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, erlaubte ich mir nicht die kleinste Ermahnung, ihre üblen Gewohnheiten zu überwinden; allein die Unzufriedenheit, welche Müssiggang und Beschränkung nach sich ziehen, blieb bei ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigentümliche böse Laune vermehrt. Gegen mich liess sie dieselbe nicht aus, aber das war ein bittrer Zwang, den sie sich auflegte; denn so zart ich sie behandelte, hielt sie sich doch oft für verletzt und konnte sich der überzeugung dann nie erwehren, dass ich sie für ihr früheres Verfahren gegen mich büssen lassen wolle. Bald gesellte sich zu dieser übeln Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost, welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte. Ihre kranke Esslust sehnte sich täglich nach einer andern Nahrung, von der sie jedes Mal Erleichterung, wenn nicht gar Heilung hoffte. Ich entzog mir das Notwendige, um ihr das Mögliche von diesen erträumten Leckerbissen zu verschaffen, allein ihr blosser Anblick flösste ihr meistens schon wieder Ekel ein.

Ich hatte sie oft an die notwendigkeit erinnert, die Rechte ihres kleinen Knabens durch eine gesetzliche Aussage vor einem Advocaten zu sichern. Da sie dieser Schritt an die Feierlichkeit eines Testaments erinnerte, weigerte sie sich beständig ihn zu tun, versichernd, dass es, sobald sie ganz hergestellt wäre, ihr erstes Geschäft sein sollte. Nun war sie schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr fähig, das Zimmer zu verlassen. Ich nahm wohl wahr, dass sie sehr gern einen Mietwagen zu einer Spazierfahrt hätte haben mögen, allein meine Mittel litten das nicht; und so weh es mir tat, beharrte ich ihre Winke nicht zu verstehen. List und Langeweile gaben ihr endlich ein, die Schritte, die sie zum Besten ihres Kindes tun sollte, zur Befriedigung ihrer sehnsucht nach einer Spazierfahrt zu benutzen. Sie kündigte mir an, dass sie einen Wagen haben müsse, um endlich ihre Geschäfte bei einem Advocaten zu besorgen. Es war ein nasskühler Tag nach einem heftigen Gewitter; ich stellte ihr die übeln Folgen vor, die es für ihre Gesundheit haben könnte, wenn sie, die der Luft jetzt entwöhnt sei, grade heute sich ihr aussetzte. Ihre Antwort legte mir durch die dienstbare Demut, mit der sie oft, um meinen Widerspruch zu entkräften, "meiner Wohltaten" erwähnte, Stillschweigen auf; ich wendete also den Erwerb zweier eifrig in Arbeit hingebrachten Abende darauf, ihr einen Mietwagen herbeizuschaffen, und war doch herzlich froh, wie sie mit der schriftlichen Begutachtung des Rechtsgelehrten zurückkam, dass ihre Beweisgründe sie sehr wohl in Stand setzten, eine Klage gegen Lord Glendower zum Besten ihres Sohnes zu führen. Doch diese Ausfahrt zog alle die Uebel nach sich, welche ich für die arme Kranke gefürchtet hatte. Ihr Husten und ihr Fieber nahmen in einem furchtbaren Grade zu, und zugleich ihre fantastisch umherschweifende Esslust, die bei ihrem zunehmenden Leiden in der Befriedigung eines jeden neuen Einfalls ein Labsal erwartete. Zu allen diesen Bedrängnissen gesellte sich jetzt noch die Erklärung des Kaufmanns, der mir bisher meine arbeiten bezahlt hatte: dass ich sie wohlfeiler geben müsse, als bisher, weil sich zu wenige Käufer dafür fänden. – Wohlfeiler, wie bisher, wo ihr Lohn kaum meine dringendsten Bedürfnisse gedeckt hatte! – Das war, ohne zum Hungerleiden gebracht zu werden, nicht möglich. Wie unmöglich es sei, einen andern Erwerb zu finden, hatte ich aus eigner Erfahrung gelernt; wenn dieser mir gebrach, war ich dem Verderben dahingegeben. Bei den Obliegenheiten, die ich gegen Julie übernommen, war es mir sogar unmöglich geworden, einen Dienst als Stubenmagd zu suchen; denn wer sollte sie pflegen? wer ihren armen Knaben, an den das innigste Wohlwollen mich band? Unentschlossen und trostlos wandelte ich nach haus. Der Abend brach ein, ich fand Julie eingeschlafen und blieb, ihren kleinen Sohn durch leisen Gesang still erhaltend, an dem Fenster sitzen. Der Mond spiegelte sich mit mattem Strahl in den grossen blauen Augen des blassen, sanften Kindes, es sah so vertrauend und doch so wehmütig zu diesem Nachtgestirn auf, das so oft meine Tränen beleuchtet hatte. Auch jetzt flossen sie langsam und einzeln über meine angstglühenden Wangen. Ach in solchen Stunden "gehen die Geister unsrer Sünden vor uns vorüber!" Ich hatte nun zu viel gelernt, um mich gegen meinen himmlischen Vater zu empören, und die Erinnerung meiner frühern Torheiten verwies mich auf das dringende Bedürfniss der strengen Schicksalsschule, in der ich mich befunden. Das war ein trauriger, mutloser Abend! Doch er ging vorüber und die Stunde kam, wo es dem mit Gott befreundeten Gemüt täglich durch den gang der natur, so nahe, so überzeugend nahe gelegt wird, dass sein Schicksal in einer höhern Hand ruht. Sollten wir ohne diesen Gedanken uns je der süssen Hülflosigkeit des Schlafes hingeben dürfen? Erneut er uns nicht jeden Abend den Beweis, dass wir durch die natur unsers Daseins genötigt sind, einen so grossen teil unsers Daseins hindurch ihm widerstandslos zu vertrauen, und sollte nicht jeden Morgen mit unserm Bewusstsein der Gedanke erwachen, dass eine höhere Hand uns geschützt hat? – Hülflos und ratlos warf ich mich diesen Abend mit unbedingter Zuversicht an Gottes Vaterherz und erwachte am Morgen mit gestärktem Mut und dem heiligen Vorsatz, heute jeden, auch den bittersten Schritt zu tun, um mich aus meiner Not zu erheben.

Das einzige Mittel, das ich zum vorteilhaftern Verkauf meiner arbeiten und vielleicht zu sicheren Bestellungen hatte ersinnen können, war, die gefälligkeit unsrer Hausfrau anzusprechen, dass sie solche in den Häusern, wo sie