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mich. Ich bin nicht schuldig! rief sie, heftiger weinend, immer noch matt an meiner Brust liegend.

Wo ist Katon? sagt' ich. Sie wusste, was ich wollte, riss sich los und flog durch die tür.

Einen Augenblick war ich allein. Ich schauderte vor dem grab.

Atalanta kam wieder und sagte: Katon will nicht kommen.

Weiss er's?

Er weiss es! schluchzte sie.

Das grämte mich. Fürchterliche Bilder umgaukelten mich den Abend. Das Wundfieber verliess mich die ganze Nacht nicht. Gegen Morgen entschlummert' ich. Wie ich erwachte, standen Katon und Atalanta vor meinem Bette.

Wir sahen uns lange starr an. Dann sagt' er dumpf: Du bist ein schlechter Freund! Ein blick von Atalanta milderte seinen Ernst. Er ging fort und liess uns allein.

Aber zürn' ihm nicht!

Teodor, Du wirst staunen! Katon hat den Schleier abgeworfen, und seine Seele steht in ihrer ganzen Grösse vor mir da.

Gegen Abend trat Cäcilie mit Atalanta in mein Zimmer. Katon folgte. Er war wie ein anderer Mensch; wie verjüngt. Sein Bart war geschoren; seine Miene geheimnisvollfreundlich. Er trat zwischen mich und Atalanta und sagte: Ich hab Euch entzweit. Ich will Euch wieder einen. Atalanta! (O, dies sprach er mit einem unbeschreiblichen Schmerze.) Atalanta, ich bin Dein Vater! Cäcilie ist nicht Deine Mutter!

Die Welt verschwamm vor meinen Augen. Erwarte nicht, dass ich die Szene Dir beschreibe! In solchen Augenblicken handelt der Mensch, ohne es zu wissen. Cäcilie verhüllt' ihr Angesicht. Atalanta lag vor Katon und stammelte weinend: Vater!

O, wie der schöne hohe Mann, vom Abendlicht der Sonne verklärt, da stand, und zu seinen Füssen die Jungfrau, meine Geliebte! Wie er die arme nach ihr ausstreckte und sie ans Herz drückte! Wie sie nun sich losriss und vor Cäcilie kniete und rief: O Mutter, Mutter! und es wieder stille ward, und sie endlich wieder schluchzte: Warum musst' ich den Vater bekommen, da ich die Mutter verloren?

Es ward wieder ruhig. Vater und Tochter blickten sich an wie freundliche Sterne. Auch Katon weinte.

Ich ergriff seine Hand; sah ihn an mit tränendem Auge. Er lächelt' und erwiderte: Ein andermal!

Dann fasst' er Atalantas Hand und sagte: Noch etwas, meine Tochter! Du bist eine Griechin!

Griechin! rief ich ausser mir. Ihr Auge war, als wollt' es zerfliessen in wasser. So sanft, so schmerzlichmild, so ganz Gefühl und Seele! O, und nur ich verstand sie!

Katon war unbeweglich stehen geblieben. Dann setzt' er noch hinzu: Doch fragt mich nicht mehr, bis ich selbst Euch das Geheimnis löse! und ging dann fort.

Die halbe Nacht wiegt' ich mich in der Betrachtung der wunderbaren Entschleierung; aber noch konnte' ich das unterirdische Gewölbe nicht enträtseln, und weiter fragen dürfen wir ihn ja nicht.

Man verband mich täglich. Die Wunde war nicht gefährlich. Ich ward ruhiger.

Oft las mir meine Griechin vor. Sie sass dann neben meinem Bette.

Wenn ich sie so ansah, wie sie da sass in ihrer unbegreiflichen Schönheit, und die grossen seelenvollen Augen auf dem buch glühten und dann mich wieder unendlich liebend ansahen; wenn die holden Lippen so melodisch die Worte sprachen, und sie mir erschien, dem Kranken, Verletzten, wie die ewige Jugend, wie die unverwelkliche Gesundheit; wie ich endlich ihre Hand ergriff, und sie schwieg, ihr Haupt über mich herein senkte und einen glühendheissen Kuss auf meine Wange drückte ... Da fühlt' ich, dass wieder Gesundheit schwellte durch mein Innerstes wie der Lebenssaft durch die getränkte Blume. Mein kalter Busen erwärmte sich an dem ihrigen und sog Leben und Fülle aus ihrem mund wie die Biene Honig aus der Rose.

Jeden Abend kamen Cäcilie und Katon zu mir. Aber er schwieg immer. Nur einmal sagt' er beim Hinweggehn: Bald wird sich's lösen!

Meine Wunde hörte auf mich zu schmerzen. Der Schlaf erquickte mich wieder, und ich fühlte mich an einem warmen Nachmittag gestärkt genug, an Atalantas Arm durch den Garten zu wandeln. Ich grüsste jede Blume, jede Quelle, jeden Berg. Ich fühlte mich wieder ganz als den Liebling der Mutter natur.

O, so müsst' es dem sein, der aus dem Reich der Toten wieder ans Licht der allerwärmenden Sonne träte!

Phaeton an Teodor

Nun, lieber Teodor, ist alles anders. Katon hat sich uns entdeckt. Atalanta ist mein. Aber nur Dir darf ich das Geheimnis anvertrauen.

Gestern Abend trat Katon zu uns herein und hatte die geliebte Tochter an der Hand. Er gab mir seine andere. Ich folgte schweigend. Ich ahnte, was er wollte. Er ging mit uns auf sein Mausoleum zu. Wir schlüpften durch die Rosenhecken und standen vor der Sphinx. Er schloss die Tür auf. Atalanta bebte und schmiegte sich furchtsam an den Vater. Nacht umgab uns. Wir stiegen eine enge Wendeltreppe hinab und gelangten auf den ebenen Boden. Lichter brannten wieder auf den drei Kandelabern. Der schwarze Sarkophag war mit weissen Rosen umkränzt. Mir schlug das Herz; doch wagt' ich nicht es zu gestehen, dass ich schon einmal hier war.

Mein Schicksal will ich Euch entüllen, Kinder! sagte Katon freundlichernst und setzte sich oben an das