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mich Juliens Zustand auf, mich mit ganz andern Dingen zu beschäftigen. Da ich einen Arzt für sie zu Rate zu ziehen gedachte, fiel mir der Mann ein, der in meinem fürchterlichen Verwahrsam sich meiner so tätig angenommen, und, durch sein Betragen gegen mich von seiner Menschlichkeit überzeugt, liess ich ihn um einen Besuch bitten. Er kam ungesäumt, freute sich ohne viele Worte über meine blühende Gesundheit und ging sogleich auf den Zweck seiner Einladung los. Während er Julie befragte, beobachtete ich ihn wohl und nahm wahr, dass er ihren Zustand für hoffnungslos hielt; indess sie mit dem traurigsten Selbstbetrug ihm die Beobachtungen, die er selbst machte, abstritt. Er verliess sie, ohne eine Verordnung zu machen. Ich folgte ihm aus der Tür und fragte, ihn aufhaltend: "Haben Sie mir gar keine Anweisung für die Kranke zu geben?" – "Gar keine, als sie treiben zu lassen, was sie noch freut. In weniger wie einer Woche ist es mit ihr vorüber." – Kaum hatte er diese fürchterlichen Worte ausgesprochen, so hörte ich einen schweren Fall, und wie ich in das Zimmer zurückflog, lag Julie besinnungslos am Boden. Sie hatte aus des Doctors Betragen und meinem Eifer, ihn zu begleiten, Verdacht geschöpft, hatte die Tür leise geöffnet und unser Gespräch leise behorcht. Das über ihr Leben ausgesprochne Urteil hatte sie der Besinnung beraubt; mühselig brachten wir sie ins Leben zurück. Ach, sie begrüsste es mit dem wehklagenden Geschrei: ich soll sterben, ich soll sterben! und alles Zureden, allen Trost von sich weisend, wiederholte sie, deren armer Kopf nun weiter keinen Gedanken zu fassen fähig war, unaufhörlich diese Worte, bis die erliegende natur ihr in einem unruhigen Schlummer Stillschweigen gebot.

Auch mir war heute der Schlaf eine willkommene Wohltat, so dass mein letzter Gedanke, ehe er mich in süsse Vergessenheit hüllte, ein herzlicher Dank war, dass der kleine Knabe heute nicht, wie es wohl oft der Fall war, durch sein Weinen meine wenigen Ruhestunden verkürzte. Bei meinem Erwachen fand ich Julie so still, und sie lag so unbeweglich, dass ich mich mit Aengstlichkeit ihrer Atemzüge versicherte. Zu meinem Erstaunen schien sie, ohne mich zu rufen, schon eine Weile gewacht zu haben. Sobald sie mich aber erblickte, fragte sie mit einer Art Gleichgültigkeit: "Hat denn der Doctor *** den Ruf eines geschickten Mannes? Er schien von meiner Krankheit gar nichts wahrzunehmen, als was ich ihm selbst sagte, und das missverstand er dennoch ganz und gar." – Die Beharrlichkeit, mit der sie auf ihrer Selbsttäuschung bestand, war mir unendlich schmerzlich; ich wiederholte meine gute Meinung von des Arztes Geschicklichkeit und setzte hinzu, dass sein Urteil eigentlich aber gar nichts bestimme. Wenn sie das, was ihr vor ihrem Ende zu tun übrig bliebe, gewissenhaft vollbringe, sei es ja ziemlich gleichgültig, ob er dieses fern oder nahe hielt. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer: "Sie haben recht. Kommen Sie neben mein Bett, ich will Ihnen einen Brief an meinen Bruder dictiren." Ich willfahrte ihr, sobald es mein kleiner Haushalt vergönnte, und darauf sagte sie mir einen Brief in die Feder, über dessen klarheit und Zweckmässigkeit ich erstaunte. Sie nannte und bezeichnete die Personen, welche in ihrer Sache zu ihren Gunsten zeugnis geben konnten, und nahm Herrn Arnolds herrschende leidenschaft höchst geschickt in Anspruch, indem sie ihm begreiflich machte, dass er, sobald die Legitimität von seinem Neffen erwiesen sei, als Oheim und natürlicher Vormund, nach Lord Glendowers tod mit der Verwaltung des gänzlichen Vermögens von fünfundzwanzig tausend Pfund Einkünften beauftragt werden müsse. Mit unruhigem Rückblick auf mich selbst sah ich hier ein neues Beispiel, wie klar wir Andrer Fehler einsehen, indess wir über die unsern in steter Täuschung verbleiben. Ich hoffte, dass sie die Kräfte, welche ihr ein erquickender Schlaf schien gegeben zu haben, nun auch zu einem noch viel ernstern Geschäft, als die zeitliche Wohlfahrt ihres Kindes zu begründen, anwenden würde; ich hoffte, sie würde ihrem Bruder über dessen Erziehung etwas sagen, würde einen kräftigern Zuspruch, wie den meinen, über ihre nächste grosse Zukunft verlangen; – aber die flüchtige Helle ihres Geistes war schon vorüber; ehe der Brief noch geschlossen ward, schweiften ihre Gedanken ab, und ein halb träumender Zustand machte sie zu jedem Nachdenken unfähig.

Meine nächste Beschäftigung war nun, die Zeichnungen zu meiner mir aufgetragnen Arbeit zu entwerfen. Leider war Frau Campells Töchterchen heute durch Hausarbeit verhindert, mit dem kleinen Glendower zu spielen, es blieb mir daher nichts übrig, als ihn mit der einen Hand auf meinen Knien zu halten, ein Körbchen mit den bunten Abschnitzeln meiner Arbeit vor ihm, in welcher er unruhig umherwühlte, indess ich mit der andern Hand den ersten Entwurf zu meinen Zeichnungen versuchte. In diesem Augenblick öffnete sich leise die Tür, und die Dame, bei der ich mich gestern vorgestellt hatte, trat mit einer jüngern ein, die auf den ersten Anblick meine Aufmerksamkeit fesselte. Sie hatte eine majestätische, im schönsten Ebenmass gebildete Gestalt; ihre Haut, wenn gleich von der Farbe, die sich zu braunem Haar paart, war durchsichtig, und wenn gleich für die kränkelnde Zarteit einer londner Schönen zu hoch gefärbt, gewann sie durch das Rot der Gesundheit ihrer Wangen. Ihre schwarzen, etwas grade gezeichneten Augenbraunen lagen nahe über so dunkeln, leuchtenden Augen, dass ihre