alle Sinne – Atalanten sah mein Auge.
Geist und Gemüt wie entzückte liebende sich umarmende Kinder wirbelten hinan, küssten sich, verloren sich wie blaue fromme himmeltrunkene Augen in unermesslichen Fernen.
Sie sass am Fenster. Ihr Köpfchen lag auf den nackten Armen. Ihre Locken flossen wie Wellen über den Nacken. Ein weisses Gewand umschwebte wie eine dünne Wolke die schönen jungen Glieder. Zu ihren Füssen stand ein Korb mit frischen Blumen und Früchten. Sie sah sich um und erblickte mich. Teodor, dieses Engelsauge, das lieblich überrascht auf den jungen Busen sich senkte, und die sanften Worte, die wie Lautenklänge sich schmeichelnd in meine Sinne drängten, und das schüchterne Erröten der Jungfrau auf den vollen Jugendwangen! Und ich sah das und hielt's aus?
Die Mutter will ich rufen, sagte sie verschämt und eilte schnell und leicht wie Artemis durch eine tür.
Cäcilie kam und brachte die Tochter wieder mit. Katon bot mir einen Sitz.
Sass ich nicht wie unter den Uranionen? Durch die hohen Bogenfenster lag das weite Tal vor uns mit seinen Dörfern und den hellen Gründen und den niedern Hügeln, und der trunkne blick drang wie über die Schranken der Gegenwart über die fernen Berge hinüber. Ach, und wenn ich so hinausstarrte und dann wieder zurücksah auf die schönen Wesen, die mich umgaben wie unsterbliche Götter, und ich Atalanten ins Auge blickte, und sie lächelnd den Korb mit Früchten mir reichte, und ich einige nahm davon, frisch und jugendlich wie ihre Wangen, und sie zum mund führte, da fühlt' ich, wie ich ewig, ewig sie im Busen trage müsse.
Katon schlug vor, in den Garten zu gehen. Atalanta band die langen Locken auf dem Nacken zusammen mit einer blassroten Schleife und nahm die Mutter an der Hand und sagte: Ja, Mutter, wir wollen gehen! Es ist schön im Garten jetzt!
Wir gingen an Katons wunderbarem Säulenhause vorüber. Ich musste rückwärts blicken, und das jugendliche Schlösschen mit den grossen Bogenfenstern gegenüber von dem alten, so ehrwürdig aus den Trümmern sich erhebenden Gebäude kam mir vor wie die schüchterne blühende Tochter vor dem grauen alten Vater.
Plötzlich stand ich wie in einer Welt voll Wunder. Eine kleine Wiese mit weissen Lilien hatten wir noch vorbei zu wandeln. Dann umfing uns ein wildes Rosengebüsch; aus dessen Mitte ragten wie graue Geister drei schlanke Säulen, die eine niedrer als die andre, und auf dem grünen Boden lagen Architrave mit ihren Stäben und Platten, von grünem Efeu umschlungen. Katons Mausoleum – so nannt' er mir sein Haus – lag tief versteckt von hohen Maulbeerbäumen.
Jetzt ergriff der wunderbare Mann mich an der Hand. Wir gingen auf eine grüne Anhöhe zu. Ein kleines Wäldchen von Orangen wölbte sich vor uns. Atalanta flog hinauf. Die schönen braunen Locken flatterten in den Lüften. Ein Meer von Wohlgerüchen strömt' auf uns. Da erblickt' ich einen kleinen Tempel auf der Höhe. Mein auge' erkannte zwei Gestalten droben. Da klopfte, da schlug mein Busen! Atalanta war's, die Liebliche, und die andre war mein Amor.
Katon! stammelt' ich und weiter nichts. Er lächelte mich an. drei Marmortreppen führten zu der Statue. Das niedre Tempeldach war nur getragen von sechs Säulen, und am Portale stand geschrieben: Der Liebe!
Mit Staunen blieb ich stehen vor meinem Bild. Ein Kranz von frischen grünen Akazien, Veilchen und Rosen wand sich um seine Schläfe. Er sah gegen Morgen.
Wir sassen auf dem Rasen. Drunten lag ein spiegelklarer See, von dunkeln Trauerweiden, Tannen und von kleinen weissen Bildern umgeben. An seinen Ufern schaukelten die Winde einen angebundnen Kahn in den Silberwellen. Drüber hinein lag das Waldgebirg und die Burg.
Und lange schwiegen alle. Atalanta sah auf die Blumen zu ihren Füssen. Ihr weisser Hals war zart gebogen wie ein schlanker Zweig. Die Weste spielten mit ihren losgewundenen Locken.
Da blickte Cäcilie die gekrönte Statue an und dann mich mit ihrem lichten Feuerauge und sagte: Warum krönen wir immer die Götter und nicht auch die Menschen? Ich fühlt' es, was sie wollte. Meine glühende Röte verriet mich. Doch schnell wie ein junger Baumspross war ich aufrecht und nahm den Kranz vom Haupt des Gottes und drückt' ihn zitternd Atalanten in die Locken.
Ach, wie sie sich sträubte, die Bescheidene! Und wie, feuriger glühend als die Rosen auf ihrem haupt, ein Hochrot ihr im schönen Antlitz brannte, und das grosse keusche Auge unter den grünen Zweigen dunkelschauernd sich bewegte und das meinige traf, und sichtbar das blaue Band erbebte vom Drang, der ihren zarten Busen schwellte, und meine zitternde Hand zum erstenmal ihr Haupt berührte – Lieber! – und von der Berührung alle meine Nerven in einem Wirbel bebten! Ach, warum bin ich ihr da nicht in den Schoss gesunken? Warum hab ich da nicht meine flammenden Lippen auf die ihrigen gedrückt und ausgeweint mein unendlich Gefühl an ihrem Busen?
Katons und Cäciliens Auge ruhte mit Wonne auf dem schönen Mädchen, und wie sie sich auch weigerte, sie musste den Kranz auf dem haupt dulden.
Ach, Teodor, es war ein goldner Tag! Auch Katon speiste diesmal im schloss. Der Sonderling isst sonst allein in seinem Mausoleum. Und sie! Welch eine Seele! Welch eine Fülle! Welch eine Unendlichkeit ihrer Gemütskraft! O, es wandeln noch Abbilder der höchsten Schönheit auf der Erde. Ich Armer glaubte, der alte