um gegen ihren Vater solche Vorsicht zu gebrauchen." – "Ja sie sind triftig", antwortete Charlotte nachdenkend. "Vielleicht werden Sie selbst sie einst dafür erkennen. Ich möchte gern kein geheimnis vor Ihnen haben, meine Ellen, von diesem hängt aber jetzt mein ganzes Lebensglück ab." – "Genug, Charlotte! Ich brauche weiter nichts zu wissen. Nur das lassen Sie mich nochmals wiederholen: Herr Maitland ist mir gar nichts, gar nichts, als der beste der Menschen, der uneigennützigste Freund, ein Freund, der von aller meiner Unwürdigkeit sich nicht abschrecken liess ... O Charlotte, wenn Ihr Vater seinen Wert kennte ..." Ich hielt inne, denn ich fühlte, wie die Lebhaftigkeit meiner Gefühle mich hinriss. Ein sanftes Lächeln spielte um Charlottens schönen Mund, als wenn eine schmeichelhafte Hoffnung sich in ihr Herz stähle; allein meine Hand drückend, wendete sie sich, ohne die Unterredung fortzusetzen, von mir ab.
In den Tagen des Elends, wenn mein Nachsinnen für den Unterhalt des folgenden tages keine Auskunft hatte finden können, neben dem beklommnen Aechzen von Juliens Krankenbett, von dem Weinen ihres unruhigen Knabens unterbrochen, hatte der Schlaf mein Auge geschlossen, sobald mein Haupt ein, oft recht hartes, Kissen gefunden. Jetzt ruhte ich nun unter dem dach des Frommen, in dem Schutz der Freundschaft, morgen einen fröhlichen Tag, heitre Umgebungen erwartend, und der Schlummer wollte sich lange mir nicht nahen. Es war der Hoffnungslosen leichter geworden, bei dem dichtesten Dunkel ihres Schicksals, sich am Abend eines ermüdenden, sorgenvollen Tages blindlings in ihres Vaters arme zu verbergen, als der jetzt dem Sturm Entronnenen, die neuen Bilder, die dämmernden Aussichten, die möglichen Glücksfälle zu ordnen, die ihre Einbildungskraft ihr vorgaukelte. Endlich verflossen die sich kreuzenden Gedanken in dem einzig klaren Bewusstsein von Dank gegen Gott und der flehenden Bitte, mir den rechten Pfad zu zeigen in Glen Eredinens gastfreiem Tale, wie er mich ihn in dem freundlosen Edinburg, wohl auf verwundend rauhem Wege, geführt hatte.
Das Frühstück des nächsten Tages verwirklichte mir das Bild dieses Mahls, wie es Reisende in Schottland oft beschrieben haben. Eine Menge nahrhafter speisen, mit Sauberkeit und Ordnung aufgestellt, deckten den Tisch. Eredine, so ward hier, wie ich wahrnahm, Charlottens Vater genannt, wies mir meinen Platz neben sich in einem grossen, mit hoher Rücklehne versehenen Armsessel an und belud meinen Teller mit den verschiedensten speisen. Meine beschämte Bitte, meiner Unfähigkeit zu schonen, schien ihm doch endlich zu Herzen zu gehen, er blickte auf mich herab, als auf das wahre Bild von "den Söhnen kleiner Menschen", und sagte lächelnd: "wenn Ihnen das ein Ueberfluss scheint, was hätten Sie dann zu einem Frühstück zu der Zeit meiner Jugend gedacht!" – Sobald das Mahl beendigt war, übernahm Charlotte wieder die Führung des Haushalts, mit dem in ihrer Abwesenheit eine von ihren zahlreichen Cousinen beauftragt gewesen war. Um mir das Gefühl des Daheimseins recht einzuprägen, übertrug sie mir einen bestimmten Anteil an ihrem Geschäft, und obschon die Zahl der eigentlichen Hausgenossen seit Menschen-Gedenken nicht kleiner gewesen war, wie jetzt, hatten wir dennoch genug zu tun. Die alten Lehnsgebräuche, wo ein grosser teil der Verwandten unter den Augen ihres Stammhauptes lebte, waren abgeschafft; Eredine hatte drei ältere Schwestern überlebt, die fast ein Jahrhundert lang das Haus, wo sie geboren wurden, bewohnt hatten; nachdem zwei seiner jüngern Brüder durch eine dreissigjährige Landesverweisung ihre anhänglichkeit an ihren erblichen Fürsten gebüsst hatten, kamen sie zurück, um ihren Staub zu dem Staub ihrer Väter zu fügen; sein ältester Sohn war vor wenigen Monaten, ein Raub des ungesunden Himmelsstrichs, in Westindien gestorben, und der jüngste lebte, wie ich gesagt habe, seit vielen Jahren im Bann. Jetzt bestand nun die Familie einzig aus Eredine, seiner Tochter und mir, vier männlichen und sieben weiblichen Bedienten, Charlottens Amme, einem blinden weib, das, weil es sonst nichts zu arbeiten vermochte, die Strumpfstrickerin für das ganze Haus war und daneben durch ihr seltnes Gedächtniss und patetisches Erzählen alter Familiengeschichten noch die Stelle des ehemaligen Barden ersetzte. Ausserdem waren noch zwei kleine Mädchen, eine gebrechliche und eine kränkliche, und drei Knaben, von denen zwei, weil sie Waisen waren, der dritte als Enkel von des Lairds ältestem Diener, unterhalten wurden. Endlich muss ich noch Robert Goraich, Cecilens armen wahnsinnigen Liebhaber, erwähnen; dieser zäumte, wenn es seine Laune gerade mit sich brachte, Herrn Heinrichs alten Schimmel auf, wanderte in allen Kirchen der Grafschaft umher, oder sass stumm betrachtend unter der vom Blitzstrahl zerschmetterten Eiche.
Doch das waren nicht die einzigen Gäste an Eredines wirtlichem Tisch: mehrere greise Alten beiderlei Geschlechts, denen er in dieser Absicht in der nächsten Umgebung des Schlosses hatte Hütten bauen lassen, Laufbuben, Schaaf-, Kuh-, Gänse- Hirten, Bettler und Wanderer, alles fand Aufnahme und Nahrung und zahlte mit Ehrerbietung und Segen. – Und das alles bestritt der Laird mit einem Einkommen von nicht viel mehr als tausend Pfunden des Jahrs.
In der ersten Zeit nach unserer Ankunft kamen zahlreiche Bekannte und Nachbarinnen, Miss Graham zu besuchen, und eine der ersten war die wackre Cecile, die, mich mit Freudentränen begrüssend, ausrief: "Ich sagte Euch wohl, dass Ihr nicht wüsstet, wo Euch ein Stern aufgehen könnte; und nun sehet, nun seid Ihr nach Schloss Eredine gekommen