Ich beschwor Miss Arnold mit leiser stimme, ihren Jammer zu mässigen, damit man uns nicht des letzten Obdachs, welches dieser Treppengang uns vielleicht für diese Nacht gewähren könnte, beraubte. Doch umsonst, sie fuhr fort zu stöhnen; doch ward ich, über die herannahende person ruhiger, da ich unerachtet der Dunkelheit, sie für ein Frauenzimmer erkannte. Sie ging über den Vorplatz und klopfte an die jener, von wo man Miss Arnold so unbarmherzig abgewiesen hatte, anstossende Tür, dann kehrte sie zu meiner Gefährtin zurück und fragte, was ihr fehle. – "Sie ist fremd, sie ist krank", sagte ich, mich ihr nähernd, "und der einzige Ort, wo sie diese Nacht Obdach finden könnte, ist zu weit, als dass sie ihn zu erreichen im stand wäre." – Jetzt öffnete sich die Tür, ein junges Mädchen trat mit einer Lampe heraus, mehrere freundliche Gesichter begrüssten die heimkehrende Mutter, ich erblickte durch die offne Tür die gewöhnliche Helle eines Caminfeuers in einer reinlichen, wenn gleich sehr beschränkten wohnung. – Ach, wie beneidenswert kam mir diese Frau vor! Ich betrachtete sie, die Lamve beleuchtete sie, ihre Züge schienen mir bekannt – sie war die witwe des armen Gärtners, der in Greenwich in meinem Beisein starb. – Sie sprach mitleidig mit Miss Arnold, da zog sie das kleine Mädchen beim Aermel und sagte leise: "Mutter, die sieht der guten englischen Dame ähnlich." Die Frau richtete ihre Blicke auf mich, konnte ihren Augen nicht trauen und rief: "Nein, das ist gar nicht möglich." – "Es ist nur zu möglich, liebe Frau Campell", sagte ich, "das wandelbare Schicksal hat mich nun zum Fremdling im land gemacht." – "So sind Sie es wirklich?" rief die witwe mit fröhlichem Lächeln. "Gott segne Sie! Sie werden mir nie ein Fremdling sein; treten Sie ein und ruhen Sie aus! und wenn Sie für die arme kranke person kein Unterkommen wissen, so sagen Sie ihr, dass sie auch herein komme!" –
Nur der einsame Wandrer, der, in Feindes Land geraten, unerwartet eine gastfreie Hütte sich eröffnen sieht, kann begreifen, mit welcher Freude ich diese Einladung annahm. Ich hob Julien vom Boden auf, führte sie in Frau Campells Zimmer und dankte Gott für die Zuflucht, die er uns so unverhofft bereitet hatte. Wir befanden uns in einem Gemach, das zugleich als Küche und Wohnzimmer diente; unsre Wirtin rückte einen grossen gepolsterten Armstuhl an das Feuer und lud mich ein, darin Platz zu nehmen. Julie, die vor Mattigkeit ganz zusammensinkend neben mir stand, zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich. "Der Platz gebührt meiner kranken Freundin, liebe Frau Campell"4, sagte ich, die arme zu ihm leitend, Lady Glendower ist vielleicht einst im Stand, Ihre Gastfreundschaft zu erkennen." – Ich wollte meiner armen Gefährtin durch diese Anerkennung ihrer Verhältnisse wohltun, wollte aber auch meine eigne Lage, die mich in einer so traurigen Gesellschaft aufgeführt hatte, in ein bessres Licht setzen. Mein Verstand hatte recht, meine Jugend und Vereinzelung bedurfte Beweggründe, um so ein verhältnis begreiflich zu machen, allein meine Eitelkeit mochte doch dabei nicht ohne alle Teilnahme sein. Sobald ich Julie unter diesem Namen eingeführt hatte, ward es mir leichter, bei Frau Campell anzufragen, ob sie dieselbe nicht aufnehmen könnte. Die gute Frau war sehr froh, mir dienen zu können, und das kleine Mädchen, dessen Schüchternheit allen meinen Versuchen, die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern, widerstanden hatte, bot nun ihrer Mutter leise an, ihr Bett der Fremden zu überlassen. Das war aber gar nicht nötig. Seit Frau Campell durch meine Beihülfe in ihre Heimat zurückgekehrt war, hatte es ihr, da sie eine geschickte Wäscherin war, nie an Erwerb gefehlt. Seit kurzem hatte ihr Bruder, ein wandernder Krämer, der Wittwer geworden war, sie gebeten, jetzt ihm hauszuhalten, und da dieser, auf mehrere Wochen abwesend war, bot sie Julien den Gebrauch seines Zimmers an.
Nun für meine Gefährtin gesorgt war, fing ich an wegen meines eignen Unterkommens bange zu werden. Mitternacht war beinahe herangekommen; ich war fast eine Stunde von Frau Millners wohnung entfernt; und ob ich gleich diese rohe Frau jetzt bezahlt hatte, so konnte ich doch nicht ganz sicher rechnen, von ihr aufgenommen zu werden. Doch mir blieb keine Wahl. Die Bitte, auch bei meiner guten witwe zu übernachten, schien mir zu anmassend; ich fürchtete damit ihre Gutwilligkeit gegen die arme Julie zu schwächen. Doch mich in dieser Nachtzeit allein auf die Strasse zu wagen, schien mir unmöglich, und so bat ich Frau Campell, mich bis zu meiner wohnung zu begleiten. Sobald Julie meine Absicht fortzugehen wahrnahm, überfiel sie der unbillige Gedanke, dass ich sie möchte verlassen und nicht wiederkehren wollen. Anfangs suchte sie durch die ängstlichsten Bitten, wie ich diesen aber vernünftige Vorstellungen entgegensetzte, durch das ungestümste Flehen mich davon zurückzuhalten. Die Nacht rückte unter diesem Streite fort, ich fürchtete, dass die Heftigkeit der Unglücklichen in meiner Abwesenheit ihre neue Hausfrau ermüden könnte, und erbot mich endlich, den Rest der Nacht an ihrem Bette zu wachen. Unsre gute Wirtin überliess alles meiner Willkür und führte uns sogleich unter den wiederholtesten Entschuldigungen, uns nicht besser bedienen zu können, in das uns bestimmte Zimmer ein. Ach sie wusste nicht,