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Riesenschleier des grössten der Geheimnisse.

Gott selbst erfreut sich ihrer. Durch sie ist er Gott. Ewige nieverblühende Jugend ist ihre Tochter. In ihrem frischen wasser zu baden, ist die Wonne der Unsterblichen.

Sie ist voll und üppig wie die Rose. Aus ihrem Kelche saugen die Menschen wie Bienen ewiges Gedeihn. Ihre Farbe ist weiss wie Milch, denn sie ist voll Unschuld. Ihre stimme ist wie der Klang einer Glokke; denn alles staunt ob ihrer Fülle. Aber auch sanft ist sie oft wie verhallende Harmonikalaute, und in der Ferne der Erinnerung klingt sie wie leises Wellengemurmel.

Ein Kuss ist das grösste Geheimnis dieser Liebe. Die Liebe zur ganzen Menschheit ist eins mit ihr.

Weissagend ist diese Liebe, lauter Wahrheit; nur der Begeisterte fühlt ihre Kraft, ihren Segen. Alles bringt sie dem Menschen; denn die Gesandte, die Priesterin Gottes ist sie. Ohne sie ist nichts Edles auf Erden, nichts Gutes und Grosses. Ohne sie ist kein Leben. Ihr warmes Licht aber, das klare keusche, fällt nur in zarte Seelen, durchdringt sie ganz, macht sie unendlich durchsichtig, läutert und reinigt sie überschwänglich.

Voll Glauben ist sie; sie lässt uns erkennen Gott in unserm inneren und zeigt uns, wie alles, was ist, durch ihn, durch sie ist, und erfüllt von ihm allein natur, Schöpfung und unsern eignen Busen.

Uneigennützig ist sie. Siehe, wie sie lächelt, die Unsterbliche, aus dem Auge der Mutter, wenn sie den Säugling an den Brüsten tränkt! geben und Nehmen, das wird ihr zu Einem.

Ich lernte lieben, lieben aus ihrem Auge, ihrem Kusse, lieben aus ihrer Seele, ihrem geist.

Ihn lernt' ich erkennen, fassen, lieben, den alten ewigen Geist, den wandellosen, der alles Dasein schafft und gibt, den Vater des Masses, das Mass selbst, den Urheber alles Lichts, das Licht selbst, die Urkraft und das Urleben, der die Weisheit erfand, ihn, den Alleinigen, Unerschaffenen, ihn, die Liebe, die Wahrheit.

O, richtet nicht!

Ich weiss ja wohl, es ist nichts leichter als urteilen und verdammen. Tausendmal wird gerichtet, bis einmal der Richter versteht, was er zu richten wagt. Er braucht, um vieles zu erkennen, eine Kraft, ein angeborenes Etwas, das man nicht lernen, nicht erwerben kann.

Menschen, die keine Leidenschaften haben, weil sie ohne Herz, ohne Kraft sind, predigen der Jugend, mit ihren Wünschen, ihren Trieben der Vernunft nicht zu entlaufen!

Ich sagt' es Dir schon hundertmal: solch eine Ruhe will nichts heissen. Der sich mit seiner Kühnheit brüstet und keinen Feind noch sah, der ist kein Held. Aber der ist ein Mann, der sich bewegt durchs wildeste Gedränge.

Wunden! Wunden! Lass sie bluten! Eine Brust ist stark. Du bist doch ein Mann. So zu bluten, das ist gross!

Mich lasst nur irren! O, ich bin glücklicher als Ihr auf Eurer rechten Bahn. Nicht bedauern dürft Ihr mich, weil ich irre, Ihr Klüglinge, Ihr Selbstgefällige! Beneiden müsst Ihr mich! Ach, solch ein Irren ist mehr als all Euer Fortschlendern!

Phaeton an Teodor

Du kannst Dir mein Wesen nicht vorstellen. Und all das sollte nur ein Traum sein? Der arme Mensch, wenn er einmal glücklich ist, da soll er träumen? Und wär's auch ein Traum, warum wollt Ihr mich erwekken? Ein solcher Traum ist mehr als Euer Wachen. Ich gestehe ja, mein Geist ist berauscht. Aber ich sage Dir, Eure Nüchternheit ist der schimpflichste Zustand des Menschen!

Phaeton an Teodor

natur und Kunst sind wie zwei Schwestern, die sinnig schweigend mit ihren Armen sich umschlingen. Sie halten einen ewigfrischen Kranz mit vollen Blumen in den Händen. Der bedeutet die Liebe.

Phaeton an Teodor

heute war eine schöne Mondnacht. Ich wandelte mit Atalanta durch den Garten. Ich hatte meinen Arm um sie geschlungen und sah mit Entzücken, wie unsere langen Schatten auf der Erde sich vermählten. Von ungefähr standen wir am See; der Kahn schaukelte sich vor uns am dunkeln Ufer.

Besteigen wir den Kahn nicht, Atalanta? sagt' ich. Sie lächelte. Ja! Ich sprang hinein, löste die Seile und gab ihr die Hand. Die Schüchterne hüpfte in den Kahn.

Ich nahm das Ruder zur Hand und plätscherte damit in den Wellen. Ein kühler Abendwind trieb uns bald aus den Uferschatten.

Teodor, was war das für eine Stunde! Wie Träume umschwebten zartgehauchte silberne Wölkchen den Vollmond, der in seiner lieblichen Fülle wie das Angesicht eines keuschen Mädchens herabquoll auf die zitternden Gewässer. Die Tannen am Ufer drüben schienen sich mit ihren Riesenschatten in der kühlen Flut zu baden. Wie ein dünngewobener Schleier von Duft umwallte die Gegend umher ein blaues Licht, und die Berge schwebten wie die verklungenen Wünsche unserer Kindheit aus ihren Fernen herüber. Der Garten mit seinen dichten Ufergebüschen ward wie eine dunkle Wolke; nur die drei Säulen ragten in schwachem Licht aus dem Dunkel wie geheimnisvolle Trümmer einer entschwundenen Urzeit.

Die Geliebte lag an meiner Brust und hatte zärtlich ihren Arm um meine Schultern geschlungen. Ihr blasses Antlitz blickt' aus den Locken wie der weisse Mond aus dem dunkeln Äter. Wir schwiegen. Nur manchmal drückt' ich die Liebende wärmer an meine Brust und küsste die milchweissen Wangen.

Kein laut aus der Ferne; nur das