Klang einer Flöte und ein laut frohlockend Rufen, ein bakchantisch Getümmel. Es teilte sich der Myrtenbusch. Ein Mann lag auf einem grünen Rasen in den Armen einer Flötenspielerin. Ein Kranz von Efeu und Violen und festlich schmucke Binden waren ihm ums Haupt gewunden. Üppige Weinreben, das Bild der Freude, wuchsen empor aus der Erde, und wie volle Kinderwangen lächelten schwellende Trauben aus dem dunkeln Laub. In seinem Feuerauge blinkte die süsse Begeisterung des Dionysos; um seinen Mund schwebte ein spöttisch froher Zug; aber aus seiner Stirne sprach ein strenger tiefer Ernst, eine unaussprechliche Weisheit, eine unglaubliche Stärke, eine unbeugsame Kühnheit. Sein ganzes Wesen war ein Rätsel. Denn während er ohne Zucht und Scheu, mit wilder Lust, mit kecker Derbheit, alles, was um ihn war, Götter und Menschen, zu höhnen schien, strahlte doch aus ihm die Anmut und jede Gabe der Huldinnen in unerschöpflicher Fülle. Sie schienen von ihm abhängig; nicht er von ihnen. Man musst' ihn anstaunen und doch lieben, den Wilden, Zügellosen. Mit der einen Hand schwang er bald mit lautem jubel einen vollen Weinbecher, bald eine klingende Handpauke und bald die Maske der Talia, während er mit der andern den Hals des Mädchens umschlang und mit dem Verlangen der Liebe ihren blendend weissen Busen küsste. Dann sprangen beide auf mit wildem Gelächter und opferten den Charitinnen und der Aphrodite. Es war Aristophanes.
Die Flamme des Äschylos schlug gewaltsam auf vom Felsenaltar in lodernder dunkelroter Säule; die Flamme des Sophokles schwebte in milchweisser klarheit empor wie ein ausgehauchtes Sehnen unserer Brust; die Flamme des Aristophanes flatterte knatternd in die Lüfte und duftete von süsser Geruchsfülle.
Und plötzlich sah ich über den dreien einen Wagen schweben auf einer Wolke. Amaranten, die Blumen der Unsterblichkeit, hingen in schwellenden Kränzen um ihn. Unendliche Fülle des erhabenen Gesichts! Anbetend sank ich nieder. Ein wunderbarer Mann stand auf dem Wagen wie ein Lichtgeist, dessen Körper zart gewebt war wie Äter, und um und um eine Hülle trug von unzähligen Flügeln. Um sein Haupt bewegten sich dreimal drei Sterne; aber der reinste klarste, der Stern der Weisheit und der Schönheit, brannte wie eine Sonne über seiner Stirne. Zwei Rosse lenkte der beflügelte Mann an seinem Wagen. Weiss war das eine wie frischer Schnee im Glanz der Sonne, mit schwarzen Augen. Sein schlanker Hals war gebogen wie der eines Schwanen, zart und voll züchtiger Scham, und strebte nach oben. Aber neben ihm flog ein schwarzes Ross von hässlicher Missgestalt, mit kurzem steifem Hals. Seine Nase schwoll von Wut und Ungestüm. Sein blutig Auge wälzte sich wild im Kreise. Unaufhörlich blickte der Beflügelte nach oben. Sein Auge war trunken wie das Auge des Seligen, der die Schönheit schaut in ihrem reinsten Lichtglanz; und immer heftiger regten sich die Federkeime um seinen Körper und schwollen und strebten hinan. Wie von heiliger Scheu war das eine Ross durchdrungen; das schwarze aber schüttelte die wogende Mähne mit wildem Schnauben und bäumte sich wiehernd empor und keucht' an dem zurückgezogenen Zügel. Da riss der ergrimmte Führer am Gebiss, dass Blutstropfen träufelten vom mund des Rosses und lautdröhnend mit entsetzlichem Geschnaube das Ungebändigte zu Boden stürzte. Da schossen gewaltig die Flügel aus dem unendlich verherrlichten Körper des Wagenlenkers. Sein Auge ward wie Morgenrot. Er ward verklärt zu lauter Seele, lauter Geist. Platon war der Wagenlenker.
Es ward stille. Da hört' ich die fernen Töne klingender saiten. Und immer näher kam der wunderbare Klang von oben. Ein milchweisses Wölkchen bemerkt' ich niederschweben aus der blauen Luft, und heller immer ward's und grösser und blieb am Ende stehen über dem haupt des göttlichen Wagenlenkers. Jetzt verklangen die Laute. Es teilte sich die Wolke, und ein Greis trat hervor in blendendweissem Lichtgewand, mit langsamfeierlichen Tritt, eine Harfe in der Hand. Um ihn wälzte sich in undurchdringlichen Strömen das reinste Licht. Ein hellgrüner Kranz wand sich mit frischem Laub um seine grauen Locken. Ruhe taute sein ernstes Auge und vollendete Harmonie, und in reicher unermesslicher Fülle quollen die Strahlen wie melodische Quellen herab aus seiner Wolke unter die Betenden unter ihm. Die Flammen ihrer Altäre wurden gewaltiger vom Lichtregen, und der aufwallende Rauch sammelte sich zu einer dichten Wolke unter den Füssen des Greises. Wer war es anders als Homer?
Und auf einmal ward's noch klarer um uns, so dass die Tempel umher der Götter erglänzten und die Bäume im Hellgrün. Der Greis verschwamm fast in das wogende lautere Licht. Da hört' ich eine stimme. Sie kam von ihm: Schauet empor, Ihr Reinen, dass Ihr die Schönheit, nach der Ihr verlanget auf Erden, schauet in ihrer wahren Göttlichkeit, ohne Farbe und ohne Gestalt, ohne Anfang und ohn' Ende, die Schönheit in Gott, in der ich wohne! Sie schauten empor. Auch ich wollte mein Auge hinanheben.
Da erwacht' ich.
Ich fühlt' einen Kuss auf meinen Lippen. Atalanta kniete neben mir in ihrer Schönheit, zart wie die junge Erdbeerblüte. Frische Morgenrosen flochten sich durch ihre dunkeln Locken, und auch mir hatte sie einen Kranz gewunden. Atalanta! rief ich. Ich hab ihn gesehen, unsern Homeros! Im Traum hab ich ihn gesehen, und nahe war ich, die höchste Schönheit zu schaun mit den grössten Geistern. Ach, und war das Licht um den Sänger reiner und weisser als Dein Angesicht, Göttliche, unendlich Geliebte? War die Erscheinung