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hätte nicht ein dunkel gefärbter Streif den westlichen Horizont bezeichnet, würde geglaubt haben, in England zu sein. Ich bewunderte diese Gegend nach meinem englischen Massstab von einem schönen land. "O wenn Sie erst mein Tal werden sehen und meine felsigen Hügel!" rief Charlotte und sah auf den dunkelnden Wolkenstreif hin, der alle die Herrlichkeit deckte. Gegen den Abend fing sich dieser Streif an in Hügelformen zu verteilen, wo graue Felsen die Höhen, und tiefe Schatten die Täler ahnen liessen. Am folgenden Morgen waren alle Umgebungen verändert; Kornfelder und Laubbäume hatten einförmigen Haiden Platz gemacht, hier und da von Schaaftriften unterbrochen, oder da, wo ein Bach durch sie hinfloss, durch das Grün, welches an seinen Ufern entspross. Nur selten erblickte man kleine Birkenhäufchen, gewöhnlich drei und drei, deren bebendes Laub in der stillen Oede flüsterte. Wenn wir langsam die steilen Höhen hinangefahren waren, bot uns die Aussicht eben so eine Haide, wie wir sie unten verlassen hatten, und stiegen wir in eine kleine Senkung hinab, so war es, um sogleich noch viel höher zu klimmen. Endlich in einem engen Tal, das uns reich und einladend empfing, zeigten sich menschliche Wohnungen; die Kleidung der Einwohner bedeutete uns, dass wir die Hochlande erreicht hatten. "Mein nie erobertes Land"! nannte es Charlotte. "Wie der Römer die kleinen Menschen in Staub getreten hatte, trieb ihn die Tapferkeit unsrer Väter hinter seine Mauern zurück. Willkommen, meine Ellen, in dem Hochland, wo nie ein Freund einen Verräter, und nie ein Feind einen Feigling fand!" – setzte sie, meine Hand schüttelnd, hinzu, indess ich, noch ungewöhnt an diese rauhe natur, etwas verwundert ihr hochherziges Entzücken mit den uns umgebenden Naturschönheiten zusammenstellte.

Allein noch waren wir fast eine Tagereise von Charlottens Heimatstal entfernt. Die Berge wurden steiler, die Täler bekleideten sich mit reicherem Grün, als Charlotte auf einige Gebäude zeigte, den Ort, wo wir sollten zu Mittag speisen und unsern Reisewagen mit einem andern Fuhrwerk vertauschen, weil jener auf den uns nun bevorstehenden Wegen nicht weiter fortzukommen vermochte. Dieser Gastof war noch einer der besten; die aus Steinen und Rasen zusammengefügten Mauern waren so niedrig, dass ich von dem auf ihnen ruhenden Dach ohne Mühe die schönsten Glockenblumen pflückte; überhaupt bot dieses, mit Moos und Schlingpflanzen bedeckt, von Herbstblumen einzeln durchwebt, einen höchst malerischen Anblick dar. Der Schornstein bestand aus einem alten Fass, dessen abgesprungene Reifen mit dicken, aus Haidegras gedrehten Bändern ersetzt waren. Dennoch zeichnete sich dieser Gastof vor den ihn umgebenden Hütten durch ein Glasfenster an der einen Seite der Tür und ein Schild an der andern aus. Auf diesem war eine Flasche nebst einem Glas gemalt, und mit grossen, erst kürzlich erneuten gelben Buchstaben auf schwarzem grund, las man:

Jeder Pilger ist willkommen,

Mag er kommen oder gehen.

Will er in dies Wirtshaus gehen,

Wird er freundlich aufgenommen.

Kaum hatten wir die Haustür erreicht, so fuhr ein solcher Schwarm von Kindern heraus, dass es mir rätselhaft war, wie sie darin hatten herbergen können. Dass sie alle barfuss waren, wunderte mich, da ich von dieser Landessitte schon unterrichtet war, nicht mehr besonders, und ihr übriger Anzug war mehr abgeschmackt, als ärmlich. Selbst der kleinste Knabe trug schon die kriegerische Mütze der Bergschotten, ihr Tartan oder kurzer Rock war an einem scharlachroten oder blauen Kittel befestigt und auf dem Rükken zugeschnürt, als wollte man diesen Naturkindern die Versuchung ersparen, sich dessen eigenmächtig zu entledigen; den Mädchen zeigte die Sitte in diesem Stück mehr Vertrauen, denn ihr Oberkleid, das in einer weiten Jacke, oder einem Stück farbigen, um die Schulter geworfenen Tuch bestand, war unter dem Kinn, vermittelst einer grossen metallnen Nadel oder hölzernem Pflock zugehalten. Dieser abgeschmackte Anblick ward durch den unpassenden Ernst ihres Benehmens noch erhöht. Sie sahen vielmehr ehrbaren alten Familiengemälden, wie lebend jugendlichen Geschöpfen ähnlich. Schweigend und sich neigend sahen uns die Mädchen vorübergehen, und die Knaben, ihre Mütze in der Hand haltend, blickten uns ehrenvest nach. Die Hütte war in zwei Teile geschieden, deren einer, wie ich bald durch den Rauch unterschied, mit Bauern, die um einen Haufen glühender Kohlen, auf dem Fussboden gelagert, angefüllt war; Miss Graham und ich begaben uns in den andern, als Staatszimmer geachteten, teil. Man mochte, um ihn uns einzuräumen, erst so eben die Gäste herausgeschickt haben, denn auf dem gestampften Lehmboden und auf dem eichnen Tische lagen noch die Käserinden, Gerstenkuchen und angeschnittnen Zwiebeln, um kleine Landseen von Whisky gestreut. Die gute Wirtin hob aber diesen kleinen Uebelstand zu ihrer völligen Beruhigung, indem sie mit dem Zipfel ihrer Schürze über den Tisch hinfuhr und mit sichtbarer Freude wahrnahm, wie sogleich der Haushund und ein paar Hühner den Boden von den nahrhaften Resten säuberten. Während dem begann sie mit Miss Graham ein Gespräch, in welchem sie alle mögliche fragen anbrachte, nur nicht die, welche ich bei meinem Eintritt in jeden Gastof von jeher zuerst gehört hatte: was wir zum Mittagsessen verlangten. Allein das wäre auch eine zwecklose Frage gewesen, denn auf unser Nachforschen erfuhren wir, dass alle Möglichkeiten auf eine alte Henne beschränkt waren. Alsobald erschien eine rüstige Bäuerin mit roten, bis an die Knie nackten Beinen und blossem Kopf, dessen Haar nur mit einem blauen Zwirnband aufgeknüpft war; sie legte Reisig in den Camindenn mit diesem war das Gemach versehen