. Ich habe es prophezeit und ich prophezeie noch mehr; aber nicht eher, bevor es Zeit ist." – Auf meine Frage nach ihrem Gatten erzählte sie mir, dass er krank und dienstunfähig verabschiedet worden sei; doch ängstige sie das nicht, sie habe ihm einen Krug wasser aus der heiligen Quelle von Breadalbane geholt, das ihm gewiss helfen werde. Nur das tue ihm weh, dass er nicht im stand sei des Lairds Sichelfest beizuwohnen, wovon sie jedoch Miss Graham nichts sagen möchte; denn, sehet Ihr, er verlor seine Gesundheit, indem er Herrn Kennet auch in seiner Krankheit nicht verliess."
In den nächsten Tagen fand das Herbstfest, dessen Cecile erwähnt hatte, statt. Bei Tages Anbruch weckte mich ein gellender Dudelsack unter unserm Fenster, und wie ich aus dem Bett sprang, um seine Absicht zu erforschen, sah ich einen Haufen von mehr wie hundert Männern und Weibern vor dem haus versammelt. Es waren die Pächter von Eredine, die zur Frohnde heute des Lairds Korn schneiden sollten. – Doch nie sah ich bei einem Freudenfest so viel wahre Fröhlichkeit, wie bei dieser lohnlosen Arbeit. Das Mähen dauerte den ganzen Tag, nach dem Tact der sich ablösenden Dudelsackpfeifer, aber weder die Arbeit noch die Pfeife tat dem Scherzen der Jüngern, dem Erzählen der Alten einigen Eintrag; Eredine kam oft, um sich unter die Arbeiter zu mischen, mit den Alten zu schwatzen, mit den Jungen zu scherzen, und wo er erschien, fügte sich Ehrerbietung in die freudenvolle Aufnahme des Lairds. Alles, was Kräfte hatte, war zur Arbeit geschickt; Charlotte und ich, von der alten Amme und der blinden Strickerin unterstützt, mussten die Küche für alle diese Gäste besorgen – und das war keine kleine Arbeit, so einfach die Kost auch sein mochte, die ihre gesunde Esslust befriedigte.
Da es, wie mir Charlotte gesagt hatte, Sitte war, solche Feste mit Tanz zu beschliessen, begab ich mich in der Zeit, wo die Tänzer versammelt sein konnten, an den Platz, der, wie ich glaubte, zu der Lustbarkeit bestimmt war. Ein mit grossen Bäumen umgebner Rasenplatz im Hintergrund des Küchengartens war mir als solcher genannt; allein zu meiner Verwunderung war er ganz einsam, nur ein kränklicher, abgezehrter Mann, der über seinem Tartan einen verblichnen Soldatenrock trug, stand traurig, an den Stamm eines Baumes gelehnt. Da ich glaubte, mich in dem Orte geirrt zu haben, fragte ich diesen Mann, wo heute getanzt würde. "Glaubt Ihr denn, Lady", antwortete er halb unwillig, "dass heute hier getanzt werden soll? Ich hoffe, so roh ist kein Erediner, dass er hier tanzen wolle, so lange Eredines bestes Blut noch nicht im grab erkaltet ist." – Er deutete, wie mir klar war, auf Herrn Kennets vor kurzem erfolgten Tod, und ich bewunderte dieses zarte Anstandsgefühl, diese innige anhänglichkeit in Leuten, die wir für Wilde zu halten so geneigt sind. Schon wollte ich mich mit dem Mann in ein Gespräch einlassen, als Charlotte sich nahte. Teilnehmend erzählte ich ihr, was mir eben begegnet sei. Sie war nicht verwundert, aber gerührt; "das erwartete ich", sagte sie, "armer Jamie! es hätte ihm das Herz gebrochen, hätte man heute auf diesem Rasen getanzt. Hier war vor fünfundzwanzig Jahren sein und meiner Brüder Spielplatz; und er schleicht alle Abende, wenn die Sonne ihn bescheint, hierher und lebt eine Stunde in seiner frohesten Erinnerung. O, der Mann hat viel für meinen Bruder getan! Wie er hörte, dass Kennet ins Ausland beordert sei, verliess er Weib und Kind und wanderte zu Fuss quer durch Irland bis zum Hafen, wo sein Regiment sich einschiffte. Er liess sich anwerben und folgte ihm nach Westindien nach, und wie meinen Bruder die schreckliche Krankheit befiel, bei welcher kein Wärter ausdauern mag, verliess er sein Bett weder bei Tag noch bei Nacht; schon selbst von ihr ergriffen, folgte er ihm zur Gruft, und wie die Grabbegleiter von der giftauchenden Stelle forteilten, blieb er dort liegen und weinte auf dem Hügel, der das Haupt des Edelsten barg. Ach es ruht in fremder Erde und unsre Tränen netzten sie nie!" –
So oft ich mit Charlotten von ihrem Bruder gesprochen hatte, war dieses die erste Klage, die ich von ihr hörte. Ihr erschien das Andenken an ihre toten vielmehr wie ein heiteres Bild. Sie sprach mit persönlicher Teilnahme von Lady Eredines Freude beim Empfang ihres Sohnes und beschäftigte sich mit ihnen, ganz wie mit lebenden Personen, deren Empfindung man in der weitesten Entfernung dennoch mit Innigkeit teilt.
In kurzer Zeit war ich in Eredine so eingewohnt, als gehörte ich schon längst zu der Familie. Meine gütige Charlotte fand bald Mittel, es mich als meinen gegenwärtigen Wohnort ansehen zu machen; sie fühlte in meiner Seele, dass ich mich nützlich mache, sei zu meiner Befriedigung durchaus notwendig; wahrscheinlich vielmehr in der Absicht, mir dieses zu gewähren, als weil es ihr sehr darum zu tun war, Musik zu lernen, verwendete sie sich alles Ernstes auf die Erlernung der Harfe. Bisher hatte sie es in der Tonkunst nicht weiter gebracht, als einige schottische Liederchen auf einem alten Clavier, das sich im schloss vorfand, zu klimpern; jetzt langte aber eine herrliche Harfe an, die Herrn Heinrichs unermüdete Teilnahme an seiner Schwester Wünschen, sobald er ihre neue Kunstanstrengung erfahren, in