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kniete am Boden, fasste ihr kurzes Röckchen mit beiden Händen und fachte aufs geschickteste die Flamme an. Jetzt trat auch unser Wirt in seiner eigentümlichen Landestracht ein. Zu meinem Erstaunen reichte er Miss Graham seine Hand zum freundschaftlichen Gruss, setzte sich ohne Umstände zwischen uns nieder und begann ein politisches Gespräch Eben so empört über seine Unverschämteit als über die Höflichkeit, mit welcher Miss Graham sie duldete, suchte ich jener durch meine Bitte um ein Glas wasser ein Ende zu machen. Ohne sich zu rühren, trug er der Magd mein Verlangen auf und setzte seine Unterredung fort. Sobald ich dazu kommen konnte, warf ich Charlotten ihre nachsichtige Gutmütigkeit vor; sie sah mich aber verwundert an und sagte: "Nun? was sollte ich denn tun? Es ist ein vernünftiger Mann und ein Gentleman dazu." – "Gentleman!" rief ich spottend. – "Und warum das nicht? Er ist meines Vaters Vetter im dritten Glied und mit der besten Familie in Pertshire verwandt." – Es war offenbar, dass Miss Graham und ich mit dem Worte Gentleman einen verschiedenen Sinn verbanden. Vermöge seiner Vorfahren musste ich aber dennoch diesem Gentleman Platz an unserm Esstisch gestatten. Unsre unglückliche Henne hatte ein grosses Stück frischen Lachs zur Begleitung, von welchem Miss Graham mich bat, um unsrer Wirtin willen zu kosten. Gegen das Ende der Mahlzeit schob die Wirtin eine grosse hölzerne Bettstatt von der Wand, öffnete einen Mauerschrank und nahm einen grossen Käse nebst einem Topf gesalzner Butter heraus, welches beides sie vor uns auf den Tisch stellte; dazu brachte sie uns frische Haferkuchen, die auf der wollnen Decke des besagten Betts zum Abkühlen ausgebreitet gewesen waren. Ich mochte meinen Ekel nicht sorgfältig genug verbergen, denn die junge Bäuerin sagte sogleich: "Es ist einzig, um sie reinlich zu erhalten; denn man ist nirgend sicher, dass nicht Russtropfen herabfallen, als unter dem Bettimmeldas Bett hatte oben eine Bretterdecke, die vor Alters Bettimmel hiess.

Unerachtet dieser Entschuldigung hatte mich ein solcher Widerwille ergriffen, dass ich sehr froh war, unsre Pferde ankommen zu hören, und mit Verlangen an die Tür lief, um die uns vom Schloss Eredine entgegengeschickte Begleitung zu sehen. Sie bestand in drei kleinen Pferden, zwei für Miss Graham und mich, und das dritte zum Fortbringen unsers Gepäcks. Das letzte war, ungefähr wie ein Zigeuneresel, auf jeder Seite mit einem Korbe versehen, die beide mittels ein paar Stricken über seinen rücken gehängt waren. Ein Packknecht stopfte Miss Grahams Mantelsack in den einen, und wie er wahrnahm, dass der meine für den gegenüberhängenden zu leicht sei, füllte er den übrigen Raum mit einigen Torfklösen aus, um das Gleichgewicht zu erzwecken. Ausser diesem Packknecht waren wir eine jede mit einer Art Laufer versehen, der neben den Pferden herlief und die Obliegenheit hatte, sie bei beschwerlichen Stellen zu führen; endlich erblickte ich noch ein halbes Dutzend derbe Hochländer, die ohne eine andre Verbindlichkeit, als die Liebe zu ihrem Häuptling, diese vierzehn Meilen zu Fuss hergekommen waren, seine Tochter ins Vaterhaus zurück zu geleiten.

Also gerüstet, zogen wir aus. Unsre Begleiter schienen ohne alle Anstrengung Schritt mit den Pferden zu halten, und mit ihnen allen unterhielt sich gelegentlich Miss Graham in ihrer Landessprache, sie antworteten ihr bereitwillig und ohne alle Scheu, doch keiner sprach sie unaufgefordert an, noch willigte je einer von ihnen ein, so lange sie mit ihm sprach, sein Haupt zu bedecken. Heinrichs Name ward so oft in allen diesen Gesprächen genannt, dass ich sehr neugierig wurde, deren Gegenstand zu erfahren. Obschon ich mit Charlottens hülfe mein Erlernen des Gaelischen fortgesetzt hatte, war es mir doch zu wenig geläufig, um diese Landleute zu verstehen, und Charlotte fing an über meine fragen um ihren Bruder so listig zu lachen, dass ich sie um einen Aufschluss zu bitten Bedenken trug. Endlich konnte ichs aber doch nicht lassen; ich sah so unbefangen wie möglich aus und fragte: "Charlotte, von was spricht der Knecht mit solchem Eifer?" – "Mein Freund Kennet", antwortete sie mit Nachdruck, "erinnert mich daran, wie Heinrich einst seiner Amme Schaafe aus dem Schnee rettete. fragen Sie ihn selbst, er spricht englisch. Kennet! die arme Miss Percy kann kein Gaelisch; erzählt ihr die geschichte auf Englisch! Für euern Freund Heinrich sprecht ihr ja gern ein gutes Wort." – Der Mann grüsste ehrerbietig, doch ohne den rücken zu beugen, und sagte: "wenn er hier wäre, bedürfte er keines Andern, um einer jungen Dame ein gut Wort für sich zu sagen." Darauf erzählte er sehr umständlich, wie Heinrich und er die felsige Seite des Benarde hinangestiegen seien, um beim tiefsten Schnee von einem Felsen, mitten in einem rundum eingeschlossnen Abgrund, die Schaafe eines Hüttenbewohners nach haus zu holen. – "Ist euch denn in den Hochlanden das Leben um einige wenige Schaafe feil?" fragte ich. – "Meint Ihr nicht, Lady, dass ich das Recht hatte, für meiner Mutter kleine Heerde das Leben zu wagen? Und das wisst Ihr wohl, dass es mir nicht zukam, dem jungen Herrn es zu verbieten. Sein Leben! Alle Schaafe in Argyll wären nicht kostbar genug, um ein Haar seines Hauptes zu erkaufen. – Darauf wendete er sich zu meinem eigentlichen Begleiter und sagte mit grossem Ausdruck eine gaelische Phrase, die ich ihn bat mir zu übersetzen, sie besagte: "