, ich wiederhole Ihnen was ich bei dem Eintritt dieses Frauenzimmers gesagt: ihr Uebel eignet sich keineswegs für die Behandlung dieses Hauses." – "O was das anbetrifft", antwortete der Wärter mit zuversichtlichem Wesen, "so hätten Sie noch heute Morgen sehen sollen, welchen Auftritt ich wegen eines albernen Schwalbennestes mit ihr hatte." – "Den will ich dem Herrn erzählen", nahm ich das Wort, "bitte Sie aber um Entschuldigung, Sie mit meiner kränklichen Empfindlichkeit belästigt zu haben." Statt der geschichte des zertrümmerten Nestes erzählte ich aber dem Arzt mit so bündigem Zusammenhang, wie mir immer möglich war, die Veranlassung meiner Krankheit und die Umstände, denen ich mein Einsperren zuschrieb. Der Arzt hörte mich aufmerksam an, tat dann viele fragen, um sich des Zusammenhangs meiner Begriffe zu versichern, und fragte endlich: ob ich ihm gestattete, bei Herrn Boswell meinetwegen Erkundigungen anzustellen. – "Von Herzen gern, wenn Sie keinen andern Weg kennen, sich von meinen gerechten Ansprüchen an meine Freilassung zu überzeugen. Ausserdem wünschte ich Herrn Boswells häusliches Unglück nicht durch die Kenntniss von seiner Frau Verbrechen zu vermehren." – Der wackre Mann blieb noch lange bei mir, unterhielt mich von mancherlei Gegenständen, um meine Geistesfassung zu beobachten, widerlegte durch die Bemerkungen, welche ich selbst über des Wärters Anschuldigung von Ueberspannung machte, die falschen Ansichten, die der Mann von meinem Zustand hatte, und am Schluss der Unterredung – – o Entzücken, das keine Ausdrükke beschreiben! – unterzeichnete er das zeugnis meiner Entlassung aus dem Institute. –
Ich wusste nicht, wo ich nun ein Obdach finden sollte, ich musste fürchten, dass meine wiedergeschenkte Freiheit mich der Dienstbarkeit, dem Hunger, dem Elend entgegenführen würde – aber ich war frei! – und so wie der Gedanke an Gottes Schutz in meinem Kerker mein einziger Trost gewesen war, so dünkte mir, draussen in der Freiheit sei mir sein Schutz noch gewisser. Ach, ist es dem, der nach langem Sehnen den Gegenstand seiner innigen Wünsche erhält, wohl zu verdenken, wenn er ihn mit der höchsten Schöne herausschmückt? Seine Brüder, seine Mitgenossen des wandelbaren Erdenlooses, dürfen ihn darum wenigstens nicht verwerfen.
Die Ordnung des Hauses wollte, dass Mistriss Boswell, auf deren Antrag ich eingesperrt worden war, von meiner Freilassung, von meiner Wiederherstellung unterrichtet sein sollte. Der Arzt nahm das Misstrauen wahr, mit dem ich diese Nachricht empfing, sendete daher sogleich einen Boten zu ihr ab und erwartete seine Rückkehr in meiner Zelle. Dieser brachte die Nachricht, dass Herrn Boswells Haus unbewohnt und verschlossen sei, indem die ganze Familie sich aufs Land begeben habe. "Gut", sagte der menschenfreundliche Mann, "das hält Sie nicht auf. Mistriss Boswell empfange die Anzeige nach ihrer Rückkehr. Die Furcht, ihre Untat bekannt machen zu sehen, wird sie den Mangel an Förmlichkeit wohl übersehen machen." Ich nahm daraus ab, dass diese Frau durch die Furcht einer Entdeckung aus der Stadt getrieben worden; ihre Abneigung gegen das Landleben war mir bekannt, sie hatte, um unter keinem Vorwand dazu beredet werden zu können, Herrn Boswells Vorschläge zu Verbesserungen seines Landhauses stets abgelehnt. – Doch meines Schweigens über ihren an mir begangnen unmenschlichen Verrat konnte sie gewiss sein. Ich traute meinem eignen Gefühl noch zu wenig, um entscheiden zu können, ob Gerechtigkeit oder Rache mich leiten würde, indem ich mich über jenen beklagte, nahm deshalb den Entschluss, fürs erste die Begebenheit dieser letzten Wochen gegen niemand zu erwähnen. Man händigte mir bei meinem Austritt aus dem haus einige Bündel mit allem dem Wäsch- und Kleidervorrat aus, die ich in Mistriss Boswells haus besessen hatte, sie waren bei meiner Ueberkunft in das Irrenhaus abgegeben und mir treulich aufbewahrt worden. Es war so wenig, was dieser Vorrat entielt, aber der Erbe der reichsten Verlassenschaft kann nicht froher auf seine Schätze blicken, als ich auf diese geringen Habseligkeiten, die mir für die nächste Zeit Reinlichkeit und ehrbaren Anstand zusicherten.
Wie ich endlich das Haus verliess und dessen Tore hinter mir zufielen, wie der Träger, der mein kleines Gepäck trug, mich fragte, wohin ich zu gehen gedächte, schien mir das alles ein Traum. Diese Frage, die mir meinen verlassnen Zustand aufdringen musste, wie er sie zum ersten Mal tat, füllte mich mit Entzücken; im nächsten Augenblick machte sie mich stutzig; wie der Mann sie aber wiederholte, hatte ich meinen Entschluss gefasst und wies ihn wohlgemut an, mich zu meiner ehemaligen Hauswirtin, Frau Millner, zu führen. Sie empfing mich sehr kalt, sie antwortete kaum auf meine Frage: ob mein ehemaliges Zimmer offen sei, und auf meine Bitte, wenn sie mir dieses nicht geben könnte, doch eine andre anständige wohnung für mich aufzufinden, brach ihre Beredtsamkeit los. Ich musste hören, wie sie ihre Schwester, indem sie mich an Mistriss Boswell empfohlen, in die Gefahr, verabschiedet zu werden, gebracht, und dass es kein Mensch Mistriss Boswell hätte verdenken können, mich aus dem haus zu schaffen, nachdem ich so ein Unglück, wie Mistriss Jessys und ihres Vaters Krankheit, in die Familie gebracht hätte. "Also ward Herr Boswell auch angesteckt?" rief ich bestürzt. "Gewiss! und das ganze Haus wäre krank geworden, hätte man Sie nicht entfernt." Bei dem Anblick meiner aufrichtigen Teilnahme milderte sich meiner Hausfrau Betragen. Ich war zu glücklich gestimmt, um mich durch die erste Unannehmlichkeit