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natürlichen Schlaf überging.

Bei meinem auf ihn folgenden Erwachen, war es heller Tag. Ich konnte nun meinen Aufentalt übersehen. Ich befand mich in einer Art von Zelle, eben nur lang genug für mein niedriges Bett, die nackten Wände waren mit zahllosen albernen Sprüchen beschrieben, aber durch sie hin hatte eine meiner unglücklichen Vorgängerinnen einen Namen, der vielleicht die Veranlassung ihres Elendes war, in jeder Richtung mit den zärtlichsten Beinamen geschrieben. Nie kann ich diesen Namen vergessen, so unbekannt mir der blieb, der ihn trug, der ihn schrieb; denn wenn ich in der erdrückenden Untätigkeit meiner Einkerkerung alle diese Sprüche hundert Mal gelesen hatte, kehrte meine Aufmerksamkeit auf ihn zurück. Indem ich noch meine Umgebungen betrachtete, hörte ich einen festen Schritt meiner Tür nahen, den Schlüssel im Schloss sich umwenden, und ein Mann mit einem strengen dunkelgefärbten Gesicht trat herein. Er bot mir einige Speise der ärmlichsten Art. Mein krankhafter Ekel bewog mich, sie schnell von mir zu wehren; darauf reichte er mir einen Trank von Milch und wasser, den ich mit Begierde verschluckte und soweit es meine Schwäche gestattete, dafür dankte. Des Mannes strenger blick milderte sich ein wenig. "Ihr seid heute früh etwas besser?" fragte er. – "Ich werde es bald sein", erwiderte ich mit schwachem Lächeln. Er wendete sich um fortzugehen, als mich der Gedanke ergriff, dass ich nach meiner Auflösung, die ich für unfehlbar sich nahend ansah, diesem mann, vielleicht seinen noch roheren Gehülfen, überlassen sein könnte; ich bot alle meine Kräfte auf, rief ihn zurück und bat: "wenn es mit mir aus ist, so bittet dochaus Barmherzigkeit! bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer, dass sie für meinen Leichnam sorge! Ich war von gutem stand und bin keiner Unanständigkeit gewohnt." – Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu genügen und ermunterte mich dadurch noch mehr zu bitten. "Ich habe einen Freund, dem möchtet Ihr doch auch schreiben!" – "Warum nicht, wie heisst er?" fragte er eifrig. – Herr Maitland, der reiche indische Kaufmann. Schreibt ihm Ellen Percy sei hier gestorben und habe seiner mit achtung und Dankbarkeit gedacht." – Der Wärter sah mich einen Augenblick mit Erstaunen an, dann lächelte er ungläubig und ging mit den sorglos ausgesprochnen Worten: "ja, ja, ich werde es besorgen" aus der Zelle.

Meine zitternde Hoffnung, meine freudige Zuversicht eines heran nahenden Todes, ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Wärters, der mir zu bestimmten Stunden Nahrung brachte, unterbrochen. Eine ruhige Nacht stärkte meine Kräfte so merklich, dass den folgenden Tag, mit der Möglichkeit zu leben, auch die Freude am Leben zurückkehrte. Mit dieser Freude ward aber auch das schreckliche Bewusstsein meiner Lage in mir klar. Ich begriff, dass Irrtum oder Bosheit die Bewusstlosigkeit meines, von Jessy geerbten Fiebers für einen Zustand angesehen hatte, der mich in die klasse der Unglücklichen, welche diese Anstalt bewohnten, beigesellen musste. Welche helfende Hand würde sich aber, wenn Bosheit mich hier festielt, meiner erbarmen? Kein lebendes Wesen entbehrte mich von allen, die mich jemals gekannt; Niemand fand eine Lücke, da wo ich meinen Platz in der Gesellschaft besessen; wer sollte nach mir forschen? wer an mir, an der aus den Lebenden ausgestrichnen, Barmherzigkeit üben wollen? – Meine Unerfahrenheit gab mir keine Möglichkeit an, mir einen Ausgang aus diesem furchtbaren Aufentalt zu verschaffen. Monate lang hier zu bleiben, Jahre lang vielleicht, war ein Gedanke, vor dem ich meinen schwachen Kopf hüten musste, denn er drohte mich den Unglücklichen gleich zu stellen, deren herzzerreissende Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug. Sobald mein Wärter am zweiten Tage zu mir eintrat, empfing ich ihn mit der Frage: warum ich mich in dieser Anstalt, zu der mein Zustand mich keineswegs eigne, befinde? "Herr und Mistriss Boswell", sagte ich, "wissen beide, dass mich das Fieber bei der Krankenpflege ihrer Tochter befiel." – "Ja, ja, das wissen sie," antwortete er besänftigend. – "Warum haben sie mich denn hierher geschickt?" – "Ja, für was halten Sie denn dieses Haus"? sagte der Mann nach einigem Nachsinnen. "Denken Sie denn es sei ein Irrenhaus? Es ist eine Krankenanstalt für Kranke Ihrer Art." – Jetzt nahm ich wahr, dass er mich glaubte als eine Verrückte beruhigen zu müssen. Ich bat ihn dringend, er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden Zustand meines Gehirns überzeugen und mich aus dem haus entlassen. Er versprach mir, dass dieses, sobald es mein Zustand erlaubte, geschehen sollte. Um meine Kräfte bald herzustellen, sei es aber notwendig, mich ruhig zu halten, und mir die unnützen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen. So schaudervoll dieser unbestimmte Aufschub meiner Wünsche war, musste ich dem Mann doch rücksichtlich der notwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben, recht geben. Ich erbat sie innig von Gott, und wendete mein Gemüt mit unendlicher Anstrengung von der Hoffnung der Befreiung aus diesem fürchterlichen Aufentalt, die meine nächste Zukunft beglücken sollte, zu der Vergangenheit hin, die durch Torheit, Eigensinn und Unglück mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte. Das Nachdenken während der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr, wie Jahre des Glückes hätten tun können. Mein letztes Unglück hatte meinen