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ihr Beruf hinführte, anbieten möchte. Dieser Entschluss kostete mir unaussprechlich viel. Frau Campell war bisher keineswegs von meiner Lage unterrichtet; nicht dass ich mich schämte, arm zu sein, oder um des Unterhalts willen zu arbeitenich hätte mich für glücklich gehalten, hätte ich, so wie diese wackre Frau, auf Wochen hinaus gewusst, wer mir meine redliche Anstrengung bezahlen wollte; aber dieses Anbieten bunten Spielwerks, das der vernünftige Tagelöhner ohnehin mit Geringschätzung als ein Bedürfniss des müssigen Reichen ansehen muss, schien mir dem Betteln so ähnlich zu sein, dass ich fürchtete, Frau Campells Meinung von mir würde dadurch leiden. Schwer liess sich mein widerspenstiges Herz beschwichtigen, und mit einem Herzklopfen, das mir den Atem benahm, bat ich meine gütige witwe, den Auftrag zu übernehmen. Sie war herzlich geneigt dazu, tat mir eine Menge fragen über den Gebrauch, den Preis der Waare, die mehr ihren guten Willen, als ihre Fassungskraft bewiesen und mich an Cecile Graham erinnerten, deren natürlicher Scharfsinn mir gewiss diese peinlichen Einzelnheiten erspart hätte. Schliesslich band ich ihr aufs dringendste ein, in ihrem Ausbieten der Waaren nicht zudringlich zu sein und meinen Namen streng zu verschweigen.

Den ersten Tag brachte sie meine armen Künsteleien, ohne ein Stück verkauft zu haben, zurück, und ich musste sie, um für den heutigen Tag leben zu können, um einen sehr herabgesetzten Preis meinem ehemaligen Kaufmann überlassen. Den zweiten Tag glückte es besser: sie verkaufte ein kleines gemaltes Körbchen teurer, als ich es angeschlagen hatte, ja sie überbrachte mir zugleich von Seiten der Käuferin die Bestellung, ein ganzes Dutzend Caminfächer zu verfertigen. Man wünschte sie so niedlich wie möglich, ohne mir einen Preis vorzuschreiben; die Dame machte mir nur die einzige Bedingung, dass ich selbst zu ihr kommen möchte, um die Arbeit mit ihr zu verabreden. Diese war mir sehr peinlich; in der Lage, wo ich mich befand, konnte ich sie aber nicht abschlagen. Die arme Julie war über unser gutes Glück kindisch entzückt. "O nun bekomme ich das Glas Burgunder, um das ich Sie schon zwei Tage lang vergeblich gebeten!" – Seit zwei Tagen weigerte sie sich hartnäckig, unsre einfache, doch leichte Nahrung zu geniessen, und klagte Tag und Nacht, dass sie vergeblich nach dem einzigen Labsal lechze, welches ihrem kranken Körper Kräfte zu geben vermöchte. Bei dem Fieber, das sie verzehrte, bei dem Husten, der ihr ganzes Wesen erschütterte, konnte Burgunder kein angemessner Genuss für sie sein; mein weniges Geld reichte auch nicht hin, ihn zu kaufen, und wenn ich diese Ausgabe erzwungen hätte, war ich gewohnt, dass kranker Ekel ihr jede noch so ersehnte Befriedigung, sobald sie ihr gewährt wurde, widrig machte. Notgedrungen und aus überlegung hatte ich ihrem Verlangen nach diesem Glas Burgunder widerstanden und sagte auch jetzt: "Liebe Julie, wir müssen auf etwas Anderes zu Ihrer Labung denken. Alles Geld, das wir besitzen, reicht, wenn wir die morgen an Frau Campell zu bezahlende Miete abziehen, nicht hin, Burgunder zu kaufen." – "Frau Campell kann warten; die braucht das Geld nicht so dringend." – "Liebe Freundin, wenn man jeden Tag nur für den Tag erwirbt, kann man nicht Schulden machen; man hat kein Recht dazu, weil der Tag, wo man bezahlen könnte, vielleicht nie herbeikommt." – "O so eine kleine Schuld! aber ich weiss wohl, ich habe nicht das Recht, solche Opfer von Ihnen zu verlangen. Ich habe es nicht um Sie verdient; aber um meines armen Kindes willen, das ohnehin bald eine Waise werden muss ..." Hier unterbrach sie sich selbst und weinte fort. Mir zersprang fast das Herz vor Wehmut und Unwillen. Der letzte, weil ich aus hundertfacher Beobachtung wusste, dass sie nie an den Tod dachte, und der traurige Schluss ihrer Rede nur mich erweichen sollte. fest entschlossen, auf meiner wohlbegründeten Weigerung zu bestehen, begab ich mich, ohne ihr zu antworten, hinweg. Nachdem ich ein paar Stunden, an Frau Campells Küchenfenster sitzend, gearbeitet hatte, kehrte ich in mein Zimmer zurück, wo ich zu meinem Befremden Julie an der Tür begegnete, die mir entgegen rief: "Ach, ich dachte, Sie kämen nie wieder! Wo ist der Wein?" – "Liebe Julie", antwortete ich, untröstlich über ihre Beharrlichkeit, "ich kann Ihrer Forderung nicht genügen."

Sie hatte sich eingebildet, mich überredet zu haben; die Fehlschlagung brachte sie jetzt dergestalt auf, dass sie durch das Weinen in einen Anfall von Husten geriet, der endlich einen Brustkrampf erregte, wodurch ihr Leben augenscheinlich zu erlöschen bedroht war. Frau Campell, die glücklicher Weise zu haus war, holte einen Apotekergesellen herbei, dem es gelang, durch einige Opiate den Krampf zu stillen; eine tödtliche Schwäche folgte ihm, die nach kurzer Zeit jedoch in einen ruhigen Schlaf überging. Während ich die Nacht an ihrem Bette verwachte, dachte ich mit Schauder an die Vorwürfe, die ich mir würde gemacht haben, wenn Julie in diesem durch meine Schuld veranlassten Anfall den Tod gefunden hätte. Mein Verfahren konnte ich nicht tadeln, es war die Frucht eines schweren Siegs der Vernunft über meine Weichheit; allein die schnelle hülfe, welche "des Doctors", wie ihn meine witwe nannte, einfache Arznei gewährt hatte, machte mir die notwendigkeit einleuchtend, ärztliche hülfe für die