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dass es bei weitem das zierlichste war, welches ich mir aus eignen Mitteln zu verschaffen je fähig gewesen! Es war freilich niedrig, mit dunkeln, wollnen Tapeten behangen, aber mit gutem Hausrat und einem Bette versehen, dessen reine Wäsche dem ekelsten Geschmack genügt hätte. Julie liess mich ohne Widerstand für ihr armes Kind sorgen, das vielleicht seit mehrern Tagen nicht so vollständig, wie heute, gesättigt, reinlich gewaschen, und in einen reinen Bettüberzug, den ich von Frau Campell entlehnt, warm eingewickelt, zu den Füssen seiner Mutter ruhig fortschlief.

Während sich meine arme Gefährtin einem unruhigen, doch dem Anscheine nach tiefen Schlaf ununterbrochen überliess, überdachte ich meine Lage. Sie war durch die Verhältnisse, in welche ich nun mit Julie geraten war, furchtbar verschlimmert worden; doch die Verbindlichkeit, diese Unglückliche der Verwilderung und dem Elende zu entreissen, war mir so heilig, dass mir kein Gedanke aufstieg, so lange sie so hülflos sei, mich von ihr zu trennen. Ich war gesund, ich hatte Tätigkeit und ein unbeflecktes Gewissen. Mit demutvoller Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzüge als Aufforderung und Mittel, für meine hülflose Kranke zu sorgen. Dieser Mittel waren sehr wenig: fürs Erste zeigte sich der Erwerb, über welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann verabredet hatte, und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu teilen. Ich erinnerte mich, dass ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondre Leichtigkeit gehabt hatte, zierliche Spielwerke zu erfinden, und hoffte sogar, dass diese Gattung von Arbeit, indem sie ihrem Geschmack angemessen wäre, zu ihrer Ermunterung beitragen sollte. Die Gegenwart des armen Kindes, das sie mir zubrachte, bekümmerte mich nicht sehr; die herzliche Freundlichkeit, mit der Frau Campells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten, und die Hoffnung, welche mir sein gesunder Schlaf gab, es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald erstarken zu sehen, halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben entwerfen, wenn ich Frau Campell, mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen, bewegen könnte. Eine andre Weise, Julien zu unterstützen, konnte ich nicht ersinnen. Was ich ihr allmälig von meinem Erwerb mitteilen konnte, würde nicht hingereicht haben, sie zu unterhalten, und meinen ernsten Zweck, ihr Kind wohl verpflegt zu sehen, konnte ich damit gar nicht erreichen; denn nach allem, was ich von der Unglücklichen vernahm, ward es mir klar, dass ihre Mutterliebe nicht von der Art war, ihre Tätigkeit, selbst da, wo ihre Kräfte hinreichten, für ihr Kind zu verwenden.

Sobald ich es in der Küche meiner guten witwe laut werden hörte, begab ich mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor. Da sie den lebhaften Wunsch hatte, mich zu verbinden, und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte, wurden wir sehr bald des Handels einig. Meine nächste sorge war nun, meine wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen. Julie hatte nichts dagegen, doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht, die sie bei meinem Weggehen befiel, und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte, rief sie mich zurück und reichte mir ihr Kind, mit der Bitte, es mitzunehmen, weil sie heute nicht im stand sei es in die freie Luft zu bringen. Ich durchschaute sie sogleich. Sie wollte mir das arme geschöpf als ein unvermeidliches Hinderniss, von ihr entfernt zu bleiben, aufdringen. Dieses Misstrauen nach dem, was ich gestern für sie getan, in dem Augenblick, wo sie Zeugin meiner Abrede für alles, was zu ihrem Besten getan werden konnte, gewesen war, erfüllte mich mit Abneigung. Ich war im Begriff, sie lebhaft zurückzuweisen, aber ein blick auf ihr entstelltes Gesicht, ihre hinfällige Gestalt entwaffnete mich: ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres Verdachts vor, suchte sie von dem Bedürfniss zu überzeugen, das mich antrieb, Gottes Gebot gemäss gegen sie meine Pflichten zu erfüllen, und eilte meinem Geschäfte nach. Sobald ich mein kleines Gepäck von Frau Millner fortgeschafft hatte, kaufte ich von dem wenigen mir übrigen Gelde zuerst die unentbehrlichen Bedürfnisse für den gegenwärtigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der Kästchen, Beutelchen und Nadelkistchen, die ich bei dem Kaufmann anzubringen hoffte. Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war, machte ich mich an die Arbeit. Ach es ist unendlich peinlich, mit recht schwerem Herzen eine Beschäftigung zu treiben, die uns wohl einst zum Spiel der Fantasie, zur Ausfüllung müssiger Augenblicke gedient hat! Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte, die fantastischen Figürchen malte, beneidete ich manchmal Frau Campells kleine Marte, die an ein paar groben Soldaten-Socken strickte, und noch mehr den Kohlenträger, der, seines täglichen Gewinnes sicher, unter seiner Last schweigen, oder ein lustiges Stückchen pfeifen konnte, je nachdem es ihm gefiel. Allein die Not musste hier der begeisternde Genius sein, und das fromme Bewusstsein, unter Gottes Segen zu arbeiten, machte es mir alle Tage leichter. Juliens hülfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschäft. Das Unglück hatte in ihr keine Kräfte entwickelt, und körperliche Schwäche würde ihr jetzt die Ausführung mit festem Willen sehr erschwert haben. Sie fing manche Arbeit an, unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite. Ich musste froh sein, wenn ich Mittel fand, eine und die andre Unternehmung zu beenden; oft sah ich mit Bekümmerniss die eingekauften Stoffe vergeudet, ohne irgend einen Vorteil daraus ziehen zu können. Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht übernommen hatte, für diese Unglückliche zu sorgen