilarion, indem er auf ein Haus deutete, das nahe vor uns stand. Sie lebt hier bei einem Verwandten. Es ist die Ältere.

Hier lernt' ich Cäcilien kennen, die Du für Deine Mutter hieltest, Atalanta!

Darauf gingen wir zu vielen wackern Männern und sprachen über unsern Plan.

In wenigen Tagen waren unsere Wiesen voll von Knaben, Jünglingen und Männern. Jetzt ist es Deine Sache, sprach Hilarion, zu ihnen zu reden!

Die Brust schwoll mir von Begeisterung. Auf einem Rasen redet' ich zu den Spartanern.

Meine Worte waren wie der Giessbach, der von Felsenhöhen in die Täler