Sokrates, der Gottbegeisterte, den Künstler nur für weise hält, und der tiefe Pindaros den Sängergeist nur Weisheit nennt!
Die natur, die ewige, die wandellose, war der Gott der Griechen, und Gott ist's, der aus allem, was sie schufen, spricht.
Wir Griechen, sagte der ernste Tukydides, streben nach der Schönheit, ohne viel Anstrengung, und nach der Weisheit, ohne dass wir weichlich werden. Das sagt Tukydides, und klarer hat das Wesen des menschlichsten und göttlichsten der Völker niemand ausgesprochen!
Die Griechen sind Kinder, höchstens Jünglinge.
O herrlich göttlich Land, wo Weisheit, Stärke, Schönheit wie drei Götter wohnten, wo aus dem zarten weichen Knaben der schöne Jüngling wie ein junger Gott emporwuchs, und aus dem Jüngling des Mannes hoher Bau wie aus der vollen Knospe der Stamm sich entwickelt; der Mann mit seinen starken Gliedern, mit der hohen Brust, in der die göttlichen Entwürfe reiften, wo das Geschlecht, das ewigkräftige, gewandt sich auf der heiligen Rennbahn trieb, den schönen Ölzweig sich um seine Schläfe wand und ewigrege wie des Springquells Säule sich jene volle Heldenkraft erwarb, mit der es den Barbaren niederkämpfte!
Phaeton an Teodor
Ich wandelte gestern durchs Gebirge. Es ist ein hohes männliches Gefühl, zu schreiten durch diese alten Rieseneichen. Es scheint, als ob die natur diese gewaltigen Stämme zum Beispiel für den Menschen schuf. Strecken sie sich nicht in die Lüfte wie Titanen, und wandelt der Mensch nicht wie ein Zwerg unter diesen kühnen ragenden Gewächsen? Aber ach, auch die Eichen stehen nicht fest. Ich stand an einem tiefen Geklüft. Durch übereinander geworfnes starrendes Gestein und hohes Waldgebüsch schob tosend in dem Abgrund sich ein Giessbach fort, rasch, unaufhaltsam wie das Leben des Menschen; und aus den Wurzeln vom Sturm gerissene Eichenstämme lagen in wilder Zerstörung über die Schlucht hin. Eine dunkle Masse schattender Tannen hob sich in düstern Gruppen an dem Abgrund, und eine gewaltige Felswand ragte drüber hinaus wie die finstre Stirn eines alten Gottes. Da dachte' ich mir den Titanen Prometeus an die graue ungeheure Felsenwand geschmiedet, und grausend ging ich meinen Weg vorüber. Und wie ich nun auf einem einsam steilen Bergpfad eine Stelle fand, wo fürchterlich jäh der Fels hinabschoss, und schlankstämmige Eichen über mir sich wölbten, und ich durch das wildverschlungene Gezweig ins tiefe Tal hinabsah wie in einen Kessel; und drüben die waldbewachsenen dunkeln Bergesrücken, das Rauschen der nahen Wasserleitung und das einsame Flüstern des Windes in den geschüttelten Ästen, und aus dem tiefen Forst den schallenden Hammer der Steinbrecher, durch die Finsternis hin das verwitterte Ruingestein der zerfallenen Beste! Teodor, mir fuhr ein Schauer durch die Brust, wie ich so klein mich sah unter diesen riesigen Gestalten!
Ach, und das Traurigste folgt noch! Die Sonne brannte glühendrot durch die vergoldeten Eichenwipfel, und ich wandelte wie im Schwindel meinen Pfad dahin.
Da hört' ich eine stimme. Mir fuhr's durch Mark und Bein, und wie ich schnell mich umsah, erhob sich ein alter Mann von einem Trümmer und wankte langsam wie ein schüchterner Geist auf mich zu. Seine Locken waren weiss wie der frische Schnee und seine stimme wie eines Abgeschiedenen. Da fasste mich ein noch tieferes Graun. Der Alte bettelte. Teodor, er war achtzig Jahre alt! Ich stand vor ihm wie ein Gerichteter. Was suchst du noch auf der Welt, dachte' ich und warf ihm schaudernd etwas in den Hut. Ich rannte weiter. O Lieber, das hat mich furchtbar gestimmt! Wenn's nur einst hinüberginge von der Fülle ins Nichts wie eine lohe Feuersäule! Aber so! Nur stufenweise! Weiter und immer weiter! Teodor, wie mir der Mann seinen Segen mit Freudentränen nachwinselte und rief, bis ich ihn nimmer hören konnte! Der Alte dem Jungen! Gott! Wie war mir's? O, was ist all unser Leben?
Phaeton an Teodor
Ich hab einen Menschen kennen gelernt, der mir sehr gefällt. Schon lange her ist's, dass ich ihn täglich vorbeigehen sehe' an meinem haus. Er grüsste mich immer freundlich. Er hat ein wahrhaft griechisches Profil, ein paar runde lebendige Augen, einen sanften, fast schmerzlichen Mund und einen schönen edlen gang. heute rief ich ihn, wie er wieder vorbeikam. Er wäre auch lange schon gern mit mir bekannt gewesen und fasste doch nie den Mut, mich anzureden. Mein Amor macht' ihm gar viel Freude. Er erzählte mir allerlei von der Gräfin Cäcilie und von ihrer Tochter. Das müssen herrliche Menschen sein. Man kennt sie aber nicht viel in der Gegend. Letztin sah ich ihr Haus auf meiner Wanderung durchs Gebirge.
Es ist ein wunderbar Gefühl, das mich überwallt, wenn ich diesen schönen Jüngling ansehe. Ich hange mit einer schwärmerischen Neigung an diesem seltsamen Menschen.
Phaeton an Teodor
Ich begreife, Teodor, wie die Griechen schöne Knaben und Jünglinge lieben konnten.
denke' an die süsse Trunkenheit, womit das Vollgefühl der unendlichen Lebensglut ewigkeimender natur im Morgenglanz ihrer jugendlichen Schönheit ein zartempfindendes Gemüt überschüttet! Und gibt's in unserm rauhen Norden Geister, die so vom Gefühl der heiligen Naturschöne überwältigt werden? Wie allmächtig war diese Empfindung unter dem sonnigen Himmel jenes glücklichsten der Völker, dessen Einheit mit dem Naturgeist, dessen zartempfänglichen Sinn für jede Berührung der stummlebendigen Welt jene Orgien, jene Orakel, jener geheimnisvolle Demeter-Dienst und jene tausend Mysterien bezeugen, von denen uns