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habe. Nach Tisch, während er sich mit meinem Vater und Miss Mortimer unterhielt, führte ich am andern Ende des Zimmers, recht wie die ungezogne Jugend es sich herausnimmt, mit Miss Arnold und dem jungen Vancouvers ein Gespräch, das eben so laut wie gehaltlos, mehr wie einmal, obgleich vergebens, meines Vaters Ermahnungen auf sich zog. Miss Mortimer suchte unsern Verein zu stören, indem sie mehrmals die Rede an mich richtete; allein ich antwortete ihr so kurz, teilnahmelos und zerstreut, dass ihre Absicht nicht erreicht ward.

Nachdem sich unsre Gäste entfernt hatten, stellte sich mein Vater mit sehr ernstem Gesicht vor das Caminfeuer und sprach, seinen strengen blick auf mich, die in einem fernen Fenster stand, gerichtet: "Miss Percy, Ihr heutiges Betragen hat mir missfallen. Ich habe Ihnen die Wirtin eines reichen Hauses zu machen aufgetragen und wünsche, dass Sie es für Ihre Pflicht halten, meine Gäste gut zu behandelnalle meine Gäste." – Eine allgemeine Stille herrschte, und mein Vater verliess das Zimmer. Nun brachen meine Klagen aus. Miss Julie unterstützte mich und wagte es, meines Vaters Forderung lächerlich zu finden. Miss Mortimer sprach in ganz verschiedenem Tone; sie bewies mir alles Ernstes, dass er ein Recht zu ihr habe, besonders aber, wenn es einen Mann von Herrn Maitlands Wert beträfe, sei sie höchst billig. Ich lachte eben so höhnisch wie übermütig auf. Von Herrn Maitlands Wert? Mein Vater und Miss Mortimer wünschen wohl gar, dass es mir gelingen möchte, des Gliedermannes Eroberung zu machen! rief ich aus. – Miss Julie bewunderte meinen Einfall mit lautem Gelächter. "Herrn Maitlands Eroberung?" wiederholte Miss Mortimer und sah mir mit ruhigem Ernst ins Gesicht; nein, wahrlich, liebes Kind, so weit versteigen sich meine Erwartungen nicht; Herrn Maitland! rief sie nochmals, indem sie, wie im Selbstgespräch, auf ihr Strickzeug sah, nein, das wär' ein abgeschmackter Einfall.

Bei diesen Worten fühlte sich meine Eitelkeit gekränkt. Ich bildete mir ein, Herr Maitland würde doch nicht der erste Hagestolz sein, der eine siebzehnjährige Erbin unterjochte, und es entstand die Lust in mir, meine Macht zu versuchen. Bei Herrn Maitlands nächstem Besuch bemühte ich mich ihn in ein Gespräch zu ziehen; es gelang mir sehr gut; allein ich nahm nach einer halben Stunde wahr, dass ich in dieser ganzen Zeit weder Unsinn gesagt, noch dessen gehört hatte. Ein zweiter Versuch lief eben so ab; – um seine Aufmerksamkeit zu fesseln, musste ich vernünftig sein. – Nach einem dritten, der nicht besser gelang, gab ich meine Bemühungen auf, überzeugt, dass Herr Maitland gar keiner Anerkennung von Liebenswürdigkeit, noch einiges Einflusses derselben auf sein Herz fähig sei. Dessen ungeachtet schritt unsre Bekanntschaft fort; wenn es mir an andern Gesellschaftern gebrach, konnte ich eine halbe Stunde ganz angenehm mit ihm verplaudern. Er war gelehrt, es fehlte ihm nie an Gegenständen seiner stets ernsten Unterhaltung; sein Ausdruck war oft spruchreich und ward durch seine leise, ruhige stimme noch anziehender. Seine Steifheit, mit der er zu viel Höflichkeit verband, als dass sie wie Stolz hätte aussehen können, und zu viel festes Wesen, um durch sie schüchtern zu scheinen, nahm den Charakter nationeller Zurückhaltung an, und seine Bekannten waren ihr nicht mehr abgeneigt, wenn sie ihn vermocht hatten, sie gegen Einen von ihnen abzulegen. Mich schmeichelte es nicht wenig, da ich bemerkte, dass sie sich gegen mich verlor, indess er sie gegen Miss Arnold fortsetzte, um so mehr, da sein ganzes Wesen mir den Begriff strenger Redlichkeit, die von keinem äussern Vorzug gebeugt wurde, einflösste. Diese mir erteilte Auszeichnung ward hingegen von dem Vorzug, den er fortwährend Miss Mortimer erzeigte, völlig aufgewogen, ja mein Bewundrungshunger war so gross, dass ich mich durch diesen Vorzug, obschon Herr Maitland über dreissig Jahr alt schien, zu zeiten wirklich gequält fand.

Seine Besuche wurden gegen das Ende unsers Aufentalts in Sedly Park häufiger; allein weder seine Gesellschaft, noch die mehrerer anderer, mir viel wohlgefälligerer Männer, konnte meine Ungeduld, in die Stadt einzuziehen, vermindern. Endlich hörte ich, dass Lady Maria de Burgh schon jetzt als die herrschende Schönheit des Winters anerkannt sei. Ich stand bei Anhörung dieser Nachricht eben vor einem grossen Spiegel; mit einem zuversichtlichen blick auf meine Gestalt gedachte ich der Miniaturreize meiner Nebenbuhlerin und flog zu meinem Vater, ihn um die Beschleunigung seiner Abreise zu bitten. Er hatte sie aber schon auf den vierzehnten Jenner angesetzt, und bis dahin musste ich meine Ungeduld zähmen.

Ein glänzender Ball bei der Gräfin *** sollte mich endlich in die grosse Welt einführen. Nach einer lang besprochenen Wahl, ob mein Putz an diesem wichtigen Abend reich oder einfach, leicht oder prächtig sein sollte, bestimmten mich die kostbaren Diamanten meiner Mutter, die mein Vater, mit manchen neuen vervollständigt, aufs glänzendste hatte fassen lassen, und die günstige Meinung, die ich von der Höhe meines Wuchses besass, das Letztere zu wählen. Strahlend von Juwelen, Jugend und Erwartung, trat ich zur Stunde des Balls in das Besuchzimmer, wo nebst mehrern Herrn, die sich an mein Gefolg zu reihen gedachten, Herr Maitland mich als mein Begleiter erwartete. Allgemeiner Beifall empfing mich; allein er gnügte mir nicht, bis ich Herrn Maitland, den Miss Julie auf die Schönheit meiner Juwelen aufmerksam machte, sagen hörte: "wer Miss Percy erblickt