, lass mich! Die Mitternacht ist längst vorbei. Auch Katons trübe Lampe ist erloschen. Ich will mich aufs Bett werfen.
Phaeton an Teodor
Freund, was hab' ich gesehen? Was werde' ich noch erfahren? Was ist der Mensch? Die fernsten Rätsel strebt er zu entwirren, und er sebst in seinem Rätsel ist das tiefste Rätsel.
Ich schlummert' ein paar Stunden. Bald wacht' ich wieder auf. Der Tag dämmert' über den schwarzen Bergen in blassgelben Streifen. Ich öffnete meine Tür und trat hinaus. Alles war noch still in der natur. Kein Blatt regte sich; kein Vogel schlug.
Auch sie, auch Atalanta schlummert noch, so dachte' ich, und vielleicht, vielleicht träumt sie von mir.
Ich stand vor Katons Mausoleum, das heller mit seinen roten Steinen aus dem dunkeln Laube blickte. Lange blieb ich stehen, und wunderbare Gedanken erweckten sich in meiner Seele.
Da bemerkt' ich, dass das dichte Rosenlaub auseinandergeschoben war und eine kleine Öffnung sich zeigte durch das geteilte Gezweig. Ich weiss nicht, wie's mir einfiel, durchzuschlüpfen, und – wunderbar! – ich stand an einer Treppe, die sich in die Tiefe hinuntersenkte.
Ich stieg auf ihr hinab. Da stand ich plötzlich vor einer Sphinx, aus dunkelm Basalt gehauen. Ein tiefer Schauer überlief mich, und eine innre stimme rief mir zu: Fürchte, fürchte das Geheimnis, Jünger!
Und wieder blieb ich stehen und bedachte mich, ob ich die Treppe wollte hinabsteigen.
Da gewahrt' ich eine Tür. Ein junger Genius war auf ihr gebildet, der mit der einen Hand eine Fackel senkte und mit der andern eine Tafel hielt, worauf die Worte standen mit der Schrift des Griechen: Vaterland und Liebe. Und wie ich leis an die tür stiess, da ging sie auf mit einem dumpfen Dröhnen.
Ein wundersamer Geruch von Weihrauch wallte mir entgegen. Es ward Grabesnacht vor meinen Augen.
Lange blieb ich wieder stehen, bis ich an einer Wand den schwachen blassen Schein einer Lampe bemerkte. Ich trat einige Schritte vorwärts. Das Licht ward heller und beweglich. Der Geruch verstärkte sich.
Plötzlich stand ich vor einer Maueröffnung, durch die der Lichtstrahl brach. Ich blickte durch und – traute meinen Augen nicht.
Denn eine Geistererscheinung glaubt' ich zu erblikken. Ich sah in ein zirkelrundes Gewölbe. Die alten dünnen Säulen, die schlank hervortraten aus den schwarzen Wänden, verbanden welke Rosenkränze. An ihren Füssen lagen Schilde, Helme, alte zerbrochne Vasen und Reliefe; an einer der Säulen hing die Maske eines Jupiterkopfes.
Mitten im Gewölbe stand ein schwarzer Sarkophag mit wunderbaren Zeichen. Auf ihm schlug aus einem alten blumenumwundenen Gefäss hellodernd eine blaue Flamme. Zu beiden Seiten glänzten weisse Bilder in zwei Nischen. Oben brannten schwache Lichter auf drei langen mit Flor behangenen Kandelabern, und an seinem fuss sass ein Mann mit langem Bart in einem weissen Gewand, das Haupt auf die arme gestützt und das Angesicht verdeckend mit der Hand.
Lange starrt' ich ihn an; aber er war unbeweglich wie der Sarkophag.
Ist es sein Geist? dachte' ich schaudernd. Ist er's selbst? Denn ich hielt ihn für Katon.
Gott! Was soll dies fürchterliche Spiel? Was plagt den grossen Mann? Ist's das Bewusstsein einer Schuld? So dachte' ich und glaubt' es nicht.
Da rauscht' es in der Nähe. Es war wie der dumpfe ferne Glockenklang einer Uhr. Es schlug viermal.
Mir graute!
Die Gestalt bewegte sich. Die Hand senkte sich langsam vom Haupt, und ich sah das ernste männliche Angesicht des unerklärbaren Freundes.
Es war die höchste Zeit. Ich flog von der Maueröffnung weg, rannte durch die Tür und drängte mich wieder durch das Rosengezweig.
Es war lichter Tag geworden.
Mein ganzes Innere war angefüllt mit dem Geheimnis. Ich arbeitete an meinem Bilde. Nach ein paar Stunden trat Katon mit Atalanta herein. Ich weiss nicht, welches von beiden mich mehr verwirrte. Katon war wie sonst. Das zarte Mädchen brachte mir frische Blumen. Ich dankt' ihr mit dem glühendsten Blicke der Liebe. Sie lächelte mich an wie der junge Tag im Osten.
Wir gingen ins Freie. Den ganzen Tag begleitete mich das Bild des geheimnisvollen Gewölbes.
Phaeton an Teodor
Meine Homerosbüste ruht nun bei den drei Säulen im Garten auf einem hohen marmornen Gestelle mit drei Stufen. Wenn Atalanta auf der dritten steht, kann sie das Haupt umfassen mit den Händen.
Ich spreche nun auch neugriechisch. Atalanta lehrt es mich! Und wie sie das Altgriechische ausspricht!
Mit welcher Lust ich arbeite an meiner Polyxena! Sie ist's ganz, meine Atalanta. Die grossen runden Augen; die vollen lächelnden Lippen; das Kindliche, Schüchterne um den kleinen Mund; das längliche Oval. Und doch, es ist noch Etwas in ihrem Angesicht, das ich nicht in mein Bild bringen kann! Unaussprechliche Unschuld? Seele? Liebe? Leben? Geist?
Phaeton an Teodor
Krankheit sei die Liebe? Lasst mir, lasst mir diese Krankheit! Wie aus einem Heilquell schöpf' ich Gesundheit aus ihr und ewige himmlische Gesundheit.
Nichts Schöneres gibt es auf der Erde, nichts Schöneres im Himmel als diese Gesundheit. Sie kräftigt die Seele und füllt sie an mit Wärme. Sie bereitet die Geister vor, die Urschönheit zu schauen in ihrer reinen Göttlichkeit, in ihrer ewigen unveränderlichen Fülle. Sie deckt endlich auf den