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Haupt des Sarkophages. Zu beiden Seiten sassen wir auf schwarzen blumenüberhangenen Stühlen. Hört, sprach er endlich, aber unterbrecht mich nie!

Darauf begann er:

Ich bin ein Nachkomme der alten Spartaner und ward geboren in einem der Täler des Taygetos. Mein Vater war ein wilder Maniate. Die Freiheit liebt' er wie die andern rauhen Männer in den Schluchten des Gebirges und verteidigte sie kühn im Kampfe mit dem Pascha.

Von Jugend auf ward ich gewöhnt, die Waffen zu führen. Schon als Knabe kniet' ich mit den grossen Hunden an den lohen Feuern, wenn sie brannten durch die schwarze Nacht, den Muselmann von unserm Dorf zu schrecken. Meine Mutter war mir früh gestorben, und bald fiel auch mein Vater im Gefecht. So war ich allein auf der Welt.

Ich kam nach Misitra. Hier ward mein Geist genährt mit den Riesenbildern des alten Sparta. Die Vorwelt stieg wie ein Schatten aus den Gräbern. Ich ward mit ihr befreundet und fühlte meinen Busen anschwellen von grossen erhabenen Entwürfen.

Mein Mausoleum ist ein Bild des Hauses, worin ich wohnte. Es hob sich dunkel aus Platanen und Orangen wie ein alter schauriger Geist aus der jungen blumenvollen Erde. Doch mir war es immer zu eng im haus. Hinaus trieb's mich mit ungestümer Kraft, wo ich die grosse natur in ihrer Fülle sah und die mütterliche Erde, und weinend dankt' ich oft meinem Gotte, dass er mich werden liess in Griechenland.

Die Spiele meiner Kindheit waren die Spiele der alten griechischen Jugend. Um die Zeit, als der erste Flaum noch um mein Kinn blühte, war ich immer Sieger im Wettlauf und beneidete die Älteren, die schon den Diskos werfen oder den Gegner im Ringen zu Boden werfen konnten. Auf meinen wilden Sinn wirkte bei den Tänzen wenig die Hymne, wenn die Leier erklang am fest und die baskische Trommel; aber da glühte meine Brust, wenn im pyrrichischen Tanz die Männer wie starke Löwen mit den Waffen einander entgegenschritten.

Oft sass ich bei Nacht, wann der Mond am Himmel schwebte, allein unter den Trümmern der persischen Säule oder am dunkeln Gemäuer des alten Tempels der Venus Armata oder auf den steinernen Sitzen des Dromos und dachte an die Zeit, wo die Väter noch wandelten in diesen Räumen und der ernste eiserne Sinn sich bildete, der mich in düstern Schauern anwehte aus den finstern nächtlichen Gestalten.

Die Gegenwart verschwand vorm Heldenglanze der Vergangenheit. Ich wiegte mich in Träumen wie die Biene in Blumenkelchen und war gesund an Geist und Körper.

Da sprach aus meinem inneren eine stimme. Sie hiess mich mein Vaterland durchwandeln. Allein musst' ich gehen. Meine Geliebten waren ja tot. Ich nahm Abschied von meinen angebeteten Trümmern, von den Lorbeerufern des Basilipotamo und wandelte von Misitra. Damals war ich siebzehn Jahre alt.

Ich kannte den Menschen noch nicht. Ich liebte bloss den Griechen und hasste den Türken.

Meinen Weg wandt' ich auf Arkadien zu. Bald umfingen mich die Täler des schönen Hirtenlandes. Ich streifte tagelang durch die rauhen waldbewachsenen Gebirge, wo ungeheure Felsenklüfte wechseln mit wild emporstarrendem Geklipp, und um die kahlen Riesenstirnen nur einsam Moos und Farnkraut sich rankt. Dann stieg ich wieder hinab in die grünen lachenden Tale.

Da setzt' ich mich dann auf ein altes Säulenstück am Abend, wenn zarte volle Wölkchen sich im glühendreinen Gold des himmels badeten, und sah, wie die Bienen um duftende Blumen, um Lorbeer und Myrte schwebten, und die raschen mutigen Rosse an den lachenden Ufern des klaren Flusses sprangen. Dann flog mein trunkener blick hinweg über die fetten Gründe mit ihren Platanen und Maulbeerbäumen und irrte um dunkelgrüne Hügel, wo die weissen Schafe hüpften und ihren Quendel und Tymian suchten. Und weiter hinaus schweifte mein Auge, wo auf den breiten Höhen Tannen, Fichten und Terebinten ihre unermesslichen Wälder bildeten, und überhundertjährige Eichenstämme die Felsen ihre grauen Häupter türmten, und blieb endlich stehen auf dem hohen Pholoë, der über den grünen Tälern mit seinem ehrwürdigen, in den schneegewobenen Schleier gehüllten haupt dastand wie auf der jungen beblümten Wiese der Priester des Sonnengottes.

Dann dachte' ich an die schönen zeiten, wo der fromme dankbare Mensch alles, was um ihn war, Wälder und Fluren, Quellen und Flüsse, Täler und Berge mit dem Geist einer Gotteit belebte, wo die Nymphen, die heitern Töchter der natur, durch Blumen und Fluren irrten, in jedem Baume eine Dryas webte, über dem klaren spiegelnden wasser der volle Busen einer Göttin schwoll, und der muntere Pan Gebirg und Wald mit seinem Flötenklang erfüllte. Da schwebte das ganze Gewimmel der alten Götter an mir vorüber, und ich sah sie um mich wirken und lächeln als die Kräfte der heiligen wirkenden natur.

Ich wandelte durch die Ebene Mantineias und suchte das Grab des Epameinondas. Nie vergess' ich diesen Morgen. Die Sonne war eben aufgestiegen und schien in ihrem wandellosen Licht herab auf die Erde. Das ewige Spiel der Zerstörung und Umwandlung! Ich wand mich durch das Rosmaringesträuch, das um die Gräber meiner Väter sich wob wie der Blumenkranz um das Haupt eines abgeschiedenen Greisen, und irrte trauernd durch die Ruinen und las die Inschriften auf dem alten Gestein. Dann setzt' ich mich nieder. Frisch blinkte der Tau auf den Blättern im Glanze der Sonne, die durch Lorbeer und Oliven ihre zitternden Strahlen auf mich warf und mit warmem Kusse mir um die Wangen spielte. Über den Rebenhügeln lag vor mir der Mänale mit seinen Fichten, der Artemisios und