dem Tempel der Gotteit.
Des Mannes Tugend gleicht dem Riesenfelsen, der weit die Schatten auf die Täler wirft. Des Weibes Tugend ist ein sanfter ewigfliessender Bach, der stillbescheiden sich durch die Blumen windet und liebend an den Ufern die zarten küsst und tränkt. So denke Dir Cäcilie und Atalanta!
Cäciliens Haus ist den Grazien geweiht, aber nicht den niedern, die das blosse Bedürfnis verschönern und heben, sondern jenen allwaltenden weisen und keuschen Förderinnen alles Schönen und Guten, von denen der weise Pindaros singt: Ihr an Kephissos Gewässern wohnend, dort am Sitze der schönen Rosse weilend, Huldinnen, Königinnen holden Gesangs im lieblichen Orchomenos, der alten Minyer Wächterinnen, Höret den Fleheruf! Denn von Euch kommt ja das Liebliche, kommt ja in Fülle das Süsse der Welt, blühst Du an Weisheit und Schönheit oder an Adel. Denn die Götter ordnen ohne die heiligen Huldinnen nie ein Gelag, keinen Reigen; sondern allwaltend im Himmel haben sie bei Pyto Apoll, dem der Bogen von Gold schimmert, sich aufgestellt den Tron, ewig verehrend des olympischen Vaters Herrschergrösse.1 Diese, Teodor, die heitern Kinder des Weisen, lächeln aus allem. Sie sind nichts anders als das Mass.
Fussnoten
1 Pindar, Olympische Siegesgesänge XIV.
Phaeton an Teodor
Atalanta wusste nichts, wie ich sie fragte, von Katons unterirdischem Gewölbe. Sie wusst' auch nicht, aus welchem Land er stamme. Nur: ferne, sagte die Mutter, ferne sei er hergekommen. Auch ihren eignen Vater kennt sie nicht. Sie hab ihn schon verloren als zartes Kind.
Das Neugriechische war die Sprache ihrer Kindheit. Sie stammelte griechisch. Die Sprache unsers Vaterlandes lernte sie erst später.
Wie Katon heute vor mir stand und wir allein waren, fasst' ich mir Mut und sagte: Katon, verdien' ich diese Kälte?
Er aber sagte etwas dumpf: Was ist Dir, Phaeton?
O, verdien' ich dieses Schweigen? erwidert' ich heftiger, und eine Träne rollte mir aus dem Auge.
Es verschwebten an seiner Stirne die Runzeln, und er sagte, halb finster halb wehmütig, mit einem unerklärbaren blick: Auch ich trag' etwas auf der Brust; aber frage mich nicht! Er ward ernster. Ich darf nicht weiter davon sprechen.
Er warf mir einen blick zu, der mir auf ewig die Zunge lähmte. Dann sagt' er noch einmal: Frage nie mehr! und ging fort.
Und auch Cäcilie kann ich nicht enträtseln. Sie ist geheimnisvoll wie die stille Nachtviole. Nur Atalanta ist wie eine offne Rose, der man bis in des Kelches Tiefe schaut.
Ich trat gestern Abend die Treppen herauf. Es war schon dunkel. Atalanta flog durch eine Tür. Ich kannte ihren Tritt. Schnell folgt' ich ihr. Ich erreichte sie, sank ihr wild um den Hals und rief wie rasend: Ewig, ewig Dein!
Phaeton, rief sie ängstlich, nicht dies Ungestüm! und wand sich los aus meinen Armen. Ich wollte sie halten, blickte hinter mich, da stand – Cäcilie vor mir. Atalanta flog mit einem Schrei zur Tür hinaus. Mir bebten die Knie. Ich sank ihr zu Füssen: Cäcilie! rief ich mit wankender stimme. Kann Cäcilie vergeben? Lange blieb sie stumm. Ich hatte ihre Hand ergriffen; weinte meine Tränen auf sie. Und wie ich hinaufblickt' und ihr Auge traf und das Wohlwollen herabquellen fühlt' auf mich wie linden Tau, und sie ihre Hand aus der meinigen zog, mir noch einen liebevollen blick zuwarf und dann verschwand ... O Gott, ich blieb in heiligem Entzücken auf den Knien, als ob sie noch vor mir stünde, und strömte meine Seele aus in einem brünstigen Gebete.
Phaeton an Teodor
Ich lebe wie zu den zeiten Homers. Die Wirklichkeit berührt mich kaum wie die Flut den Fuss des Gebirges, dessen wolkenumwobene Scheitel weiter reichen, als das Auge trägt.
Ich sass vor dem Bilde Homers auf der untersten Stufe. Atalanta sass neben mir. Sie spielte mit den Efeublättern, die um ein altes Architrav sich schlangen.
Die Sonne war nah am Untergehn. Durch die wilden Rosengebüsche blickte der blaue See mit seinen grünen Ufern. Da zog ich den Homer heraus. Atalanta sah mich an und lispelte, die Hand mir drückend: Lesen wir? Ich sagte: Ja. Wie feiern wir schöner den Abend? Und welche Rhapsodie schlag ich auf, Atalanta? Da hast Du das Buch! Nausikaa! klang's von ihren Lippen.
Sie las. Teodor, wie die griechischen Worte wogten von den zarten Lippen, die Worte des Mäoniden! Jeder laut war wie aus tiefster innigster Seele.
Das Saftgrün der Blätter und die Glut der Rosen und der Abendsonne; die grauen alten Säulen; die Trümmer um uns her; und drüber hinein das Himmelblau; und das Mädchen, vom quillenden Strahl der Sonne geküsst, mit ihrem Engelauge, mit ihren Rosen in den dunkeln Locken, mit ihrem Homer in den Händen!
Da rief ich endlich aus:
Atalanta, denke Dir den Sänger, wie er stand auf dem grauen Felsen von Chios, wann die warme Morgensonne seine weissen Locken umwallte wie das Haupt eines Heiligen, und um ihn her sassen im Kreise die Schüler auf den steinernen Bänken! Wie der alte Lehrer hinüberblickte über die lachenden Fluren des Eilands von der jähen Klippe, und sein Auge von den grünenden Buchten und dem frischen Gestade hinüberdrang wie ein Lichtstrahl in die