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wiederzusehen, der liebenden Schwester so weh tue. Diese fasste sich aber bald wieder und fragte: "Sie erinnern sich also nicht, einen Bruder von mir zu Ihres Vaters Lebzeiten gesehen zu haben?" – Ich war beschämt. War Herr Kennet ein Geschäftsmann gewesen, der meiner Eitelkeit nicht besonders gehuldigt, so konnte er sich sehr wohl unter den vielen Gästen meines Vaters befunden haben, ohne dass ich ihn je bemerkt hatte. "Gut", rief Miss Graham, da sie meine Verlegenheit bemerkte, "ich will dafür sorgen, dass Sie mich nicht also vergessen"; – und jetzt wendete sie das Gespräch auf Cecile, ihre Landsleute und den Unterschied zwischen den Hochländern und den Einwohnern der Ebene. Wenn gleich ihre Unterhaltung über diesen, wie über jeden andern Gegenstand, keine besondere Geistesbildung bewies, so verriet sie doch einen natürlichen Scharfsinn, eine so schnelle und scharfe Beobachtungsgabe, wie ich sie sehr selten angetroffen habe. Ihr Besuch nahm ein Ende, ohne dass ich begreifen konnte, wie er zwei Stunden gedauert habe. Die langentbehrte Wohltat eines freundschaftlichen Austausches von Gedanken und Gefühlen hatte mich so entzückt, dass das unerwartete Glück, welches sie mir verkündet, mich, so lange sie gegenwärtig war, wenig beschäftigte.

Doch die gelegenheit, es anzuerkennen, stand mir nahe genug. Juliens Zustand war jetzt so hülflos geworden, dass ihre Pflege und die Aufsicht auf ihr armes Kind, obgleich ich nun in. der ältesten Campell eine Art Wärterin für dasselbe bezahlte, mir sehr wenige Zeit zu arbeiten liess. Die Kranke war so abgemagert, dass Bewegung und Stilleliegen ihr gleich schmerzhaft bedünkten; meine ängstliche Unruhe war das einzige Gefühl, das der Tod noch nicht in ihr vertilgt hatte; so wie ein kindisches Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von mir die letzte ihrer menschlichen Empfindungen zu sein schien. Die Furcht vor dem tod war in stumpfer Unterwürfigkeit unter die notwendigkeit untergegangen, und so sah ich sie gleich unbedürftig und unfähig, die grosse Stunde, der sie entgegen ging, würdig zu bestehen, vor meinen Augen verschmachten. Mit tiefer Wehmut und unaussprechlichem Danke zu Gott sass ich Tage und Nächte an diesem jammervollen Todbette. Ich war mit dieser Sterbenden jung und töricht gewesen, mich hatte eine Vaterhand aus dem Strom des Verderbens gerettet, auf den Wogen des Unglücks getragen, und ich fühlte tief in meinem Herzen: weinen konnte ich noch viel, fehlen noch oft, aber so sterben, so trost- und hoffnungleer sterben würde ich nie. Dann sann ich nach, was denn mein Verdienst sei, dass ich nicht von jenem Tage an, wo mich meine Verkehrteit in Lord Friedrichs hände übergab, gesunken und zu grund gegangen sei, wie meine unglückliche Gespielin, und gedachte der Demütigung, die mich damals traf, und des Jammers, der ihr folgte, mit tiefem, innigem Dank. – Denn wahrscheinlich hatten sie mich gerettet. Diese Tage lehrten mich, welchen Schatz ich an Charlotte Graham gewonnen hatte. Durch mein Schicksal verschüchtert, wehrte ich mich anfangs vor der Anziehungskraft ihres Wesens und sagte mir oft: um eine wahre Freundin zu sein, bedarf es mehr, wie dieses liebenswürdige Aeussere. Aber nun, da sie täglich Gesellschaften, in denen Beifall und Freude sie erwarteten, hintansetzte, um die Abende in meiner ärmlichen wohnung die Pflege einer Sterbenden zu teilen, ward mir ihre Milde, ihre Geduld, ihre Frömmigkeit klar, und wir knüpften eine Freundschaft, die gewiss nur der Tod zu scheiden vermag. Sie fühlte viel zu zart, um mich, so lange Julie meiner bedurfte, zu einer Veränderung meiner Lage zu bewegen; allein mein Besuch in Glen Eredine ward als eine so ausgemachte Sache angenommen, dass sie mich schon wie eine Bewohnerin von ihres Vaters haus ansah. Sie machte die Einteilung unsrer Zeit für jede Stunde des tages; unsre wissenschaftlichen Uebungen, unsre Lustwanderungen wurden verabredet; alles, was sie beschäftigte, führte sie auf Glen Eredine zurück; sie beschrieb mir die Naturscenen, die ich zeichnen sollte, den Felsen, wo der Widerhall meiner Harfe sollte antworten; und wenn sie selbst sich auf ihren unablässlichen Träumereien über ihr Heimatstal überraschte, rief sie mit einem glänzenden blick zum Himmel: "ach, es ist ja auch nirgend so schön"! und legte die gefalteten hände auf die Brust.

Bei diesem nur ihren edlen Landsleuten eigenen Entusiasmus für ihr Land, bei der innigen Ehrfurcht, mit der Miss Graham von ihrem Vater sprach, der, wie sie gestand, durch ihre Abwesenheit eine peinliche Leere empfände, konnte ich nicht begreifen, was sie in Edinburg festielt. Geschäfte schienen es nicht zu sein, denn nie hörte ich solche von ihr erwähnen, und Lustbarkeiten fesselten sie nicht, denn sie brachte ihre meiste Zeit in meiner kummervollen wohnung zu. Endlich aber war unsre traurige Aufgabe gelöst. Mit kaum merklicher Stufenfolge sank Julie aus einem matten Schlummer in die arme des Todes. Ich fühlte ihren unterbrochnen Puls, bewachte ihre seltneren Atemzüge; allein ihr Leben schwand so leise, dass mir der Augenblick seiner Flucht nicht bemerklich ward. Ich erfüllte die letzte Pflicht der Freundschaft an ihr, ich bereitete sie mit frommen Händen und mancher Träne der Wehmut zu ihrem Uebergang ins Grab, ins unbeweinte Grabdenn meine Tränen galten ihrem Leben, nicht ihrem todund ihr armer Knabe sah neugierig zu, wie die Männer den ungeschmückten Sarg aus dem Zimmer entfernten.

Zwei Tage nach ihrem tod empfing ich von ihrem Bruder die Versicherung, die Rechte von Lord Glendowers