Wilhelm Waiblinger
Phaeton
[Von uraltersher gilt göttlicher Wahnsinn für
edler denn menschliche Verständigkeit.
Platon, Phädros, 244 D.]
Friedrich von Mattisson
zugeeignet
Erster teil
So schmettre herab zweizackig auf mich
der geschlängelte Blitz, und es zittre die Luft
von des Donners Getos und der zuckenden Wut
des empörten Orkans, [und der Erd' Abgrund
mit den Wurzeln zugleich durchschüttre der Sturm!
Und das wogende Meer, hoch schlag' es empor
in tobendem Schwall,] wo die himmlischen Stern'
hinwandeln die Bahn; in die finstere Kluft,
in den Tartaros, stürze hinab mein Leib,
von des Schicksals wirbelndem Strudel entrafft:
doch mich wird er nimmer vernichten!
Äschylos [Prometeus V. 1043 ff.]
Phaeton an Teodor
Dein Bruder ist jetzt abgereist. Mir ward der Abschied schwer von dem Guten, der wie mein Schatten mir durchs sonnige Italien folgte. Ewigunvergesslich wie meiner Kindheit Tage ist mir der Abend, wo wir zum erstenmal die Alpenfirnen wie Trümmer einer Urwelt glänzen sahn, und gleich gebändigten Titanen die Nebelwolken unten lagen im Tale, und oben die milchweissen Stirnen vom Purpur der Abendsonne glühten wie bescheidene Mädchenwangen, und die Riesenlawinen donnernd von jähen fürchterlichen Höhn herab sich wälzten, wir uns im arme lagen und bei Tells und Arnolds Vaterland uns ewige Freundschaft schwuren!
Und als wir gingen auf den sieben Hügeln und wandelten zwischen den schaurigen Gestalten der hohen Vorwelt und sahn, wie um die alten düstern Mauern sich der jugendliche Efeu rankte; als wir sassen an den Ufern der blonden Tiber und ihrem Wellenschlage lauschten, und es aus den Wassern erklang zu uns, den Spätgebornen, wie eine ernste mahnende stimme, als wir wandelten durch die langen Hallen, wo schweigend unsre alten Götter standen, und wir uns anblickten und uns in die arme sanken, ach, da wo jeder graue moosbewachsne Trümmer, wo jedes Säulenstück, wo jeder Grashalm an den finstern Mauerrissen, wo alles, alles zu uns sprach: da fühlten wir schwellen unsern Busen. Die Ahnung floh, und es ward klar vor uns. Unser Auge schwamm in Licht und Fülle, und wie eine göttliche Erscheinung sahn wir niederquellen den Geist der Schönheit. Wir fühlten unsern Beruf und den Drang in unserem inneren und knieten nieder und riefen: Dir, heilige Kunst, dir weihn wir unser Leben!
Ach, und nun bin ich längst wieder ferne von dem land und bin so ganz allein! Niemanden hab ich, den ich an meinen Busen schliessen könnte, warm und innig, wie ich's möchte, keine Seele! Teodor, das ist viel!
Und weisst Du, was es ist, das mich allein noch tröstet? Es ist der Geist der natur, die in ihrer ruhigen Fülle vor mir liegt wie meine alte glücklichere Welt!
Ich sollte sehen, wie sich alles draussen regt und tausend lebensvolle Keime schwellen, und Eins sich liebend an das Andre drängt, und sollte dennoch klagen?
Ach, die Kinder! Die schweben durch ihr Leben wie goldne Wölkchen durch das Morgenrot. So heiter ist noch ihr blick und so unbewölkt wie der blaue Himmel, und ihre Seele rein wie die Luft. Ein Kind zu sein, das ist ein Glück! Wissen die Kinder etwas vom Himmel? Und doch ist der Himmel nur in ihnen. Ein Kind ist sich selbst genug in seiner Fülle. Warum bin ich denn das nicht?
Phaeton an Teodor
Ich habe nun eine neue wohnung gemietet. Ein kleines Häuschen bewohn' ich ganz allein. Hat Dir eine so angenehme Lage draussen vor dem Dorf am Abhang eines kleinen Rebenhügels! Man hat eine weite Aussicht durch die engen Fensterscheiben. Zu einer Seite liegt das freundliche Dorf und drüber hin auf dem grünen Wiesengrund ein paar andre; dann zur andern Seite liegt das Waldgebirge, und unter ihm auf jäher Felswand glänzt im Abendlicht die Burg.
All den vielen Kram hab ich weggeschafft, und es steht jetzt nur noch mein Amor und mein Klavier in dem grösseren Zimmer, worin ich arbeite. Daneben ist ein anderes, worin ich schlafe.
Meinen Homeroskopf hab ich ans Fenster gestellt zur Morgenseite. Der erste Strahl der alten heiligen Sonne verklärt das Angesicht des grauen Sängers. Mir ist's oft, als ob er lebte, wenn ich erwache und der Alte glühet!
Und solltest sehen, wie schön! Draussen um die Wände krümmen sich Traubenranken, und die schönen grossen Blätter breiten sich geschlängelt bis ans Fenster! So nah hab ich die natur!
Mir ist auch wohl dabei wie dem Säugling am vollen Mutterbusen.
Innen sieht's freilich nicht so schön aus! Da liegen die paar Bücher, die ich noch habe, zerstreut umher wie die Gedanken in meinem kopf. Du lächelst und sagst vielleicht: War ja von jeher alles untereinander! Du hast Recht. Es ist mir auch nichts so zuwider als übertriebene Regelmässigkeit.
Phaeton an Teodor
Mit meinem Amor bin ich bald zu Ende. Er lächelt mich an wie eine bessere Zeit. Ich gehe nicht bälder zur Gräfin hinüber, bis ich ihn fertig habe.
Es wird mir schwer werden zu scheiden von ihm. Meine Arbeit ist mir über den Kopf gewachsen. Mit jedem Meisselschlag ist sie weniger mein. Sie ist mein Schöpfer, nicht ich der ihre.
Mir wird's oft wunderbar. Ich weiss nicht, woher ich sie habe, diese quellenden trunkenen Augen, diese sanftgeblasenen Formen an der weichlich üppigen Gestalt. Als hätt' es mir ein Gott eingegeben.
Des Abends wandl' ich den Hügel hinan.