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Haut jeden Knochen bezeichnete, hielt oder schleppte sie vielmehr ein kränkliches Kind. Sie begann noch einmal zu bitten: "O Herr, wenn es nur einige Schillinge sein könnten!" – "Nicht einen. Ihr habt schon viel mehr erhalten, wie das Kleid wert ist," sagte der Mann mit unbarmherzigem Ton. – "Nun so helfe mir Gott! so muss ich verhungern!" rief die Frau und schritt neben mir aus der Tür. Jetzt konnte ich ihre Züge unterscheiden, und wie verändert sie auch waren, erkannte ich Julie Arnold. Ich rief ihren Namen, und mit ihm trat ihre ehemalige Lieblosigkeit vor mein Gedächtniss. Starr vor Entsetzen sah ich sie einige Augenblicke anein Bild des Jammers! Krankheit, Mangel, Gram war in ihre Züge eingegraben! – Ich erinnerte mich ihrer Blüte, unsrer Kinderjahre und schlang meine arme um ihren Hals. Lange konnten wir beide nicht sprechen; sie vermochte es zuerst: "Ellen," sagte sie mit hohler, tonloser stimme, "Sie sind schrecklich gerächt!" – Jetzt erinnerte ich mich der Verwünschung, die ich damals, wie sie mich verleugnete, in der Tiefe meiner Not gegen sie ausgestossen, und nun ich sie so viel elender sah, als ich jemals gewesen, schien ich mir durch ihren Zustand gestraft. Wie ich meine Augen zu ihr aufhob, blickte sie mit Schaamröte auf mich hin und sagte: "Nicht wahr, mit mir ist, seit Sie mich nicht sahen, eine traurige Veränderung vorgegangen?" – "Lassen Sie uns nur hier fortgehen, liebe Julie, dort sollen Sie mir erzählen, was Ihnen widerfuhr", antwortete ich, indem ich ihr meinen Arm bot. Sie nahm ihn mit einem blick der Verwunderung; "gewiss, Ellen", sagte sie, "Sie müssen sich schämen, mit mir in meinem gegenwärtigen Aufzug durch die Strasse zu gehen." – "O Julie, kann ich in diesem Moment an Ihren Aufzug denken?" rief ich, im Herzen gekränkt über ihre kleinliche Bemerkung, und führte sie schweigend mit mir fort. Meine wohnung war weit weg, ihre Kräfte reichten kaum zu dem Weg hin, sie blieb mehrmals stehen, um Atem zu schöpfen. Da mir jetzt beifiel, dass ich ihr das Kind abnehmen müsste, streckte ich meine arme nach ihm aus, konnte mich aber von dem Verdacht, der mich in diesem Augenblick ergriff, nicht einer Bewegung erwehren, die ihr nicht entging. Eine noch tiefere Röte überzog ihre schwindsüchtig gefärbte Wange, und sie sagte mit einem festen blick in mein Auge: "Nein, Miss Percy, nein! es ist kein Kind der Sünde." – Mein Herz war nun um vieles erleichtert, ich umfasste das Kind, und wir setzten unsern Weg fort. Endlich erreichten wir das Haus. Meine Wirtsleute warfen übelwollende Blicke auf den Gast, den ich zu mir einführte. Ich beachtete sie nicht, brachte Miss Arnold in mein Zimmer und teilte alles mit ihr, was sich von Nahrungsmitteln vorfand. Sie ass wie eine Hungrige, aber kaum gesättigt, begann sie ihrem Gespräch die kleinliche Wendung zu geben, die es mir in alten zeiten so gefährlich gemacht hatte. Sie bemerkte, dass die Zeit, in welcher sie mich nicht gesehenwenn sie mich verändertmeiner Schönheit nur Zuwachs gegeben, besonders durch die zartere Farbe, welche mein Fieber mir zurückgelassen hatte. – "Doch, Julie, werden Sie mich in einem Punct verändert finden. Ich habe alle Freude an Schmeicheleien verlorenaber von denen soll auch gar nicht mehr die Rede sein. Jetzt erzählen Sie mir, warum ich Sie so weit von der Heimat entfernt finde, so ... erzählen Sie mir alles, was Sie drückt!" –

Julie schien dazu gar nicht abgeneigt. Sie sagte: ihre vertraute Bekanntschaft mit Lady St. Edmond hätte sie notwendig Lady Maria de Burgh nähern müssen, "denn diese Dame", sagte die arme, indem ein wohlgefälliges Lächeln um ihren blassen Mund spielte, "verlor, nachdem wir kaum ein paar Mal zusammen gekommen waren, ihr Vorurteil gegen mich. Dazu gehört nun wenig, denn sie ist eine solche Törin, dass sie nie recht weiss, was sie will." – Ich erinnerte mich mit Schaamröte der Zeit, wo Julie mit einer solchen Bemerkung mir Wohlgefallen erregen konnte, schwieg aber und liess sie forterzählen, wie Lady Marie sich dergestalt an ihren Umgang gewöhnt habe, dass sie in sie gedrungen, als Gesellschafterin bei ihr zu leben. "Damals bewarb sich Lord Glendower um Lady Maria oder vielmehr", sagte Miss Arnold, "die Dame hoffte ängstlich, dass er sich bewerben würde. Ich sah aber bald sehr deutlich, dass er, bei gleichen Umständen, mich bei weitem vorgezogen hätte". Hier hielt sie inne, als habe sie einen Einwurf von mir erwartet; wie ich schwieg, fuhr sie fort: "Sie wissen wohl, Ellen, dass ich nicht in der Lage war, eine glänzende Versorgung von mir weisen zu können, ich hatte auch keine Art von Verbindlichkeit gegen Lady Marie, die mich, ihr mein Glück aufzuopfern, hätte vermögen können." – "Glück?" rief ich, mich des unwürdigen Charakters dieses Mannes erinnernd. – "Nun, nennen Sie es, wie Sie wollen", erwiderte Miss Arnold, "in Vergleich der Abhängigkeit, in der ich leben musste, sei es von