wohl beten – kreuzte sie ihre hände über die Brust und blickte begeistert zum Himmel. Ergriffen von dem Schauspiel um mich her, mochte ich nicht diese Stille unterbrechen. Zu unsern Füssen lag ein See, unbeweglich, als hätte nie ein Lüftchen seine Gewässer gekräuselt, alles war still, wie die Erde, bevor Lebendiges sie bewohnte, nur ein grosser Adler schwebte majestätisch in gleichem Fluge entlang dem Tal; der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt, aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See; an dessen einer Seite schimmerten die weisslichen Mauern des alten Castells, und hinter ihnen in einem geschützten Tal schwebte der bläuliche Rauch aus den Hütten des Dorfs, deren bewachsne Dächer in der allgemeinen Schattirung der Landschaft versanken.
Unser Weg ging bergab, und der Wald entzog uns die Aussicht. Anfangs erstanden Birken zwischen den dürren Felsenritzen, dann streckten Krüppeleichen ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grünen Moos, allmälig liess sich der Ahorn und die buch erblicken, die, sich endlich in schattige Gänge ordnend, den Weg zum Schloss, aber auch in Nebenalleen zu niederern Wohnungen zeigten. Zu beiden Seiten kamen wir an mehreren derselben vorbei; ihre Bewohner eilten heraus, Charlotten zu bewillkommnen. Kein Geschrei, kein zudringliches Grüssen störte die Stille der Umgebung; selbst die Kinder bückten ihre glühenden Gesichtchen nieder und blickten nur seitwärts, ob ihre Lady sie nicht übersähe. Eine Art natürliche brücke, eine Landzunge vielmehr, führte endlich zu dem Felsen, auf welchem das Schloss Eredine lag. Ich gestehe, dass Cecilens Erzählungen und das Entzükken, mit dem Charlotte von diesem Sitz ihrer Vorfahren sprach, mir ein andres Bild von diesem Ort hatte auffassen lassen, als ich in der Wirklichkeit fand. Ein viereckiger Turm mit einem gewölbten Eingang war alles, was von der ehemaligen Veste noch vorhanden war; ihm schlossen sich eine Reihe neuerer Gebäude an mit steilen Dächern und Fenstern, die durch die Beleuchtung im inneren ihre gemeinen Formen sichtbar machten und von der Einrichtung der wohnung kein günstiges Vorurteil erweckten. Raum musste aber darin sein, denn wie wir anlangten, strömten wenigstens dreissig Menschen, verschiedenen Alters und Geschlechts, uns entgegen. Der ihnen allen voranschritt, hätte meine Aufmerksamkeit erregt, hätte ich ihn auch nicht an Charlottens Freudenruf für ihren Vater erkannt. Das Alter hatte weder auf seinen festen Schritt noch die erhabne Haltung seines kräftigen Körpers gewirkt, sein Auge glänzte noch, seine Wangen glühten von Leben, nur die Silberlocken, welche unter seiner Mütze herabhingen, verrieten, dass er weit über die Jahre der Jugend hinausgerückt sei. Seine Kleidung zeichnete sich nur durch die Länge und Schönheit der Federn seiner Kopfbedeckung aus, übrigens trug er den scharlachroten und blauen Tartan seines Clans. Er begrüsste mich mit einem Kuss, erst auf die eine, dann auf die andre Wange, zum Willkommen in Eredine, eben so ungezwungen und fast so herzlich, wie er seinen Liebling Charlotte begrüsst hatte; dann gab er einer jeden von uns einen Arm und führte uns in seine Behausung ein. Das Zimmer, wo wir eintraten, war ein grosses getäfeltes Gemach, mit tiefen Fensterplätzen und mit Wandschränken versehen; ein Camin, so gross, dass er ein kleines Zimmerchen hätte vorstellen können, verbreitete jedoch durch sein flammendes Holzfeuer in diesen dunkeln Wänden eine fröhliche Helle; noch mehr aber, wie dieses, luden die heitern, wohlwollenden Gesichter aller seiner Bewohner zu dem vertraulichsten Wohlbehagen ein. Meine Gegenwart legte so wenigen Zwang auf, ich war in Eredine so willkommen, Charlotte und alle Hausgenossen weihten mich so schnell in die freundlichen Sitten dieses Hauses ein, dass ich, bevor acht Tage vergingen, so heimisch daselbst war, als wäre ich von Kindheit an gar nichts anders gewohnt.
Charlotte, die beständig bemüht war, das Gefühl, schwesterliche Rechte mit ihr gemeinsam zu haben, in mir zu erregen, bat mich, ihr Gemach, unter dem Vorwand, dass es das modigste sei, mit ihr zu teilen. "Da ich Sie in unsre Berge entführte, ist es wohl billig", sagte sie, "dass ich Sie vor Ihnen schütze; Heinrich hat mir aber meine Zimmer so veranglisirt, dass kein wahrhaft hochländisches Gespenst den Fuss hineinsetzen mag". Es war wirklich eine höchst angenehme wohnung; sie entielt alles Gerät, zu dem uns damals der Luxus gewöhnt hatte, was aber noch besser war, eine Sammlung vortrefflicher Bücher, einen vollständigen Apparat zum Zeichnen und Malen, und einen reichen Vorrat der schönsten Wollen- und Seiden-Garne zu Stickarbeiten jeder Art. Neben unserm gemeinschaftlichen Wohn- und Schlafzimmer befand sich ein drittes kleineres Gemach, wo eigentlich die Bücher aufgestellt waren, mit einem Schreibtisch an einem Fenster, dessen Aussicht über den See reichte – dieses wies mir meine gütige Freundin als mein besondres Eigentum an.
Wie wir uns zur Nachtruhe auf unser Zimmer begaben, umfasste mich Charlotte und sagte: "Liebe Ellen, ich muss Sie um eine Vorsicht bitten, ja um eine Gunst, die mir vielen Wert hat." – Ich antwortete, wie mein von Dankbarkeit fast zu überfülltes Herz mir gebot. – "Nun, liebe Ellen, vermeiden Sie sorgfältig, in meines Vaters Gegenwart je den Namen eines Mannes zu nennen ... eines Mannes, den wir beide kennen ..." "Herrn Maitlands Name?" half ich ihr ein. – "Ihn; nennen Sie ihn nie vor meinem Vater!" – "Gewiss, nie. Meine Charlotte muss triftige Gründe haben,