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stolzen Sinn völlig gebrochen; ich hatte die Vergänglichkeit jedes Erdengutes erfahren, mein letzter Götze war der Vorzug, den mir mein Verstand über Mistriss Boswell gegeben und der Uebergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit, hatte diesen Verstand in eine Verfassung gesetzt, die mich den Bewohnern eines Irrenhauses gleichstellte. Wenn ich, statt des Unwillens, mit dem ich der dummen Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte, mit wahrer Ueberlegenheit des Geistes und Milde des Gemüts sie behandelt hätte, würde der ganze gang der Begebenheit verschieden gewesen, Jessy's Krankheit vielleicht vermieden, und ich nie in dieses fürchterliche Gewahrsam gekommen sein. Mit allen diesen Betrachtungen kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemüt zurück und durch sie stärkten sich meine Kräfte. Ich war wieder fähig das Bett zu verlassen und den engen Raum meines Kämmerchens zu durchschreiten und lag meinem Wärter täglich dringender an, mir meine Freiheit zu geben. Er verwies mich immer kaltblütig auf das unleugbare Bewusstsein meiner Schwäche, berief sich aber endlich auf den nächsten Besuch des Arztes dieser Anstalt, der über meinen Aufentalt entscheiden würde. Von nun an sah ich täglich diesem Besuch, als meiner Rettungsstunde, entgegen. Während die Zeit mit bleiernem Schritte dahin schlich, hatte ich einen Gegenstand ausfindig gemacht, der mir einen Wechsel der Beobachtung, in dem Fortschritt seines Zustandes, darbot. Dieses war ein Schwalbennest, welches seine Bewohner in dem Mauerwinkel meines Zellenfensters erbaut hatten. Ich ward mit dem Tun und Lassen derselben aufs innigste vertraut, sah sie aus- und einfliegen, ihren Jungen Futter bringen, und fröhlich im Sonnenschein die Mauern umkreisen. Während die Alten, Nahrung zu suchen aussen waren, kamen die Jungen einer nach dem andern an die Oeffnung des Nestes und riefen in mein gefängnis hinein, ich sprach zu ihnen hinauf und sie antworteten mir wieder. Ich sah sie wachsen und gedeihen und mir schien es oft, als wär unser Schicksal verwandt, und die Vögelchen würden von ihren Eltern zu ihrem ersten Fluge zu eben der Zeit geführt werden, wenn mein Kerker sich öffnen würde. Eines Morgens verkündigte mir mein Wärter den lang ersehnten Besuch des Arztes, und beantwortete meine zuversichtliche Hoffnung, auf sein unfehlbares zeugnis sogleich in Freiheit gesetzt zu werden, mit gefälligem Zustimmen. Meine schwachen Nerven gerieten bei dieser Aussicht in ungeregelte Spannung. Mit Mühe hielt ich mich zurück dem Mann freudetrunken die hände zu küssen, aber auf meine Knie sank ich und strömte, noch in seinem Beisein, mein Dankgefühl zu Gott aus. Der Mann sah mich aufmerksam an und verliess kopfschüttelnd das Gemach. Ich ahnte, dass meine Heftigkeit seiner Meinung von der Gesundheit meines Kopfes nicht sehr günstig gewesen war, und suchte mich durch die Beobachtung meiner kleinen gefiederten Freunde zu zerstreuen. Jetzt bemerkte ich, dass ein heftiges Sturmwetter heranzog. Bald sauste der Wind an den Mauern her und der Regen schlug an das Fenster. Die Eltern der jungen Brut steckten die Köpfchen aus dem Nest, gleichsam um das Wetter zu beobachten; ein paar Mal schlüpften sie heraus, versuchten die Flügel zu lüften, aber der Luftstrom trieb sie zurück; sie setzten sich mit gesträubtem Gefieder aufs Gitter, schüttelten den Regen von den Fittichen und krochen wieder in ihr Nest. Um die gewöhnliche Zeit trat der Wächter wieder bei mir ein. "Wenn kommt der Arzt?" fragte ich ängstlich. – "Bei dem Sturm doch nicht?" erwiderte jener verdriesslich, "er reisst ja die Ziegel vom Dach." – In diesem Augenblick rollten wirklich Ziegel herab; ich blickte zum Fenster und rief: "Ach! das Nest reisst los! o helft, helft mir es retten!" mit diesen Worten deutete ich an das Fenster hin, und auf mein Bett steigend, bemühte ich mich mit meiner Hand an das Fenster zu reichen, um den leichten Anbau zu sichern. Es war zu spät; ein neuer Windstoss ergriff ihn und schleuderte ihn herab, indem die Alten, dem unsichern Schlupfwinkel entfliehend, vom Sturm niedergetrieben, mit ängstlichem Geschrei gegen den Boden flatterten. Meine Schwäche verriet sich freilich durch den Eindruck, den dieser nichtsbedeutende Zufall auf mich machte. Ach, dem Unglücklichen, der von der Teilnahme seiner Mitgeschöpfe keinen Trost erhält, wird die teilnahmlose natur zum Propheten und Wahrsager. Dieser Sturm an dem Tage meines ersehntesten Glückes hatte mich schon gequält, das Verderben dieser kleinen Geschöpfe, deren ersten Flug meine, jedes fremden Gegenstandes beraubte Einbildungskraft, so lange als Symbol meiner Befreiung angesehen hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Ich rang die hände und brach in ein convulsivisches Weinen aus. "Nun, da seht Ihr, dass Ihr nicht fähig seid das Haus zu verlassen", sagte mein Wärter, der mir bedenklich zugesehen hatte, mit rechtaberischem Ton, "wie würde es Euch gehen wenn Ihr Euch bei andern Leuten auch so töricht wolltet anstellen", und hiermit verliess er das Zimmer. – Die Einsicht der furchtbaren Folgen schnell übersehend, welche dieses Mannes Bericht an den Arzt, über meinen Mangel an Fassung, hervorbringen könnte, gab mir Selbstbeherrschung zurück; ich warf mir die Verirrung meiner Fantasie vor, die mit einer Art von Aberglauben in den unzusammenhängendsten Dingen, Beweisgründe für die Leitung meines Schicksals aufgesucht, da es mein besserer Sinn so oft schon gläubig in die hände eines gütigen Vaters im Himmel gelegt hatte. Mit vielem Kampfe gelang es mir, bei dem Eintritt des Arztes in einer ruhigen Stimmung zu sein. Er befragte mich sehr sorgfältig um meine Gesundheit, dann sagte er zu dem Wärter: "Herr Schmid