Erben verteidigen zu wollen, zugleich auch die Anweisung, das Kind nach dem tod seiner Mutter zu ihm nach London zu senden. Die Trennung von ihm ward mir unendlich schwer, ja ohne Miss Grahams klare Ansicht der Dinge, hätte ich mich vielleicht von meinem weichen Herzen bewegen lassen, ihn seinem natürlichen Beschützer zu entziehen. Sie bewies mir aber, dass des Knaben Wohl und meine weibliche Würde mir nicht erlaube, ihn in meinen Händen zu behalten, dass sein Oheim eben das für ihn tun würde, was mir zu tun möglich sei: er würde ihn in eine gute Pension tun. Sie hatte recht, aber mir schien meine Liebe ein Gewicht, das kein Vernunftgrund aufwiegen könnte. Dennoch erkannte ich die ihrigen an, ich beredete meine gute Frau Campell, gegen eine angemessene Belohnung meinen armen kleinen Liebling selbst nach London zu bringen. Seine Rechte wurden anerkannt; und da Lord Glendower von Lady Maria nie Kinder erhielt, wurden Juliens Sohn alle die Vorteile des Glücks eingeräumt, die seine arme Mutter vergeblich um den Preis ihres Lebens hatte zu erlangen gestrebt.
Nun mich keine unerlässliche Obliegenheit mehr fesselte, gab ich Miss Grahams Bitten nach und ward ihre tägliche Gefährtin. Edinburg mit seinen historischen Merkwürdigkeiten und seinen Umgebungen, voll der erhabensten Schönheiten der natur, beschäftigte mich nun auf die anziehendste Weise, unsre Morgen waren den mannichfaltigsten Wanderungen geweiht, und die Abende in Gesellschaften zugebracht, in denen ich, ohne ausserordentliche Vorzüge, alle Annehmlichkeiten vereint fand. Viel feine Sitten, also keine Sonderbarkeiten; allgemeine Bildung, also keine Pedanterei; viel guten Geschmack, also keine auffallenden Einzelnheiten. Von Miss Graham eingeführt, fand ich überall den schmeichelhaftesten Empfang, und die arme Fremde, der es nicht gelingen wollte, Arbeit zu ihrem täglichen Unterhalt zu finden, ward nun, da sie ihren Beitrag zur Kurzweil müssiger Stunden gab, von allen Seiten aufgesucht und bewundert. Nun sah ich mich wieder in der Lage, meinen alten Fehlern Raum zu vergönnen. Wohl nirgends hat weibliche Schönheit so grosse Geltung wie in der Hauptstadt von Schottland. Miss Grahams hohe Gestalt und meine Schlankheit, traten als neue Erscheinungen auf und fanden warme Bewunderer, doch mein Geschmack an diesen Huldigungen war vorüber; mir war bei dieser meiner Rückkehr in die Gesellschaft eine Schüchternheit vor meiner eignen Schwäche geblieben, die mir Wachsamkeit gegen mich selbst gebot. Ein genugtuenderes Vergnügen, wie der Beifall der Männer, gab mir Charlottens edle Uneigennützigkeit in der geteilten Bewunderung der Menge; sie erfreute sich des kleinen Gewichtes, das meine Waagschaale niederdrückte – es entstand aus den sieben Jahren frischerer Jugend, die ich vor ihr voraus hatte. – Es gingen andre sieben Jahre vorüber, und dann gebührte ihr der Kranz der Schönheit, denn ihre Züge, von dem Zauber nie alternden Geistes beseelt, trotzten dem Einfluss der Zeit.
Seit Juliens Tod war es zwischen uns ausgemacht worden, dass ich Miss Charlotte nach Glen Eredine begleiten würde; mein Aufentalt in Edinburg gefiel mir aber so wohl, dass ich nicht sehr ungeduldig auf unsere Abreise drang, um so weniger, da meine Freundin, so sehnsuchtsvoll ihre Blicke nach ihren Bergen gerichtet waren, sie doch täglich verschob. Eines Abends, wie wir die Sonne von einer der romantischen Felshöhen um Edinburg untergehen sahen, blickte sie begeistert nach Westen und rief: "Ach, sie sinkt hinter Benarde hinab!" – "Man sollte glauben, Charlotte", sagte ich lächelnd, "Sie hätten nicht weit von Benarde Jemand bestellt, der mit Ihnen diese letzten Strahlen zugleich begrüssen sollte." – "Das ist ein empfindsamer Einfall", rief sie lachend, "den könnten Sie gar nicht haben, hätten Sie nicht selbst schon solche fantastische Rendezvous gehabt. Gestehen Sie, Ellen, Sie haben geliebt!" – "Ich? nein, ich habe nicht." – "Kind, sehen Sie nicht so unschuldig aus! Warten Sie nur, bis Sie Bruder Heinrich kennen lernen! Dann wollen wir sehen, wie es um die Unverletzbarkeit Ihres Herzens aussehen wird." – "Grade wie jetzt. Hätte die gefährdet werden können, so wäre es schon vorlängst geschehen." – "Das wäre? Was, liebe Ellen, hat Sie denn so unverletzbar gemacht?" – "Die Neigung eines der edelsten und weisesten der Menschen, meine Freundin. Ich hatte einst das Schicksal, die Aufmerksamkeit Ihres Landsmanns, des grossmütigen, beredten Maitland auf mich zu ziehen." – Miss Graham schreckte auf, antwortete aber nicht. "Kannten Sie ihn?" fragte ich, sie ansehend. – Hohe Röte deckte ihr Gesicht; "ja, ja, ich kannte ihn", sagte sie zögernd und schien in tiefe Gedanken zu sinken. Wir schwiegen eine Weile. Charlottens Fassung schien mir ein geheimnis zu verraten, in das mein Schicksal verflochten war. Es konnte mich nicht befremden, dass Maitland mit Miss Graham zusammengetroffen, und dass er in ihr alle die Vorzüge gefunden, die sein männlicher Geist suchte und einst gütevoll sich bemühen wollte, in mir zu entwickeln. Es kostete mir einen schweren, aber nur kurzen Kampf, meinen unausgebildeten, aber im lebendigen Keim stets noch in meinem Busen schlummernden Hoffnungen zu entsagen. Aber die Vernunft gebot es; die Entsagung gelang, doch dem Schmerz um sie gebot ich nur augenblickliches Schweigen; er sollte mir jetzt die Selbsterrschaft nicht rauben. Jetzt bedurfte ich es, den freimütigen Verkehr zwischen mir und Charlotten wiederherzustellen; es war mir unleidlich peinigend, neben der