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meinem Bruder, sei es von Fremden, war es ein Glück; und ... nach mancherlei Vorgängen, die mir klar bewiesen, dass mir gar nichts Bessres zu tun übrig blieb, entfloh ich mit Lord Glendower nach Schottland." – "O Julie! Lord Glendower war ja sein eigner Herr, er konnte ja heiraten, wen er wollte." – "Je nun, er wünschte es also. Und Sie wissen wohl, Ellen, wenn man liebt ..." – "Nein, Julie, das weiss ich nicht; allein ich habe durch meine eigne Torheit das Recht verloren, Ihnen über diesen Gegenstand Bemerkungen zu machen. Fahren Sie fort!" – "Wie wir hierher kamen, nahm ich leider wahr, dass er mich in der Gesellschaft nicht einführen wollte, und dass ich vor ihren Augen straffällig erschien. Ich durchschaute bald Mylords abscheulichen Plan. Zeugen konnte ich nicht gegen ihn aufstellen, aber ich hatte mich nach den schottischen Gesetzen über die Ehe erkundigt, und da weigerte ich mich, mit Lord Glendower die geringste Gemeinschaft zu haben, bis er nicht wenigstens die Leute, in deren haus wir wohnten, beredet hätte, dass ich seine rechtmässige Frau sei; nachher brachte ich es auch dahin, dass er mir ein Billet sendete, an Lady Glendower überschrieben; dessen Inhalt hatte gar keinen Wert, mir reichte aber die Ueberschrift aus. Ich war nun bemüht, die Leute um uns her aufmersam zu machen, dass er mich wie seine Gattin behandelte, und in Schottland ist das mehr wert, als zehn Trauscheine. Ein solcher will ja auch gar nichts sagen: was ein Paar unzertrennlich verbindet, ist eine Ehe vor Gott und Menschen. Nicht wahr, Ellen?" – "Wohl, arme Julie!" sagte ich, zwischen Mitleid und Widerwillen geteilt, "dazu gehört aber, dass beide Teile fest entschlossen sind, sich unwiderruflich zu verbinden." – Miss Arnold schlug einen Augenblick die Augen nieder, dann fuhr sie mit Zuversicht fort: "Nun ich diesen Punct gewonnen hatte, weigerte ich mich nicht, ihm nach einem Landhaus, das er in den Hochlanden gemietet hatte, zu folgen. Dort verweilten wir einige Monate und langweilten uns von ganzem Herzen. Im Winter kamen wir wieder hierher, und Glendower sprach davon, nach London zu gehen. Ich konnte ihn nicht begleiten und mochte es auch wirklich nicht. Der Mensch hatte sich dem Trunk in hohem Grade ergeben. Er liess mich also zurück, mit dem Versprechen, nach meiner Entbindung wiederzukommen. Aber er war nicht zwei Monate fort, so las ich in den Zeitungen, dass er sich mit Lady Maria vermählt habe. Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag. Aus Schrecken kam ich zu früh nieder und war gefährlich krank. Dennoch dictirte ich Briefe an Glendower und Lady Maria, in denen ich mein Recht dartat und erklärte, im Fall man es nicht beachtete, die gesetz zu hülfe rufen zu wollen. Ich schrieb oft, ehe ich eine Antwort erlangen konnte; endlich hatte Glendower die Frechheit, alle meine Ansprüche an ihn abzuleugnen; er war sogar so grausam, zu behaupten: die Zeit, wo mein armer kleiner Knabe geboren ward, widerlege zum teil meine Anklage." Bis dahin hatte Julie mit einem empörend gleichgültigen Ton erzählt, jetzt brach sie aber in Tränen aus, drückte das Kind an ihre Brust und rief recht innig: "Und so wahr mir Gott helfe, der Knabe ist Glendowers Sohn und, wie ich ernstlich glaube, sein einziger rechtmässiger Erbe. Könnte ich ihn in seine Rechte eingesetzt sehen, so forderte ich weiter nichts." Sie bemeisterte bald ihre Rührung und erzählte weiter. Lord Glendower, über die Misshelligkeiten aufgebracht, die ihre Forderung zwischen ihm und seiner Gemahlin erregt hatte, versagte ihr Unterstützung; sie wendete sich an ihren Bruder, der ihr sehr zornig antwortete: dass er genug für sie getan habe, da er ihr eine Erziehung geben liess, die sie in Stand gesetzt hatte, sich mit Ehren durchzuhelfen, nun aber weiter keine Verbindlichkeiten gegen sie zu haben glaubte. Zugleich schickte er ihr dreissig Pfund, die sie zu irgend einem kleinen Handel anlegen sollte. Dieses Geld reichte eben nur hin, sie aus dem Schuldgefängniss zu befreien. Sie behielt nichts übrig, verkaufte ihre Habseligkeiten, eine nach der andern, und war nun zu der gänzlichsten Entblössung herunter gebracht. Dazu kam noch ihre wankende Gesundheit – "dieser erschöpfende Husten", sagte sie, "und diese Schwäche, obgleich ich weiss, dass sie von gar keiner Bedeutung sind." – Bei diesen Worten konnte ich mich eines Schauders nicht entalten. Abzehrung blickte aus ihren tief liegenden Augen, sprach aus der dunklen, abgeschnittenen Röte ihrer hohlen Wangen. – "Warum sehen Sie mich so erschrocken an, Ellen?" rief sie unwillig, "ich bin nicht so krank, wie ich aussehe." – "Gewiss nicht, gute Julie!" sagte ich und versuchte zu lächeln.

Es war jetzt fast dunkel geworden; der Ort, wo Julie in der letzten Zeit Unterkunft gefunden hatte, war weit entlegen, ich dachte darauf, sie diese Nacht bei mir zu behalten, als Frau Millner den Kopf in die tür steckte und mich ziemlich unverbindlich aus dem Zimmer rief, um mit mir zu sprechen. Da es mir ahnte, wovon die Rede sein würde, suchte ich die Unterhandlung vor dem Ohr meines unglücklichen Gastes zu verbergen