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Ihr nicht!

Phaeton an Teodor

Ich lebe wie unter den alten Griechen. Denke Dir, schildre Dir mein Entzücken! Atalanta ist mir zum ersten Male gestanden.

Ich wartete lang auf sie. Der Busen schlug mir heftig, und meine Hand zitterte. Vor dem Bilde war ein roter Teppich ausgebreitet. Jetzt ging die Tür auf, Cäcilie trat mit Atalanta herein. Da ist sie! sagte die Mutter und liess die Hand der Tochter fallen. Die Holde ward rot.

Durch ihre braunen Locken flochten sich ein paar glühende Rosen; ein blendendweiss Gewand umhüllte die schlanke Gestalt und umschwebte mit dünnem Flor den jugendlichen Busen wie Wölkchen den rundlich vollen Mond.

O Lieber, wie sie da stand und auf den Boden blickt' und dann wieder auf zum Himmel, die Schöne, Göttliche! Wie sie endlich niederkniete auf den Teppich, und das Gewand in langen reichen Falten über das gebogene Knie hinunterwallte! Wie sie die schöne zitternde Hand auf den Busen legte und mich anschaute so lieblich schmerzlich, als wollte sie sagen: Warum forderst Du das von mir? O wandle von Stern zu Stern, und Du findest doch nichts, das erhabener wäre!

Ich verlor mich besinnungslos in die Schöne des knieenden Mädchens, und wie sie dann die Augen aufhob und sah meine Verwirrung und dass ich sie nur anblickte, ohne zu arbeiten, da flog ein glühend Rosenlicht über ihre Wangen, und ihr Auge sah so wunderbar trunken empor, als fühlte sie selbst, wie schön sie sei.

Eine unendlich süsse Begeisterung schwebte zuletzt wie befruchtender Tau in meine Seele, und ich arbeitete trunken, wie in einem Schwindel, fort und fort.

Und hundertmal fragt' ich: Ist Atalanta müde? Dann antwortete sie lächelnd: Nein!

grosser Peleione, wenn deine Phrygerin so schön wie Atalanta war, begreif' ich, wie Du wieder aus dem grab steigen mochtest.

Und wie ich sie endlich wieder fragte, lispelten ihre Lippen: Ein wenig! Und ich flog auf sie zu und hob sie zitternd vom Teppich auf.

Phaeton an Teodor

Jeden Abend geh' ich zu Bette mit dem Vorsatz, ihr morgen um den Hals zu fallen. Und wenn ich dann am folgenden Tag vor ihr stehe, und wir allein sind, und mich's mit unwiderstehlichem Drang an ihre Brust zieht, da verschüchtert mich ein einziger blick aus dem schwarzen Auge, und ein unbekanntes Etwas hält mich zurück.

Und kann ich denn keine Blume blühen sehen in ihrer Unschuld an der warmen Erde? Muss ich sie denn brechen? Anbeten sollst du das Heilige! Berühren darfst du es nicht!

Und heilig ist die Jungfrau, die reine, die keusche, weich und zart wie ungeküsste Blumen, nach Leib und Seele, o Gott, das schöne Bild Deines keuschen Geistes, Deiner klaren milchweissen Sonnen: ein Licht, eine Seele, eine lächelnde Unschuld, geweiht und umwallt von zarter Scham wie von einem unerklärbaren geist!

Wandelte nicht nächtlich der liebe Mond über meinem Haupt und küsst mir liebend meine Lippen mit seinem bescheidenen Lichte, und ist mir's je eingefallen, zu langen nach ihm?

So denke' ich im Augenblick; aber nachher reut mich's doch wieder.

Phaeton an Teodor

Oft an heiterm Vormittage drängt mich's, mein Zimmer zu verlassen, und ich wandle dann hinaus ins Freie. Ach welch ein Gefühl, zu irren durch die stillen Wiesen und Gründe, wenn alles so still ist umher, und nur selten ein Mensch geschäftig seinen Weg vorüberwandelt! Da leg' ich mich dann am Fuss eines kleinen Abhangs nieder mit einem buch. Teodor, wenn ich dann aufschau' und hinüberblick' über die schweigenden Dörfer, und die liebe Sonne bald ins Gewölke sich hüllt, bald in all ihrem Lichte wieder heraustritt, und zu meinen Füssen eine Quelle mit tiefbescheidenem Rieseln durch die Gräser sprudelt; wenn's dann immer stiller wird und feierlicher, nur hie und da ein reifer Apfel vom beladnen Aste tönend auf den Boden fällt, oder ferne Stimmen erklingen und wechselnd sich antworten; wenn dann mein ganzer Busen sich füllt, und ich fühle das geheime glühende Leben; wenn Hügel und Berge, Quellen und Wiesen, Bäume, Blumen und Gräser bis ins Tiefste wie von e i n e m geist der Fülle und Ruhe beseelt sind; wenn dann die Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit wie blasse Wolkenbilder in heiligem Schweigen heranschweben, mich linder und süsser umwallen, und alle jene Wünsche meines inneren sich erneuern, jene Träume von Glück und seliger Zufriedenheit; wenn die Welt wieder vor mir steht, wie ich sie damals mir geschaffen, und meine Brust anschwillt, und es klingt wie eine Ahnung: Du wirst noch glücklich werden! – Bruder, wenn dann mein Buch mir aus der Hand fällt, und mein Auge verschwimmt in den grundlosen Äter: Heilige, heilige natur! Mutter! Allbeseelte! Deine ewige Wärme fühl' ich, Deine Ruhe, und ich komme mir vor, wenn ich unter den Gräsern und Blumen sitze, als sei auch ich Dein Kind und Deinliebstes Kind!

Phaeton an Teodor

Ich schwimme wie ein Stern im Äter in einem ungemessenen Meer von Wonne. Wir sind Eins. Ich und Atalanta sind Eins.

Ich stieg heute Abend mit Atalanta den kleinen Hügel hinan zum Tempel des Eros. Ich war voll von Platons Ideen. Wie ein Lichtquell von oben bebte das Geheimnis seiner Schönheit durch meine Seele. Seine Worte waren mir wie gesicht geworden. Ich