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aufquellenden Jüngling, der seine Augen niedersenkte wie überrascht von solcher Schönheit.

Katon sass am Fenster und schien sich zu freuen. Die schöne Cäcilie schwieg lange. Dann sprach sie. Ach, in einem einzigen seelenvollen blick war all meine Mühe belohnt.

Atalanta schwieg immer noch. Sie hatte ihren Arm gelehnt auf die Schultern Cäciliens, und ihre Locken, dunkel wie ihr Auge, flossen über den weissen Hals. Ihr Köpfchen lag am Busen der höheren Mutter, und ihr Auge ruhte fest auf dem jungen Gotte.

Und einmal blickt' ich sie an, und Fieberhitze brannte durch mein glühendes Auge. Da trifft sie mich. Ich fühlte die ganze unendliche Schönheit ihrer Seele, und eine flammende Röte goss sich über ihre schüchternen Wangen. Lieber, mir wankten die Knie!

Mein blick fiel auf Katon. Sein Auge irrte unruhig umher und ruhte zuletzt auf dem Mädchen, und ich sah, wie er mich anblickte. Was sollte das bedeuten?

Ich übergeh' alles Folgende. Und wie sollt' ich das Entzücken schildern, das mich überwallte, wie ihre Lippen sich bewegten und sie sprach, und jedes Wort wie ein Lichtstrahl durch die Nacht in meine Seele fiel?

Nur das noch! Wie sie aufstand und vor meinen Homer hintrat, und ich das junge blühende Gesicht neben den saftgrünen Traubenblättern am offenen Fenster sah und neben dem ernsten heiligen Alten, und ihre vollen weichen Mädchenwangen wie zwei Küsse glühten an den bärtigen Wangen des Sängers, und ich fühlte, wie's ihr war in diesem Augenblick, ach, da hätt' ich ihr mögen zu Füssen sinken und meine Seele strömen in die ihre.

Und wie sie endlich mich fragte: Warum krönen Sie ihn nicht auch, den lieben Guten? und ich die Rosen nahm vom haupt des Eros und sie flocht um die weissen Locken des ruhigen Homeros, wie ich sie dann anblickte und fragte: Ist's recht so? und sie lächelte und dem Alten den Kranz noch tiefer in die Stirne drückt' und wieder schwieg, da, da verstand ich sie ganz, und ihr blick war wie warme glühende Maiensonne.

Und höre nur! Griechische Worte klangen von ihren Lippen! Die Sprache Homers, herausgewogt aus lächelnden Mädchenwangen!

Katon war in sich gekehrt und ergriff endlich meine Hand und fragte: Wollen wir nicht ins Freie? Mir fiel der Hügel ein an meiner Hütte. Wir stiegen hinauf. Auf dem grünen Rasen droben setzten wir uns unter meiner Eiche. Ich erzählte, wie ich diesen Baum lieb habe, wie er so alt ist und doch noch jeden Frühling wie ein Jüngling blüht, und was ich da geniesse und empfinde, wie ich so oft daliege, wenn die Sonne untertaucht, und mein strebender Geist ihr dann folgt und wie in einem Bad im Abendrot sich kühlt.

Cäcilie stand auf und mit ihr Atalanta. Das Mädchen schlang die arme um die schöne Mutter wie junge Blumenranken um eine schlanke Säule, und liebend sahn sie einander ins Auge und dann wieder hinüber in die Ferne, unendlich wie ihre Liebe.

Sie setzten sich nieder. Katon ward immer stiller. Ein schwärmerisches Feuer glüht' in seinem Auge. O Teodor, wie wir da sassen im Schatten der ehrwürdigen Eiche, die Tochter wie ein liebend Kind an ihre Mutter geschmiegt, und der finstere bärtige Katon, das umlockte Haupt auf seine arme stützend, und ich zu seiner Seite, vergehend im Anschaun dieser wunderbaren Wesen!

Da sagte Katon: Schön ist's hier auf diesem Hügel, liebe Kinder. Doch ach, es ist noch nicht das Schönste. Er schwieg. Dann seufzt' er: Griechenland!

Ich sah ihm starr ins Auge. Er fuhr fort:

Ja, Griechenland, wo Myrte, Lorbeer und Zypresse wie Schwestern nebeneinander grünen, wo der schönen Flora Kinder um warme volle Hügel sich wie um den Busen eines Mädchens schlingen, wo an den Blumenufern, die die Lilie sanft umblüht, der heitere Fischer ins Gewässer blickt, wo zwischen grauen Säulenkapitälen und altem moosbewachsnem Gestein wie ein trauernder Geist die Wehmut wohnt und die stille Betrachtung, wo um hohe Felsenadern sich der Efeu rankt und die kahlen Gipfel wie ein Eichenblatt der bunte Schmetterling umflattert, wo tausend lodernde Kaskaden wie blaue Bänder über Felsen sprudeln. O Kinder, noch ist mir's, als ob ich stünde auf Akrokorint, und das ganze schöne Land läge vor meinem Auge wie ein entschleiertes Geheimnis, des hohen Argos Gebirge, Achaia, Sikyon, die Häupter des Riesen Taygetos, im milchweissen Schimmer der Sonne glänzend, der Titane Partenios, die dunkeln Küsten des waldigen Lakoniens, das kampfberühmte Salamis, Megara und das priesterliche Eleusis, die gewaltigen Scheitel des wilden Kitäron, in dessen Schluchten einst der Labdakide weinte, Atens berühmter Peiräeus, der Epidauros und Kalaurea!

O Teodor, alle meine Nerven waren angespannt, und ich sank weinend in den Schoss des Glücklichen, und alles schwand vor meinen Sinnen, was um mich war. Da legt' er seine hände auf mein Haupt und sagte: Junger lebhafter Schwärmer, auch Du musst einst nach Griechenland wandeln! Ich fühlte ganz, ganz diese sehnsucht in seinem Busen, und wie von Berg zu Berg erklang's von seiner Seele zu der meinen.

Da blickt' ich wieder auf. Das schöne Mädchen hatte die zarten arme auf der Mutter Schoss gestützt, und das Haupt ruhte auf den kleinen Händen, und ich sah sie glühen vom Purpur der Abendsonne wie eine Aurora und mich anlächeln.