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grenzenlose Weite des Meeres und endlich verschwamm in der Flamme des aufsteigenden Sonnengottes! Wie nun seine Brust sich hob, und eine Träne bebte im Auge des Alten, Ehrlichen; wie er da lehrte, und seine Lippen überquollen von der Fülle seines Herzens wie von Strahlen der ewige Lichtquell der Sonne, er, der Sohn des himmels, auf dem Felsen, und um ihn der endlose im Morgenrot wallende Äter, rein wie seine Dichterseele!

Atalanta war mir an die Brust gesunken. Ich blickte hinab auf das jugendliche Haupt und fühlte mein ganzes Wesen überwallen, wie ich sie so nah mir sah, diese unaussprechliche Schönheit. Ihr dunkles Auge voll ewigen Friedens weinte verklärt zum blauen Himmel hinauf, und ich drückte, von der Seligkeit der Götter durchschauert, einen heissen Kuss auf ihre keuschen unentweihten Wangen.

Ja, Atalanta, rief ich endlich, mich erholend aus der betäubenden Wonne, blick' ihn an mit Deinem Auge voll Liebe! Er ist's! Seine Seele ist unergründlich wie das Meer, aber durchsichtig wie der unermessliche Äter. An seinen Busen voll warmem Jugendfeuer drückt er die natur wie eine Braut, und seine Gesänge sind die ewig jugendlichen Kinder seiner Liebe. Wie holde Blumen in einem Kranze schlangen Weisheit, Schönheit, Mässigung und Ruhe sich in ihm zusammen. Sein Lied ist wie das spiegelhelle unbewegte Meer, wenn es die Farbe des himmels trägt. Er ist ein gewaltiges Gebirge, das, tiefgewurzelt in die gute mütterliche Erde, das weisse Haupt in Äterfernen streckt.

Es rauscht' im Gebüsch, und Katon trat herein. Er lächelt' und setzte sich auf einen Säulenstumpf. Die Sonne war hinunter. Es ward schon dunkel um uns. Katon sagte: Griechenlands Sänger sind die grössten. Wie Kinder spielten unter Blumen in dem schönen land die Söhne des himmels. Aber grösser sind Griechenlands Helden. Wo ist eine Brust wie die freiheitstrunkene Seele des Leonidas? Wo ist die ernste Tatkraft eines Epameinondas? Wo sind unsre Timoleone? Ich verstand nicht, was er wollte damit sagen. Wir gingen ins Schloss.

Aber der Geist Homers wich nicht von meiner Seele. Ich kehrte spät zurück zu den drei Säulen. Einsam sass ich an ihrem Fuss unter dem Bilde Homers. Seine Helden stiegen in meinem Geist empor aus den Trümmern um mich her und schwebten an mir vorüber in langen dunkeln Gestalten. Kein Mond war am Himmel. Eine Nachtigall schlug in der Nähe in vollen schwellenden Akkorden. Ich schlummert' ein.

Höre meinen Traum!

Ich trat in ein elysisch schönes Land. Durch fette Wiesengründe wälzten sich Bäche. An ihren Ufern stiegen im Schatten des Lorbeers und der Myrte Säulentempel in die Lüfte. Unendlich klar war das Blau des himmels. Der linde warme Hauch eines ewigen Mai war über Wiesen, Wälder, Hügel und Himmel gegossen.

Da hört' ich ein unterirdisch Dröhnen, als ob die Erde wollte Riesen hervorstrudeln aus ihrer Tiefe. Die Bäume wankten und die Felsen bebten. War es so, als aus dem gestaltlosen Chaos mit Brausen und Donnern die Elemente sich schieden, aus dem kochenden Wirbel der Urkräfte; wie das gestaltete Eisen aus der Flamme, die Welten sich lösten, und die alten Riesengötter im Kampfe lagen mit den neuen; wie der gewaltig genialische Geist in seiner schrankenlosen Erhabenheit, in seiner überschwellenden Grösse, in seiner unermesslichen Pracht, wenn die Kunst ihn zwingen will in geründete Formen, in vollendete harmonische Bildung, ins Ebenmass?

Ein Mann stieg aus der Erde. Sein Auge sprühte Begeisterung wie Funken die Sonne. Die wilden langen Locken umwallten in regellosem Wirbel die hohe gefaltete Stirne und den unbeugsam männlichen Nakken. Er ergriff die alten Eichen und wuchtete die Ungeheuer mit Stamm und Kron' und Wurzel aus der Erde, dass sie lautdröhnend mit entsetzlichem Gekrache wie vom Himmel geschleuderte Giganten niederstürzten. Dann riss er Felsen aus dem Boden und warf wie leichte Steine sie empor und türmte einen auf des andern Gipfel. Dann schwang er sich hinauf und stand auf dem himmelragenden Geklipp, dass seine Haare, von den Winden gewirbelt, wie Schlangen in den Lüften flogen.

Darauf stieg er nieder, und eine Flamme zündet' er an auf einem Altar am Fuss des Felsgeklüftes und betete an die wechsellose Riesenmacht des allgebietenden Geschicks und die Grundkräfte der lebendigen natur, die alten Urgötter, und flehte, Gerechtigkeit walten zu lassen auf Erden und Heil und Fülle zu verleihen dem heissgeliebten göttlichen Vaterland. Es war Äschylos.

Nicht weit von ihm quoll nieder eine Flamme, dass Tempel umher und Myrten und Blumen vom Lichte glänzten. Es war die ewigheilige Flamme der Religion. Aus ihr trat wie geläutert hervor ein Mann in himmelblauem Gewande. In seinem Antlitz küssten sich wie Bräutigam und Braut der Ernst und die Sanftmut, die Würde und das Gefühl, die Hoheit und die Liebe, die Kraft und die Anmut, und wie Lilien blühte darin der Geist der Reinheit und die Ahnung der Gotteit in ihrer höchsten Fülle. Sein ganzes Wesen war Harmonie und Ruhe. Er war ein Greis, aber jugendliche Schöne schwebte noch in den edlen würdig milden Zügen. Er trat vor einen Altar und kniete nieder und betet' an die alten gesetz, die ewigen ätergeborenen, in denen der Gotteit nie alterndes Wesen wohnt, und blickte mit einem Antlitz voll anbetender Liebe, voll frommen seligen Vertrauens empor zu dem geist der Welt. Es war Sophokles.

Nahe bei ihm war ein Myrtengebüsch. Ein Duft von Salben, Blumen, Räuchereien strömte mir entgegen. Zugleich vernahm ich den