eigentliche Farbe nicht zu unterscheiden war, und für die Weisse ihrer Zähne war das alte poetische Bild orientalischer Perlen zu matt. Die Lieblichkeit ihres Lächelns wäre eben so schwer zu schildern. Wahr ist es, sie konnte neben einer zartgebauten Nymphe etwas zu breitschultrig aussehen, aber ihre Formen waren höchst weiblich, ihre Bewegungen mild und behende. Sobald sie ihre Begleiterin als Charlotte Graham eingeführt hatte, erinnerten mich ihre Züge an meine gute Cecile; sie glichen sich, wie der rohe Entwurf einer Büste zu ihrer ausgeführten Vollendung; auch im Ausdruck fand dieser auffallende Unterschied statt. Cecilens ihrer war ernst, durchdringend und, für eine so junge Frau, fast streng; Miss Grahams Gesicht war heiter, offen, lebendig, beide aber drückten die Art Scharfsinn aus, welche die Worte dessen, der da redet, bis zu ihrer Quelle verfolgt.
Miss Grahams tiefe Trauerkleider und eine trübe Wolke, die zuweilen über ihr fröhliches Gesicht zog, bedeuteten mich, dass irgend ein Todesfall die Familie betroffen haben musste. Ihr Betragen benahm aber auch den Schüchternsten alle Verlegenheit. Es war gebildet, aber nicht modig; höflich, doch nicht gekünstelt; gütig, ohne den mindesten Anschein von Herablassung; allein in ihrer Haltung, ihren Bewegungen, vor allem in ihrem gang drückte sich eine Hoheit aus, die es bewiess, dass sie sich nie von der Gegenwart eines Obern gedrückt fühlte und wohl zu gewähren, aber nicht zu bitten gewohnt war. Diese Eindrücke machte mir die erste Viertelstunde von Miss Grahams Bekanntschaft. Was mir Cecile von ihr gesagt hatte, war ganz geeignet gewesen, ihr meine Bewunderung zu erwerben; allein die unaussprechliche Melodie ihrer stimme erwarb ihr mit den ersten Worten, die sie mit einer etwas fremden, ihr Vaterland höchst angenehm bezeichnenden Aussprache zu mir sagte, mein Herz. "Wenn Sie uns entschuldigen, im Fall wir Ihnen lästig sind", sprach sie, "so ist mein Gewissen beruhigt; denn ich bin überzeugt, Sie sind es mit der ich mein Geschäft abtun soll; denn zwei Personen können meiner Beschreibung nicht ähnlich sehen." – "Sie werden sich erinnern", sagte ihre Begleiterin, indem sie über meine erstaunten, fragenden Blicke lächelte, "dass ich gestern einer Freundin gegen Sie erwähnte, die ein Frauenzimmer Ihres Namens aufgesucht hätte. Wir dürfen nun hoffen, solches in Ihnen gefunden zu haben, und damit muss manche zudringliche Frage entschuldigt werden." – "Ich bedarf nur eine beantwortet zu erhalten", sagte Miss Graham. "Sagen Sie mir nur, wer Ihre Eltern waren?" – Dieses sagte ich ohne den geringsten Rückhalt. "Gut", nahm Miss Graham wieder das Wort, "in diesem Fall habe ich die Freude, Ihnen eine angenehme kleine Nachricht zu bringen. Mein Bruder war so glücklich, eine Ihrem Vater schuldige Summe einzutreiben; der Schuldner zahlte sie nur unter der Bedingung aus, dass die Hälfte davon in Ihre hände gegeben, und nur die Hälfte der Masse zugewendet werden sollte. Die Sache ist nun gerichtlich abgetan, und Sir William Sorbes wird Ihnen funfzehn hundert Pfund auszahlen." – Kaum wird man mir glauben, dass diese Nachricht mir anfangs keine grosse Freude machte. Ach, das kommt nun zu spät! dachte ich, meine Blicke auf die arme Julie heftend, die aus dem Hintergrund des Zimmers diesen Vorgang mit dumpfer Gleichgültigkeit zusah. Doch mein zweiter Gedanke belehrte mich, dass ich undankbar gegen Gott und meine Wohltäter sei, und ich drückte Miss Graham meine Erkenntlichkeit aus. Sie versicherte mich dagegen auf die liebenswürdigste Weise, dass meine Bekanntschaft sie schon weit über den Wert des kleinen geleisteten Dienstes belohnt habe, und kam meinen weitern Danksagungen durch die Fortsetzung ihres Gesprächs zuvor. "Mein Bruder", sagte sie, "konnte Ihre Spur nur bis zu Miss Mortimer und von da nach Edinburg verfolgen, hier verlor er sie, und da er zu entfernt war, Nachforschungen anzustellen, trug er sie mir auf, und mir war in meinem Geschäft eine Ihrer und meiner sehr dankbaren Schützlinge, die gute Cecile Graham, behülflich. Sie wies mich an die Boswells; die wollten aber nichts von Ihnen wissen. Mittlerweile kam ich vor wenigen Tagen in die Stadt, ohne zu wissen, welche Wege ich einschlagen sollte, aber fest entschlossen, nicht, ehe ich Sie gefunden, Glen Eredine wiederzusehen" – "Wäre es möglich, dass ich solch eine grossmütige Teilnahme bei Fremden erregt haben sollte?" – "nennen Sie mich Fremde, wenn Sie wollen, wenn mir der Name nur einen freundlichen Empfang bei Ihnen verschafft. Doch mein Bruder muss Sie persönlich gekannt haben, wenigstens mit Ihrem Vater in sehr genauen Verhältnissen gewesen sein, denn er beschrieb mir Ihre person." – "Ja, ja", nahm die ältere Dame mit gutmütigem Scherze das Wort, "die schwarzen Wimpern und das Grübchen in den Wangen." – – – "Das Lächeln hätte Sie mir doch noch leichter verraten", unterbrach sie Miss Graham. – "Wenn ich die Ehre haben sollte, Herrn Kennet, den ich jedoch nur aus Cecilens Erzählung gekannt zu haben glaube, wiederzusehen, kann er Ihnen selbst sagen, ob ich seinem Gemälde gleiche", antwortete ich, ebenso verlegen wie geschmeichelt. Miss Grahams Heiterkeit erlosch, und eine Träne füllte ihr Auge. Ich suchte mir diese sonderbare Erscheinung zu erklären und dachte, dass Herr Kennet selbst der Schuldner gewesen und seitdem verstorben sei, weshalb meine Hoffnung, ihn