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arme Kranke zu suchen. Bisher hatte ich geglaubt, meine geringe Einsicht in ihr Uebel könne mich hinlänglich bei dessen Behandlung leiten; allein jetzt war mir die Möglichkeit ihres Todes, bevor sie ihre Gefahr eingestehe, bevor sie ihre Gedanken zu der grossen Verwandlung gesammelt, nahe getreten, und ich dankte Gott für die Aussicht, durch die mir aufgetragne Arbeit einen hinlänglichen Erwerb hoffen zu dürfen, um sogleich einen Arzt für Julie zu bestellen. Diese Betrachtungen hatten meine Abneigung gegen den mir bevorstehenden Besuch gänzlich vertilgt, so dass ich mich, zwar sehr schüchtern, aber freudiges Mutes auf den Weg gemacht hätte, wäre mir nicht eine neue quälende notwendigkeit klar geworden. Die aufgetragne Arbeit sollte mir einen reichern Gewinn geben, allein sie erforderte auch längere Zeit, und mein Bedürfniss verlangte einen täglichen Zuschuss; ich sah mich also notgedrungen, von meiner neuen Wohltäterin einen teil der Bezahlung imvoraus zu erbitten, um so mehr, da ich Stoff zu dieser Arbeit einkaufen mussteeine unerschwingliche Ausgabe in meinem verhältnis. Doch da mir meine Vernunft sagte, dass ein grosser teil Arbeiterinnen in diesem Fall sein dürften, und eine solche Forderung mit Almosenheischen nichts gemein hätte, überwand ich meine Scheu und trat ziemlich gefasst in das Haus. Man wies mich zu einer ältlichen Frau von sehr angenehmem Aeussern; der angemessne Ernst in ihrer Kleidung, ihre Haltung forderten die ihrem Alter gebührende Ehrerbietung, wobei doch die Güte und Heiterkeit ihres Wesens die Jugend anziehen musste. Sie empfing mich mehr wie höflich und begann sogleich ein Gespräch mit mir, dem sie eine so leichte Wendung zu geben wusste, dass ich alle Verlegenheit ablegte. Bald nahm ich wahr, dass der günstige Eindruck gegenseitig sei, was mich nicht weiter wunderte, da die Dame mir einen Wink gab, dass die gute witwe Campell ihr in der Dankbarkeit ihres redlichen Herzens von mir erzählt hatte. Erst nach einem langen Gespräch kam sie auf die schonendste Weise auf meine Arbeit zu sprechen, verabredete die Darstellungen, welche ich auf den Fächern anbringen sollte, mit so viel Geist wie Geschmack, und gab mir sehr verbindlich zu verstehen, dass ich den Preis ganz nach meiner Mühe ansetzen sollte. Jetzt war nun der Augenblick gekommen, wo ich mein Gesuch anbringen sollte; aber eben darum, weil mich diese Frau nach so langer, langer Zeit wieder auf den Platz gesetzt hatte, für den meine ehemalige Bildung mich bestimmte, fand ichs um so schwerer, auch sogleich wieder zu der Rolle der Geldbedürftigen herabzusinken. Der Mut verliess mich, ich ward stumm und zerstreut, meine Zunge versagte mir ihren Dienstaber dann fiel mir Juliens elender Zustand ein, die notwendigkeit, mir selbst Mittel zur Arbeit zu verschaffen, und ich stammelte: "ich hätte wohl um eine Gunst zu bitten ..." aber mehr hervorzubringen, war mir unmöglich. Die edle Frau sah mir fragend ins Gesicht, fasste meine Hand und sagte: "Ich wünschte, Sie sähen mich als eine alte Bekannte an; mir ist es wirklich zu Sinn, als habe ich Sie schon in der Wiege gekannt." – Vor so viel Güte schwand meine Widerspenstigkeit; "ja", rief ich mit hervordringenden Tränen, "Sie sind gütig, ich sehe, Sie sind es; und ich sollte nicht diese Zurückhaltung fühlen ... ich sollte gestehen, dass mich die äusserste notwendigkeit antreibt ..." Hier schwieg ich wieder; aber die Dame hatte ihren Geldbeutel schon in der Hand: "Ich sollte Ihnen schmälen", rief sie freundlich, "denn Sie flössen mir den Verdacht ein, zu denen zu gehören, die Gottes Güte nur dann erkennen wollen, wenn er sie unmittelbar in ihre eignen hände legt." – Der Vorwurf tat mir weh. Ich fand die Sprache wieder und sagte ihr, worin eigentlich meine Forderung bestanden hätte; aber im Sprechen erkannte ich, dass ihr Vorwurf doch einigen Grund hätte, und setzte hinzu: "Doch schmälen Sie nur, ich habe es einigermassen verdient, denn mir fehlt immer noch die Demut, mit der jede Gabe Gottes von einem armen geschöpf, das sie so oft nicht verdient hat, angenommen werden sollte." Die Dame schien meine Art und Weise ganz zu verstehen: sie gab mir nun so viel und auf die Bedingungen, wie ich es wollte, ohne mir mehr aufzudringen. Bei meinem Abschied fragte sie nach meinem Namen, den ihr Frau Campell, meinem Verbot zufolge, nicht genannt hatte. Ich errötete über meine immer wieder auftauchende Eitelkeit und sagte: "Es war wieder eine Schwäche von mir, ihn zu verschweigen. Ich weiss, Ellen Percy ist dadurch nicht beschimpft, dass sie durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwirbt." – "Percy!" rief die Dame, als wenn sie sich plötzlich an etwas erinnerte. "Aber Frau Campell sagte, Sie hätten in Schottland gar keine Bekanntschaften. – Kaum die allerentfernteste." – "So können Sie es doch nicht sein, von der sie sprachen" – sagte sie wie im Selbstgespräch, indem sie sich zu ihrem Schreibtisch wendete, wo offne Briefe lagen, gleichsam als deute sie auf den Inhalt. Gern hätte ich um eine Erklärung gebeten; allein da die Dame nichts hinzusetzte, war ich zu schüchtern und begab mich, sehr neugierig, hinweg. Hätte ich Zeit gehabt, so möchte ich mich wohl mit Erraten und Luftschlössern beschäftigt haben; von diesem Zeitvertreib hatte mich aber die ernste Wirklichkeit ziemlich geheilt, und jetzt forderte