Wie ein Riese steht droben eine alte lange Eiche und streckt wie starke arme die breiten Äste auseinander. Mir ist's als ob mich zarte liebe Geister umwehten, wann der Abendwind durch die Blätter säuselt. Da hab ich meine schönsten Stunden. Ich lese meinen Homer oder auch einen Chor aus den alten Tragikern. Ach, und wenn es dann still wird umher und immer stiller, und durch die dunkle Eiche der letzte Strahl der warmen heiligen Sonne meine glühenden Wangen küsst wie der Mund eines Mädchens, wenn die grauen Wölkchen im goldnen Meer der Abendröte schwimmen wie zarte verfliessende Bilder der Vergangenheit, und das linde Wehn der kühlen Lüfte so zärtlich liebend in meinen Locken spielt, und wenn dann allmählich im blassen Duft auch die fernen Berge zusammenschwimmen mit dem Himmel wie eine Seele mit der andern, und der Nebelflor auch über dem Tale wallet, und die Abendglocken so voll wie mein schwellend Herz aus der Ferne klingen, ach, da wein' ich wie ein Kind und drücke den lieben Homer an meine Brust und benetz' ihn mit meinen Tränen, und die natur, die ewige, die liebende, lächelt mich an wie eine Mutter. Dann füllt sich mein Inneres an mit einer unendlichen Wonne, und ich fühle jeden Pulsschlag der lebendigen natur und wandle dann wieder so hinunter.
Phaeton an Teodor
Welches ist das Land, Teodor, wo der Segen der Götter in Fülle herabträufelte und die natur sich entfaltete in den reichsten vollsten Gestalten, wo die Menschen schön waren wie ihre Götter und heiter und fröhlich wie ihr Himmel, wo Weisheit und Schönheit sich wie Schwestern mit blühenden Armen umschlangen, und der Geist sich regte so klar, so hell? Es gab nur e i n Griechenland.
Sieh, ich möchte mich an eine Brust werfen und meinen Schmerz ausweinen in blutigen Tränen. Denn ach, es gibt kein Griechenland mehr! Verloren, ewig verloren wie die Tage der Unschuld!
Warum bin ich nicht zwei Jahrtausende früher geboren? Glaubst Du nicht, um ein einziges Jahr gäb' ich dann all die vielen Jahre dahin, die ich verlebt habe?
Wie sich die Welt abspiegelt in diesen ewigjungen Geistern, rein und heiter wie die Gewässer, die ihres Landes lachende Ufer umrauschen!
Was ist heiliger als die natur, und wo war sie gefeierter als in Griechenland?
Da kannte man nicht jene lächerliche Verachtung des Lebensgenusses, mit dem sich bei uns die Männer brüsten, die rauh sind wie der Boden, der sie trägt, und finster wie die Eichenwälder, um die sie hausen.
Selbst der trotzige Aias nimmt noch Abschied vom lieben Licht der Sonne und von den Quellen und Flüssen und Bergen, eh er das Schwert sich in den Busen stösst. Er findet die Erde noch schön und will doch zu den Schatten.
Hat den ersten Deutschen in Hyrkaniens Waldgeklüften nicht ein Bär gesäugt? Merkt man's doch den Römern an, dass ihr Stifter nicht die Milch aus einer Menschenbrust gesogen!
Was kann auch werden bei uns? Unser Land ist ein Gewächstum aller Nationen. Gab's nicht in Griechenland auch viele Völker? Es gab Atener und Böotier und Korinter und Spartaner; aber wenn sie zu Elis sich versammelten, war alles e i n Volk, alles e i n e Seele!
Mir wird's oft bange unter diesen Menschen, wo eine solche Kluft den einen von dem andern trennt.
Und was sind das für Begriffe von Schicklichkeit! Teodor, ich möchte mich zu Tod ärgern, wenn ich sehe, wie's Menschen gibt, die lieber die Welt durch ein umflortes Glas ansehn und andre verdammen wollen, die der lieben Sonne ins Angesicht schauen. Solche niedre Seelen, die nie aus dem Gleichgewichte kamen, weil jeder Schwung für sie zu kühn war, die sich leicht beherrschen können, weil sie nicht viel zu beherrschen haben, die jedes warme schmerzliche Gefühl verbannen, weil sie's an ihrer kalten Arbeit stört, die wollen ein leidend Gemüt, das ringend auf dem sturmbewegten Meere treibt, vom Hafen aus verlachen? Ach, das ist leicht!
Und wo offenbart sich tiefer das Gemüt, als wenn es leidet? Und muss es nicht leiden?
Phaeton an Teodor
Unser Himmel ist nicht für die Kunst. Uns glänzt die Freiheit wie der Dioskuren Liebe nur als ein matter Stern am Himmel. Wo sind die Hirten der Völker?
Die unbeschränkteste Freiheit führte dem göttlichen Aristophanes wie ein launiger Genius den kühnen Griffel.
Die Griechen kannten nicht, was wir Gelehrsamkeit nennen. Der junge frische Geist ward nicht durch Formen ausgetrocknet. Das heitere Gemüt erschwoll am Busen der alliebenden natur. Darum lernten sie auch früher denken.
So wuchsen sie auf, schön und voll wie die Rosen, ein erhabenes Geschlecht, würdig, abzustammen von den Göttern.
Und ist nicht alles bei ihnen der Abglanz ihrer Schöne? Ihre Werke sind schön wie sie selbst.
Die Religion spiegelte ihre Schönheit wie ein silberklarer Quell zurück. In ihr beschauten sie ihr göttlich Bild. Aus ihr schöpften sie diese Fülle herrlicher Gestalten und füllten ihren Himmel an mit Göttern, schön wie sie.
Die Religion ist's ja, die der Kunst das Auge trocknet, wenn sie weinet über die ersehnte Urschönheit in ihrem höchsten Glanze.
Die Religion reicht der Kunst mit dem warmen aber keuschen Kuss ihrer Lippen die Weihe, der Menschheit das Göttliche darzustellen im schönen Bilde. Sie sind die innigsten Freundinnen und drükken sich ewig an den Busen.
Das ist's, wenn