Weise hab' übers Morgenrot hinausgeblickt.
Am Abend gingen wir allein im Garten auf und ab, ich und Atalanta. Es war schön, unendlich schön! Die natur lächelt' uns an wie eine Mutter ihre lieben Kinder. Aus jedem Blättchen, jeder Blume, jedem Quell, aus jedem Grashalm sprach's: Die Welt ist schön! Mein ganzes Wesen war erfrischt wie die Wiese nach einem warmen Regen. Sie ging neben mir, die Schöne, Heilige, und öffnete keine Lippe, als wollte sie kein leises Säuseln in den Blumen überhören. Ihr Angesicht war wie ein sichtbar gewordener, gestalteter, Herz und Geist durchschauernder Klang. Ihr Busen schwoll der natur entgegen wie eine Schwester der andern, und auf ihren Wangen wehte die Vorwonne eines grossen heiligen Kusses. O dieser Augenblick! Keine Äonen wiegen ihn auf!
Alles, alles sprach zu unsern Herzen. Wie ein Säuseln des alliebenden Vaters klang jeder verwehende Windhauch. Ich hatte keinen Sinn mehr für alles. Ich dachte nur, was sie fühlte.
O natur! sprach sie endlich, du Mutter mit deinen Blumen und Kindern! Allheilige! Welch ein Bewegen und Schwellen! Welch ein Säuseln und Rauschen! Welch ein Wogen und Wiegen um und um! Liebe aus Allem! Liebe aus allen Kindern für sie, die Mutter! Liebe im wasser! Liebe im Licht, wenn sie wallend sich küssen! Liebe aller Blumen und Kräuter, alles Lebendigen! Und Eins doch Alles! Er, der wandellose, alles durchquillende Geist! Alles in ihm! Und er in Allem! Gott!
Ich weinte, hatte keine Worte, sah ihr ins Auge.
Ein klares Gewässer sprang aus moosbewachsnem Tuffgestein und sprudelte wie eine dünne Säule übers wankende Gesträuch und wallte dann durch Ranunkel dahin. Die Kiesel, die er mit sanftem Quillen überhüpfte, blickten durch die wasser wie Atalantas Seele durch ihr klares Auge.
Setzen wir uns nicht da nieder? sprach ich unwillkürlich und erschrak, wie mir's einfiel, ich habe die heilige Stille unterbrochen. Sie lispelte: Ja! und senkte nieder sich aufs Gras und stützte ihr niedlich Füsschen auf einen Stein, der aus den Wassern sich erhob.
Wie oft sass ich als Knabe so an den Ufern eines Baches! sprach ich und schaute zu, wie eine Welle nur die andre schiebt, wie alle, alle fort und immer fort sich drängen und endlich gar verschwinden und nie, nie mehr zurückkehren. O, da stampft' ich den Boden in meiner kindischen Wut und weinte bittre Tränen, wenn ich rief, sie sollen stehen bleiben, und die Wellen mir nicht gehorchten. Es ist schrecklich, dass die Stunden unsers Glückes eilen wie diese Wassertropfen!
Atalanta blickte mich an. Mir schien's, als taut' ihr eine Trän' im Auge. Sie brach eine Rose und warf sie hinunter in den Bach. Schwimme hinunter! rief sie. Du Blume, Bild der Jugend!
Da warf auch ich eine Rose hinein und rief: So schwimmt miteinander hinunter, ihr Blumen, Bilder der Jugend! O, es ist süss, unendlich süss, wenn Eines mit dem Andern fühlt, und das Leiden an zwei Herzen schlägt wie an zwei Ufer die Welle!
Atalanta ward rot und blickte zur Seite. Ist Phaeton nicht glücklich? seufzte sie endlich und blickte mich dabei an mit einem solchen Auge voll Schmerz und Liebe, dass ich glaubt', ich säh' in einen offenen Himmel.
Er ist es nicht, Atalanta! rief ich und blickt' in den Bach. Phaeton ist nicht glücklich!
Sollt' es möglich sein? sagte sie. Die Welt ist so schön!
Ach, aber allein darin zu sein?
Allein, Phaeton? fragte sie und sah mich mit grossen Augen an. Allein? Ist's nicht Undank? Wie lebt's und webt's in diesem Augenblick um uns! Das klare rege wasser, die lieben Blumen, die wachsen und vergehn wie wir und lieben wie wir. Die Blätter auf den Bäumen, sie leben, und die Keime schwellen daraus und entfalten uns die lieblichen Früchte. Die Vögel in den Lüften, auf den Zweigen, die Fische im wasser, selbst die Mücken, die uns umsummen, und die Grillen, die neben uns singen, und die Winde, die uns schmeichelnd die brennenden Lippen kühlen! Und aus all dem jene ewige Liebe, jenes ewige Leben und Glühen, jenes Werden und Sein, jene Fülle von Licht, wie ausgesprochen sein Name, der Name des Höchsten, Unerschaffenen, der Geist des Lebens und der Liebe! Phaeton, wir sollten allein sein?
O Teodor, ich fühlt' es, wie sie recht habe, wie mich hingerissen mein namenloser Schmerz; ergriff ihre Hand, benetzte sie mit meinen Tränen und rief: Vergib mir, Atalanta! Mich hat mein Sehnen übermannt. Ich glaubte mich ungeliebt!
Das ist kein Mensch! sagte sie und zog ihre Hand sanft aus der meinen und stand auf. Ich folgt' ihr stumm.
Seitdem ist sie mir noch heiliger. Meine Worte mess' ich ab vor ihr wie vor einem göttlichen Wesen, zu dem man betet.
Was will noch werden aus all dem?
Phaeton an Teodor
Alles, was ich tue, Teodor, das bezieh' ich nur auf sie, und ohne sie kann ich nichts denken.
Sonst hab ich Wald und Tal und Berg und Wiese durchwandert und mir weiter nichts dabei gedacht