1822_Huber_043_93.txt

Freundin, die mich mit beispielloser Grossmut behandelt hatte, in diesem Augenblick so abgeschieden zu stehen. Den Uebergang zu finden, ward mir schwer, denn trotz der Freimütigkeit in Charlottens Betragen, hatte meine Vertraulichkeit mit ihr Grenzen; wenn sie einmal einen Punct angedeutet hatte, den sie nicht berührt haben wollte, so getraute ich mich nie mehr ihm zu nahen. Wir wanderten noch stumm neben einander, als sie sagte: "Ellen, Sie sind beleidigt, denn ich tat Ihnen eine Frage, die sich selbst die vertrauteste Freundin versagen soll." – "Nicht doch, liebste Charlotte, Sie dürfen alles fragen; ich will Ihnen gern ..." – "Nein, nein! solche fragen sollen nicht getan und nicht beantwortet werden. Ist eine Liebe glücklich, so gesteht sie der Liebende gern; ist sie unglücklich, so ist ihr geständnis eine Herabwürdigung, die kein Mensch von dem andern fordern darf." – Gott! sollte das dein los sein, dachte ich, so soll dein edles Herz wenigstens durch mich nicht leiden, du sollst wissen, dass ich dir nicht im Wege bin. Mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen nahm ich wieder das Wort: "Charlotte", sagte ich, "Sie müssen meine beichte anhören, sie ist sehr demütigend, wenn gleich nicht in der Art, die Sie bezeichnen. Ich muss Herrn Maitland die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er mich nie in den Fall setzte, ihn ausschlagen zu können. Er sah ein, dass ich zu seiner Gattin nicht geschickt war, und in demselben Augenblick, wo er seine Schwachheit eingestand, entsagte er ihr auf immer. Sehen Sie nicht ungläubig aus, Charlotte! Weder ein hübsches Gesicht, noch ein grosses Vermögen, wie ich damals besass, konnten Herrn Maitland verleiten, seine Hand einem herz- und gedankenlosen ... Doch seitdem habe ich mich verändert, sehr verändert. Aber wahrlich, Charlotte, ich stehe Niemandem im Wege, der Maitland so glücklich machen möge, wie ich ...." – Ich musste innehalten, und Miss Graham ersparte mir das Ende meiner Rede, indem sie meine Hand liebevoll drückte und sich dann mit einem eben vorbeigehenden Bekannten unterhielt.

Von dieser Zeit an sprach sie, so offen sie sich über alle Gegenstände ausliess, nie mehr von Maitland, und sie gewann dadurch an achtung bei mir; denn sie bewies damit, nach meiner Ansicht, sowohl ihre herrschaft über ihre eigne Empfindung, als ihre Schonung für Andere. Jedesmal, wenn ich Charlotte beobachtete, ward es mir rätselhafter, wie Maitland nicht mit ihr sympatetisch empfinden musste. Alle Anlagen, die sich in ihm zu dem Mann ausgebildet hatten, den sein Vaterland ehrte, der seine Freunde beglückte, hatten sich in Charlotten als weibliche Tugenden entwickelt, die sie zur Führung des Hauswesens, zum erfreuenden Mittelpunct des gesellschaftlichen Kreises geschickt machten. Ein Gegenstand, der ihr Gespräch um so häufiger betraf, war ihr Bruder Heinrich, der mit ihr in dem innigsten verhältnis zu stehen schien. Da mir aus Cecilens abenteuerlicher Erzählung ein Zweifel aufgestiegen war, ob die Veranlassung seiner frühern Auswanderung nicht nachteiliger für ihn und seine Angehörigen gewesen sein möchte, wie der Familienstolz der Hochländerin eingestehen konnte, war ich zu schüchtern, über seinen Aufentalt im Auslande, seine Schicksale, nachzufragen; da ich in Glen Eredine alle diese Umstände zu erfahren hoffte, begnügte ich mich auch immer mit dem, was mir Charlotte zu sagen für gut fand; und wenn ich Herrn Heinrich hätte schildern sollen, so wäre er als funfzehnjähriger Knabe dagestanden, wie er in Plaid gewickelt und den Knotenstock in der Hand, von Bouoghrin herabsteigend, die Kühe von Glen Eredine wiedergewann. Dass dieses Bild nicht mehr zu dem Heinrich, aus dessen Briefen mir Charlotte oft vorlas, passte, bekümmerte mich wenig. Er schrieb ihr wie ein Freund dem Freunde, und doch mit der Zarteit, welche die Verschiedenheit des Geschlechts dem Mann von Gefühl zur Pflicht macht. Sie war seine Almosenpflegerin, und so wenig er seit langen Jahren in seinem Tale gelebt hatte, kannte er jeden Clansmann und bestimmte ihm die Gabe, die ihm nützen konnte. Das Ansehen, der Ton, in dem er sie behandelte, hatten etwas Patriarchalisches, und oft, das gestehe ich, konnte ich seine Befehle nicht mit den englischen Begriffen von persönlicher Unabhängigkeit vereinigen. Was er gebot, atmete Uneigennützigkeit und gerechtes Urteil, er sprach, wie ein unumschränkter Fürst, und handelte, wie ein gütiger Vater. Da Charlotte durch seine Aufträge in den Angelegenheiten des Clans in die verschiedensten Verhältnisse verwickelt ward, und dabei das Schloss ihres Vaters durch die herzlichste Gastfreundlichkeit einer Menge Besucher stets offen stand, schien mir der Aufentalt daselbst die entgegengesetztesten Beschäftigungen zu vereinigen, und sehr begierig, dieses alles mit eignen Augen zu sehen, hörte ich es sehr gern, wie mir Charlotte endlich den Tag unserer Abreise verkündete.

An einem schönen Septembermorgen machten wir uns auf den Weg. Obgleich ich mich an der Seite des Wesens befand, das mir auf Erden das geliebteste war, konnte ich Edinburg doch nicht ohne eine dankbare Träne verlassen. Ich hatte dort die furchtbarsten Bedrängnisse erlebt, mein Geist war dort gereift, mein Herz gereinigt, und in der letzten Zeit hatte ich dort zum ersten Mal die Freuden der guten Gesellschaft, ohne den törichten Flitter der grossen Welt, genossen.

Während dem ersten Tag unsrer Reise kamen wir durch ein so reiches, ebnes Land, dass ich,