. Meine Hausfrau warf mir mit pöbelhaftem Unwillen vor, eine Landstreicherin in ihr Haus eingeführt zu haben, die sie nicht darin zu dulden gedächte. Ich stellte ihr mit Fassung vor, dass diese wohnung, so lange ich sie gemietet habe, mein sei, und es von mir abhinge, ein unglückliches Frauenzimmer, die keineswegs von niedrigem stand sei, bei mir zu beherbergen. Mit diesen Worten wendete ich ihr den rücken und kehrte in mein Zimmer zurück. Zornig eilte die Frau hinter mir drein; "wenn das Ihre Zuversicht ist", rief sie übermütig, "so ist die Sache bald geendigt: Sie zahlen mir sogleich den rückständigen Zins, oder räumen das Haus augenblicklich, ohne durch dergleichen Gesindel dessen guten Ruf zu beflecken." Da ich, unfähig, meine Fassung aufrecht zu erhalten, nicht sogleich antwortete, wendete sich Frau Millner an Miss Arnold und befahl ihr, das Haus zu verlassen. Diese mochte wohl leider schon oft der Härte solcher Menschen nur Flehen entgegen zu setzen gehabt haben, denn sie bat wimmernd: "Erbarmt euch doch! ich habe ja nicht Kräfte, um nach haus zu gehen." Mir schnitt diese Erniedrigung ins Herz; ich rief ihr zu, sich nicht wegzuwerfen, sondern in meiner Begleitung sich sogleich auf den Weg nach ihrer wohnung zu machen. Bei diesen Worten zog ich meinen Beutel heraus, zählte nochmals die kleine Summe, welche ich aus meinem Kleide gelöst hatte, und warf Frau Millner ihren Mietzins auf den Tisch. Zu meinem Erstaunen fuhr Miss Arnold während dessen fort, mit Frau Millner um die erlaubnis, bei mir bleiben zu dürfen, mit einer Beharrlichkeit zu bitten, die mich empörte und mir erst im Verfolg erklärlich ward. Ohne auf die Hausfrau zu hören, die bei dem Anblick meines Geldes sehr besänftigt ward und mir versicherte, ihre wohnung sei mir nicht verweigert, wenn die Hausordnung ihr gleich auferlegte, sie Fremden zu verschliessen, ergriff ich Miss Arnolds Arm und zog sie mit mir fort. Sie folgte mir widerwillig und erschwerte sich selbst den Weg durch vergebliche Klagen über ihre Unfähigkeit, dessen Ziel zu erreichen. Es war Abend, ich zitterte vor der Aussicht, diesen langen Weg im Dunkeln allein zurückkehren zu müssen, ich zitterte, in der Gesellschaft meiner unglücklichen Gefährtin der Rohheit der Vorübergehenden ausgesetzt zu sein. Jedes Mal, dass sie, nach Atem ringend, stehen blieb, war mir bang, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf uns zu ziehen; ich sprach ihr Mut ein und erlag fast selbst beim Fortschreiten unter ihrer Last, da sie sich kraftlos auf mich lehnte, und der des armen Kindes, das wimmernd auf meiner Schulter lag.
Endlich hatten wir Miss Arnolds wohnung erreicht. Sie befand sich in den Mansarden eines Hauses, dessen verschiedne Stockwerke jedes für zwei Familien eingerichtet schien, also insofern viel besser, als Cecilens wohnung, gewesen war, die mit einer ganzen Kolonie auf demselben Boden gewohnt hatte. Julie klopfte zögernd, ein schmuziges, armseliges Weib öffnete behutsam, und ihr stellte mich Miss Arnold vor als ein Frauenzimmer, das ... Ich verstand, dass sie mich ihr als Mietsfrau vorschlagen wollte; allein das Weib hörte sie gar nicht an, sondern überschüttete sie mit Schimpfreden, aus denen mir klar ward, dass die Unglückliche schon lange bei ihr Schulden gemacht, und dann schloss sie die Tür mit erschütterndem Lärm vor uns zu. Starr von Schrecken, wendete ich mich zu meiner Begleiterin, die von Jammer überwältigt, auf die Stufen der Treppe gesunken war und kaum vernehmlich mir zurief: "O Ellen, bitten Sie für mich, bitten Sie! denn ich kann mich nicht weiter fortschleppen." – Ich klopfte von neuem an die Tür, entschlossen, mich der ganzen Härte der Hausfrau auszusetzen, um nur ein Obdach für meine unglückliche Gefährtin zu erhalten; allein es war vergeblich, sie öffnete sich nicht.
Es blieb mir nun nichts mehr übrig, als Julie zu ermutigen, dass sie noch einmal den Weg zu Frau Millner zurück machen möchte, überzeugt, dass diese Frau, nun sie bezahlt war, mir nicht versagen würde, diese eine Nacht eine Unglückliche zu beherbergen; allein die Erschöpfung des Körpers hatte sich auch der Seele mitgeteilt, Julie war keines Entschlusses fähig, sondern wimmerte hülflos: "ich kann nicht weiter; gehen Sie, verlassen Sie mich! ich verliess Sie ja, wie das Unglück über Sie einbrach, tun Sie, was ich an Ihnen verdient habe!" – Diese schrecklichen Worte gaben mir einen übernatürlichen Mut. – Uebernatürlich; denn Gott senkte ihn in der Gestalt des Glaubens in mein Herz. Ich wusste keinen Ausweg aus dem Abgrund der Hülflosigkeit, in dem ich mich versunken sah, weder für das zerschlagne geschöpf, das sich vor mir am Boden krümmte, noch für das weinende Kind, das vor Hunger oder Furcht auf meinen Armen bebte. Aber mit einer Zuversicht, als hörte ich den Fuss des Retters sich nahen, rief ich: "Nein, Julie, ich verlasse Sie nicht, und hülflos, wie wir sind, wollen wir nicht verzweifeln, sondern zu Gott beten, dass er sich unser erbarme." – Die arme war dieses Aufflugs des Geistes nicht fähig, sie antwortete mir nur durch dumpfe Klagtöne, aber das Kind fester in meine arme schliessend, wendete ich mich ab und bat Gott mit unaussprechlicher Inbrunst, uns eine hülfe zu senden.
Der Schall eines die Treppe heraufsteigenden schwerfälligen Schrittes schreckte mich jetzt auf.