Auf einem Berge legt' ich mich nieder. Die Winde rauschten durch die Eichen und schüttelten die Äste wie Nachtgedanken meine arme Brust. Allein sass ich auf dem Berge. Ich fühlte nimmer die Mutterliebe der allbeseelten natur, nicht mehr das heilige lebendige Glühen um mich her. Es standen die Eichen vor mir wie erstarrte Riesen, und das finstre Tal am Fuss des berges wie schaurigöde Reste einer zertrümmerten Welt voll Licht und Leben. Tot, tot war es um mich wie in meinem inneren.
O, da fand ich's: Wer den Frieden nicht im Busen trägt, der findet ihn nirgends.
Ach, ein einziger Stern am Himmel hätte mich noch glücklich gemacht. Ich hatte ja Licht gesehen.
Ich lief wieder hinab dem schloss zu. Keine Seele begegnete mir unterwegs. Alles, alles schwieg und ruhte, Menschen und Tiere, Bäume, Blumen und Gräser. Ich allein ruhte nicht. Am Ufer des Sees setzt' ich mich nieder. Seine Wellen klangen durch die Stille. Das einzige Bewegliche in der entschlummerten Welt! Aber ach, mir schien's, als klängen die Wellen nur, die Minuten des Todes zu zählen.
Gegen Morgen ging ich nach haus.
Phaeton an Teodor
Die Sonne stieg blutrot am Osten empor und erhellte die Welt, die so fürchterlich mir war in dieser Nacht. Die schwarzen Berge glühen in Morgenrot, aber durch meine Seele ist noch kein Licht gebrochen.
Mein Busen brennt wie die glutrote Feuerlilie.
Wo sollt' ich Trost finden? O dieser Schmerz! Er ist eine Wollust, dieser Schmerz! Eure stoische Apatie ist der Greuel höchster! Bruder, wenige waren glücklich wie ich. Warum sollt' ich nicht auch unglücklicher sein als andre? Aber warum musst' ich glücklich sein, eh' ich unglücklich wurde?
Was hilft mir nun all mein Wissen? Meinst Du, es lindre diese kämpfende Brust?
Die Sonne lächelt wieder freundlich draussen; aber ich mag nicht in die natur. Glaubst Du, ich wolle allein durch Wies' und Aue streifen wie eine gewitterschwangere Wolke durch die heitere Luft und allein mich unglücklich fühlen unter den Kindern der natur?
Ich hatte überlegt. Mir ist das Leben wie ein Schlaf ohne sie. Der Schlaf ist des Todes Bruder. Schlafen und Gestorbensein unterscheidet sich ja nur durchs blosse Träumen; und ob ich vollends entschlummere und nicht mehr träume, gilt mir gleich.
Lebe wohl!
Phaeton an Teodor
Deinen Brief hab ich erhalten. Aber ich konnte Dir nicht antworten. Lieber Bruder, diesmal konnte' ich Dir nicht antworten. Es war weit mit mir. Höre!
Die Welt war mir verhasst an jenem Morgen. Zertrümmert war mein Alles; gelöst die ganze Spannkraft meines Geistes. Ich dachte nicht an sie; nur Katon stand vor meiner Seele. Um Mittag klopft' es an meiner tür. Sie war geschlossen. Ich öffnete; blieb stehen wie erstarrt. Atalanta stand vor mir.
Ihr Auge war ruhig und voll Frieden. Sie ahnte ja nicht, wie mir war. O Gott, warum war das so?
In meinem inneren regte sich's wie in der Erde, wenn sie die tiefgeheimen Kräfte allzerstörend zum furchtbaren Ausbruch rüstet, und wild in gärenden Wirbeln die empörten Elemente gegeneinander toben.
Lange sass sie mir gegenüber. Endlich sagte sie ängstlich: Phaeton! Deine Augen sind verstört und glühen matt wie halberloschne Flammen. War Dein Schlummer nicht sanft diese Nacht?
Schlummer? murmelt' ich finster. werde' ich schlummern, wenn meine Welt mir in Trümmer sinkt? Ich konnte fast nimmer! Seufzte: Ach, sie sank so bald!
Was ist Dir, Phaeton? rief Atalanta weinend.
Nicht wohl! war meine Antwort. Ich stand auf und wandelte mit raschen grossen Schritten in meinem Zimmer auf und ab. Mein Inneres ward düsterer und immer düsterer.
Ich blieb stehen vor ihr; sah sie starr und bewegungslos an. Sie spielte mit Blumen in ihrem Schoss und fragte mich endlich mit einem unaussprechlich traurigen Blicke: Phaeton, was ist Dir? Du bist schrecklich.
Umsonst. Es ward nur immer nächtlicher in mir. Wer hält den Strom in seinem Laufe, wenn er von himmelhohen Felsenklippen die Flut lautdonnernd in die Tiefe stürzt?
Ich schritt wieder durchs Zimmer. Ein weinend Ach! vernahm ich noch von ihren Lippen. Dann sah ich nichts mehr, hörte ich nichts mehr.
Auf einem Tische lag ein Messer. Ich ergriff's und dreht' es in den Händen. Phaeton, was hast Du? rief sie erschrocken. Ich sprach kein Wort, sondern stiess das Messer gegen meine Brust.
Das Blut floss. Mir ward schwindlig. Ich musste mich niedersetzen.
Gott! rief Atalanta mit einem entsetzlichen Schrei und rannte durch die tür.
Die Besinnung schwand mir. Wie ich erwachte, lag ich auf dem Bette. Der Arzt stand neben mir und verband mich.
Das Fieber rüttelte mich fürchterlich. Cäcilie war um mich geschäftig. Sie weinte.
Ich war allein mit Atalanta. Ich sah sie an mit brechendem Auge; ergriff ihre Hand; stammelte: Atalanta! Einen Kuss! O Phaeton! rief sie weinend mit einem namenlosen Ausdruck und sank über mich her. Ihr Mund glühte flammend auf dem meinen. Ihre Haare lösten sich auf und wallten über mich hinunter. Ich küsste die Tränen von ihrem Auge.
Jedes Wort war Schmerz. Gestern Abend! Katon! Das war das einzige, was ich konnte lispeln.
Sie verstand