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der waldige Partenios standen zur Seite, und in weiter Ferne dämmerten wie ein Traum, im rötlichen Morgenduft verschwimmend, die weissen schneeumwobenen Riesenstirnen des Taygetos. Da kniet' ich nieder auf die geweihte Erde und betete die Sonne an und schwur in Tränen bei den Geistern meiner Ahnen, würdig zu werden ihrer erhabenen Heldengrösse und zu sterben, wenn die Zeit kommt, für mein unterdrücktes Vaterland.

Nun ging ich durch die Haide von Tegea, wo traurig um die ungeheuren Trümmer der gelbe Grashalm wankt, und bald lag das verarmte Korint vor mir, dem hohen, von zwei Meeren bespülten Geranion die Füsse küssend.

Umsonst suchte mein Auge die Tempel der Freude, wo einst die schöne Jugend der Macht der Aphrodite ihre Opfer brachte, und die Hetären, mild wie ihr sanfter Himmel, im Arm der Wollust in tausend schwelgenden Genüssen die Triebe freier Männer wiegten. Einst war's der Sitz der Schönheit, Kunst und Freude. Der Reichtum warf seine Fülle wie Apfelblüten über diese jugendliche Stadt. Jetzt hatte die Armut die gefallenen Brüder gebleicht wie zu Schatten und Gespenstern. Alles, was die Menschen gebaut und geordnet, ist verschwunden. Wie ein Fremdling klimmt der späte Nachkomme um die Trümmer seiner Väter; und doch lächelt der Himmel noch so rein wie vordem, und das Meer rauscht ewig in seinen Ufern, und die Berge schauen ewig jung über die verwandelte Erde.

Von Korint schifft' ich nach Aten. Dort sass ich tagelang auf der Höhe der Akropolis und sah durch die grauen Säulen und die jungen Lorbeere hinüber zum bienenreichen Hymettos. Ich wandelt' an den verlassenen Ufern des Ilyssos und des getrockneten Kephissosund durfte mir nicht sagen: Auch du bist ein Grieche!

Nun kam ich durch das alte Böotien, durchwandelte die Wälder und Haiden des dürren Ätoliens, weinte über die Raubhorden der Schluchten von Manina und goss meine Tränen in den alten weissen Acheloos. Wie eine Furie trieb mich der Geist des alten Hellas durch die Länder. Eine wilde Unruhe jagte mich über die Berge, und mein Volk stand in seiner ganzen Niedrigkeit vor meiner Seele. Ich schifft' ab von Öniadä, stieg zu Dyma ans Land und wandelt' ins schöne Elis. Kinder, da ward vollendet das Bild! Wildverwobenes Gesträuch, Säulenstümpfe, Mauerstücke, zerbrochne Basreliefs, Schilder, Trophäen bedeckten das Tal von Olympia. Der Alpheios wälzte sich wie eine blaue Schlange mit kühner Windung durch die Ebene, wo nur der Tod und die Zerstörung wehten, die Wölfe des Pholoe und des Erymantos in der Wildnis hausen, und nur hie und da ein einsamer Mann in der schweigenden Gegend gräbt, dem Boden seine Schätze abzugewinnen.

Mein Leben war e i n Schmerz geworden. Ich versank in Schwermut wie der Mond in Wolken, und die Freiheit war mir zu einem fernen verschwebenden Luftbild geworden.

Die Donner, die wilden Vorboten des Winters, erschollen am Himmel, und ich war wieder in Arkadien.

Die Blumen der Tale waren gestorben wie meine seligen Träume. Ich suchte sie vergebens. Der Schnee umhüllte die Erde wie die Silberlocken das Haupt eines Greises, und die hochstämmigen breitästigen Eichen standen da wie die Geister ihrer Frühlingsblüten. Das Pentedaktylon glänzte mit seinen Schneehäuptern wie eine milchweisse Wolke im blauen Äter.

Da half ich nun den armen Brüdern die unbändigen Wölfe verscheuchen von den Dörfern, wenn sie herunterkamen in heulenden Scharen von den Waldgeklüften des Lykeios, und des Abends sass ich am Herde, wärmte mich an der Flamme und horchte träumend den Märchen von Sylphen zu, die der Aberglaube von Mund zu Mund geleitet.

Der Frühling kehrte wieder. Das Veilchen blickte wie der bescheidene Wunsch unsers inneren aus dem Schnee. Die Fluren wurden frei, und die Störche kamen wieder von Libyens Gestaden und bauten ihre Nester auf alte Mauern, auf hohe Säulenkapitäle. Es grünten und blühten Platanen, Feigen und Maulbeerbäume. In meine Seele kehrte kein Frühling.

Da wandelt' ich wieder am königlichen Eurotas und sah die Schwäne ziehen in seinem blauen Gewässer im Schatten des Lorbeers. Die Burg von Sparta lag vor meinem Auge. Von den weissen Höhen des Taygetos rollten donnernd die Schneelawinen in die Täler.

Ein alter Mann mit langem Barte sass am Ufer unter einer jähen Felswand. Er schien in tiefe Gedanken versunken.

Ich wünscht' ihm einen guten Abend. Er schaute auf. Ich sah aus langen grauen Locken ein altes ehrwürdiges Gesicht mit hoher freier Stirne, mit feurigem Auge, voll edler Würde blicken. Ein tiefer Gram schwebte wie der Schatten einer Wolke um seinen Mund.

Er schaute mich lange unbeweglich an und schien sich zu erfreuen an meinem Wesen. Dann fragt' er mich: Wer bist Du?

Ich antwortete mit kühnem Stolz: Ein Grieche!

Der Alte stutzte. Woher kommst Du?

Von den Ruinen meiner Väter!

Was suchst Du hier?

Einen Spartaner!

Wo bist du geboren?

Zu Sparta!

Das Antlitz des Greises verklärte sich wie die grauen Bergesscheitel, wann die Wolken über sie hinwegwandeln und die Sonne sie heiter beleuchtet.

Dann sagt' er: Und wenn Du einen Spartaner findest, Jüngling mit dem Feuerauge?

O, dann will ich an die Brust ihn pressen und den Bruderkuss ihm auf die Lippen drücken und mit ihm beweinen mein Vaterland!

Das Antlitz des Alten trübte sich. Er sagte: Beweinen nur?

Nein! rief ich mit leidenschaft. Leben und kämpfen für mein Vaterland, dass es emporsteigt aus den Trümmern wie die Morgensonne und noch einmal wie sie die Riesenbahn durchwandelt! Aber